Foto genügt!

Studie: Freundschaftliche Nähe lindert Stress, auch wenn die Person nicht im selben Raum ist

Foto von Octavio J. García N. von Pexels

Du steckst in einer tiefen Krise? Alles geht drunter und drüber? Und ausgerechnet jetzt kannst du deine beste Freundin oder deinen besten Freund nicht sehen oder dich von ihr oder ihm in den Arm nehmen lassen? In dieser Situation stecken derzeit wohl besonders viele. Nicht nur, dass die Corona-Pandemie sowieso schon eine psychische Belastung ist, es wird einem auch das verwehrt, was man am dringendsten bräuchte. Tatsächlich hat die beruhigende Macht von sozialer Nähe aber auch dann Wirkung, wenn man die Person nicht physisch vor sich hat. Das hat eine Studie der Universitätsprofessorin Carmen Morawetz von der Universität Innsbruck in Zusammenarbeit mit Kolleg_innen der Freien Universität Berlin und der Universität Melbourne gezeigt, in der die Forscher_innen mit einem bildgebenden Verfahren sichtbar gemacht haben, was im Gehirn passiert, wenn man das Foto eines nahestehenden Menschen betrachtet.

Auch virtuelle Unterstützung wirkt
In stressigen Lebenslagen versuchen wir mit unterschiedlichen Strategien, negative Gefühle in den Griff zu bekommen, etwa indem wir versuchen, die Situation weniger negativ zu bewerten, uns gedanklich ablenken oder uns innerlich Mut zusprechen. Dabei übernimmt ein Gehirnbereich, der lateraler präfrontaler Kortex genannt wird, eine zentrale Rolle. Er "unterdrückt Antworten in Regionen, die mit der Emotionsentstehung zu tun haben, wie der Amygdala, auch Mandelkern genannt. Diese emotionale Kontrolle kann durch soziale Unterstützung verbessert werden“, verdeutlicht Carmen Morawetz. „Wir wissen aus zahlreichen anderen Studien, dass Menschen Gefühle durch soziale Nähe besser bewältigen können“, ergänzt sie. Das Spannende an der aktuellen Studie war aber laut Morawetz, dass sich diese soziale Unterstützung auf das Zusammenspiel verschiedener Gehirnregionen selbst dann auswirkt, wenn diese nur „virtuell“ erfolgte, die unterstützend wirkende Person also nicht selbst im Raum anwesend war. Dabei wird die Hirnaktivierung durch die soziale Nähe zum Freund oder zur Freundin beeinflusst. „Das heißt, es macht für unser Gehirn einen Unterschied, ob wir Hilfe von uns nahestehenden Menschen, wie in diesem Fall unserem/unserer besten Freund_in bekommen, oder ob es sich um eine für uns unbekannte Person handelt“, betont Carmen Morawetz.

Ergebnisse für die aktuelle Corona-Situation besonders bedeutsam
Auch wenn die Daten zur Studie vor Corona entstanden sind, sind die Erkenntnisse jetzt umso bedeutsamer“, meint die Wissenschaftlerin. Gerade junge Leute kommunizieren – noch mehr in Zeiten von Social Distancing – schriftlich, tauschen sich über Messenger-Apps über Gefühle aus und suchen so auch Hilfe. Nicht ganz unähnlich sind die Bedingungen, die Carmen Morawetz für ihren Versuch geschaffen hat: Während des fMRT Experiments wurden den Proband_innen negative Bilder präsentiert und sie wurden angewiesen, ihre dadurch entstandenen Gefühle abzuschwächen. Dies geschah unter drei Bedingungen: Die Versuchteilnehmer_innen sollten versuchen, ihre negativen Emotionen alleine ohne Hilfe abzuschwächen, mit Hilfe ihres besten/er Freundes/in oder aber mit Hilfe einer fremden Person. Die soziale Unterstützung erfolgte durch einen aufbauenden Satz zusammen mit einem Foto des besten Freundes/der besten Freundin oder einer fremden Person. In der Kontrollbedingung sollten die Proband_innen ihren Gefühlen freien Lauf lassen.
Die Ergebnisse zeigen, dass soziale Nähe ein wichtiger Faktor in herausfordernden Situationen ist und eine positive Wirkung auf unsere Fähigkeit hat, Emotionen zu kontrollieren - auch wenn sie virtuell stattfindet. Wenn euch also negative Gefühle zu überwältigen drohen, dann sprecht euch selbst Mut zu und betrachtet dabei ein Bild von dem Menschen, der euch unter normalen Umständen eine Schulter zum Ausweinen bieten würde oder veranstaltet eine Videokonferenz. Die Macht der Freundschaft wirkt nämlich offenbar über physische Grenzen hinweg.

Die Studie ist im Fachjournal Neuroimage erschienen.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung (idw-online) / Foto:  Foto von Octavio J. García N. von Pexels - Stand: 10. Februar 2021