G8 oder G9 - Was macht intelligenter?

Forscherteam der Uni Dortmund und Marburg untersuchte, wie sich die Länge der Schulzeit auf Leistungen in Intelligenztests auswirkt

G8 oder G9 – welche Schulform auf dem Weg zum Abitur ist die bessere? Darüber reden sich nicht nur Schüler_innen, Lehrkräfte, Politiker_innen und Eltern die Köpfe heiß, sondern natürlich beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit dieser Frage. Einige Studien zeigen, dass sich jedes zusätzliche Schuljahr positiv auf das Abschneiden in Intelligenztests auswirkt. Kritiker_innen bezweifeln allerdings, dass es sich dabei um eine „echte“ Intelligenzsteigerung handelt. Sie glauben, dass das bessere Abschneiden in Intelligenztests nur an der Vermittlung spezifischer Fähigkeiten wie Lesefähigkeit, Rechenflüssigkeit oder Faktenwissen liege. „Wir haben diese beiden Aussagen direkt einander gegenübergestellt und geprüft“ sagt Ricarda Steinmayr, Professorin für Pädagogische Psychologie an der TU Dortmund und Initiatorin der Studien. „Unsere Ergebnisse sind ein erster Hinweis darauf, dass der Einfluss von Beschulung auf die Intelligenztestwerte vorrangig auf eine ‚echte‘ Steigerung der Intelligenz zurückgeht und weniger auf eine Förderung spezifischer, lehrplangebundener Fähigkeiten.“

Intelligenztests nach dem Übergang in die gymnasiale Oberstufe
In zwei Untersuchungen verglichen die Forscher_innen die Intelligenztestwerte von G8- und G9-Schüler_innen an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen, die kurz nach dem Übergang in die Oberstufe untersucht wurden. Während sich die G8-Schüler in der zehnten Klasse befanden, waren die G9-Schülerinnen bereits in der elften Jahrgangsstufe. Während der regulären Unterrichtszeit bearbeiteten sie den Berliner Intelligenzstrukturtest. Die Datenerhebung für Studie 2 fand für die G9-Schüler_innen in den Jahren 2007 und 2008, für die G8-Schüler im Herbst 2012 und 2013 statt. In dieser Untersuchung bearbeiteten insgesamt 244 G8- und 204 G9-Schüler_innen einer Schule den revidierten Intelligenz-Struktur-Test 2000 R. In beiden Arbeiten erfassten die Forscher_innen zusätzlich Informationen zu den Notendurchschnitten des letzten Zeugnisses  sowie zu ihrem Geschlecht, Alter und dem höchsten Bildungsgrad ihrer Eltern.

G9-Schüler_innen erzielen bessere Leistungen im IQ-Test
In beiden Studien zeigte sich, dass die G9-Schüler_innen in fast allen Intelligenzbereichen besser abschnitten als die aus G8. Die Unterschiede zeigten sich auch dann, wenn der Alterseffekt statistisch herausgerechnet worden war. Laut den Autor_innen weisen die Ergebnisse darauf hin, dass die Dauer der Beschulung mit einer Steigerung intelligenznaher Fähigkeiten – also einer „echten“ Steigerung der Intelligenz – einhergeht. Wie genau die längere Schulzeit Fähigkeiten wie logisches Schlussfolgern oder das Kurzzeitgedächtnis fördert, lässt sich aus den Daten selbst nicht herauslesen. Die Forscher_innen haben jedoch Vermutungen: Demnach treffen Schüler_innen im Laufe ihrer Schulzeit auf viele kognitive Herausforderungen und verschiedene Lehrkräfte und müssen sich so immer einer Reihe von Anpassungsprozessen stellen. „In diesen Prozessen findet das Denken immer stärker losgelöst von den eigentlichen Aufgaben statt. Im Laufe der Jahre wird abstrakteres Denken immer mehr unterstützt und eingeübt“, erklärt Sebastian Bergold, Juniorprofessor für Kinder- und Jugendpsychologie an der TU Dortmund und Erstautor der Studie. „Ein Jahr mehr Beschulung kann diesen Prozessen folglich auch mehr Raum geben.“

„Unsere Studie kann als ein erster Hinweis darauf verstanden werden, dass eine längere Beschulung unabhängig vom Curriculum die Intelligenz fördert“, fasst Ricarda Steinmayr die Ergebnisse beider Arbeiten zusammen. „Wir haben allerdings lediglich Stichproben aus zwei nicht repräsentativ ausgewählten Schulen untersucht. Deshalb sind weitere, vor allem größer angelegte Studien notwendig, um diesen Befund abzusichern.“

Detlef Rost, Professor em. für Pädagogische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der Universität Marburg und Gastprofessor an der Faculty of Psychology der Universität Südwestchinas in Chongqing, ergänzt: „Es wäre wünschenswert, wenn im Zuge grundlegender Veränderungen im Bildungswesen von Beginn an Begleitforschung initiiert würde. Systematische empirische Forschung wie die hier vorliegende Studie kann dabei zu einer Versachlichung der Debatte beitragen.“

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