Gefangen in der Endlosschleife

Menschen mit ADHS sind besonders anfällig für die Kurz-Video-Dauerberieselung in sozialen Netzwerken und spüren die negativen Auswirkungen besonders stark

Noch ein Video und noch eins und nur noch eins und dann noch eins. Bestimmt kennt ihr diesen Zustand, wenn ihr vor TikTok oder Instagram hängt und einfach nicht aufhören könnt, immer weiter zu scrollen. Das ist kein Wunder: Kurzvideo-Plattformen wie TikTok, Instagram Reels oder YouTube Shorts nutzen eine effektive Taktik, um dafür zu sorgen, dass ihr dran bleibt. Sobald ihr scrollt, werden immer neue Videos geladen, eine Endlosschleife, bei der kein Ende in Sicht ist. Dabei scheint alles so interessant - schließlich ist die Auswahl ausgerichtet an euren Interessen und ihr wollt nichts verpassen. Das führt dazu, dass ihr viel länger festhängt, als ihr wolltet und euch möglicherweise davon emotional gestresst fühlt. Menschen mit ADHS geraten besonders leicht in diesen Sog, den Forscher:innen als "Engagement-Falle" bezeichnen.

Die Engagement-Falle

Eine aktuelle Studie der TU Graz hat nun untersucht, wie stark sich diese Art Empfehlungssysteme auf Menschen auswirken, die unter ADHS leiden und häufig Schwierigkeiten mit Impulskontrolle, Zeitmanagement oder Selbstregulation haben.

Die Forschenden um Elisabeth Lex vom „Institute of Human-Centred Computing“ definieren das Phänomen der „Engagement-Falle“ als "einen Zustand, in dem (Video-)Empfehlungen einerseits als sehr relevant wahrgenommen werden, aber andererseits Menschen große Schwierigkeiten haben, sich vom Bildschirm zu lösen und ihr eigenes Verhalten bewusst zu steuern. Sie verlieren die Kontrolle darüber, wann sie aufhören und das Handy weglegen – und ganz besonders betrifft das leider Personen mit ADHS", erklärt Forscherin Lex.

Wie lange hänge ich hier schon fest?

In der Studie mit 302 Teilnehmenden konnte gezeigt werden, dass Menschen mit ADHS eine deutlich größere Zeitblindheit aufwiesen. Sie hatten größere Schwierigkeiten einzuschätzen, wieviel Zeit beim Scrollen verstrichen war. Sie blieben häufig länger als sie wollten, und es fiel ihnen schwerer, den Konsum der kurzen Videos zu unterbrechen.

Wenn sie dann die App endlich schlossen, blieb die emotionale Belastung. Sie empfanden eher Reue und Schuldgefühle und empfanden die verbrachte Zeit nicht als wertvoll. Sie hatten eine schlechtere Stimmung und verdrängten wichtige Aufgaben, die sie eigentlich hatten erledigen wollen. „Unsere Erkenntnisse belegen, dass auf Engagement optimierte Empfehlungssysteme eine unverhältnismäßige emotionale und verhaltensbezogene Belastung für Menschen mit ADHS darstellen“, führt Lex weiter aus.

Digitale Selbstbestimmung unterstützen statt an die Plattform binden

Weil das Menschen mit ADHS ungleich belastet, fordern die Forscher:innen, dass solche Angebote ein neurodiversitäts-sensibles Design erhalten. In der Studie befürworteten die Testpersonen beispielsweise Hilfsmittel, die vor überbordendem Videokonsum schützen sollen. Das könnte durch eine feste Maximalzahl an Videos pro Sitzung erreicht werden oder auch durch eine ständige Anzeige der Zeit.

Elisabeth Lex betont die Verantwortung der Entwickler:innen, die nicht nur darauf schauen sollten, Menschen an die Plattform zu binden, sondern die Angebote so zu gestalten, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und in seinem Zeitbewusstein und in seiner Kontrolle unterstützt wird. Solche Funktionen könnten dabei helfen, die negativen Auswirkungen der Engagement-Falle nachhaltig abzufedern und die digitale Selbstbestimmung zu stärken

Süchtig machendes Design

Die Kritik an den großen Plattformbetreibern Meta und Google nimmt immer weiter zu, in den USA gab es bereits Gerichtsverfahren, in denen sie von einer Jury für fahrlässig befunden und zu insgesamt 6 Millionen US-Dollar Schadenersatz verurteilt wurden. TikTok und Snapchat hatten sich zuvor mit der Klägerin außergerichtlich geeinigt.

Auch die Europäische Kommission stellte im Februar 2026 bei TikTok und im Juli 2026 bei Instagram und Facebook vorläufige Verstöße gegen den Digital Services Act wegen „süchtig machenden“ Designs fest. Dabei ging es vor allem um das Endlosscrollen (Infinite Scrolling), Autoplay, Push-Benachrichtigungen und personalisierte Empfehlungssysteme sowie deren mögliche Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit, insbesondere von Minderjährigen und vulnerablen Erwachsenen.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 9. Oktober 2026