Fleisch ist doch nicht vom Tier

Kulturelle Betrachtung des als "Fleischparadoxon" bekannten Phänomens, warum wir Tiere essen, obwohl wir sie lieben

Obwohl wir alle mittlerweile wissen dürften, welch schlechte Folgen unser Konsum von Tieren (nicht zuletzt für das Klima) haben kann, isst die Menschheit weiterhin Fleisch. Tatsächlich sind es immerhin noch etwa 90-97 %, die das tun, wobei der weltweite Fleischkonsum sogar derzeit noch ansteigt. Trotzdem: die Mehrheit der Menschen ist - zumindest bis zu einem gewissen Grad - daran interessiert, dass es Tieren gut geht. Untersuchungen zeigten sogar, dass viele Menschen eher Mitgefühl für Hunde als für erwachsene Menschen empfinden. Eine neue Literaturstudie britischer Forscher_innen untersucht dieses "Fleischparadoxon" - nämlich die seltsame Gleichzeitigkeit von Fleischkonsum und Tierschutz.

Die Forscher_innen erkennen zwei wichtige psychologische Prozesse, die in diesem Paradoxon ablaufen: Trigger und Wiedergutmachungsstrategien. Trigger führen dazu, dass sich Fleischkonsument_innen in Bezug auf ihren eigenen Fleischkonsum unwohl fühlen; das passiert zum Beispiel dann, wenn wir beim Genuss eines Nackensteaks daran erinnert werden, dass das Fleisch von einem geschlachteten Tier stammt. Diesem Gedanken kann man jedoch durch bestimmte Strategien entkommen und so das Unbehagen überwinden.

"Natürlich", "notwendig", "schön" und "normal"

Die gängigsten Strategien sind laut den Forscher_innen solche, bei denen wir "Lebensmittel"-Tiere als minderwertig und daher als unfähig zum Denken, Fühlen oder Verstehen betrachten. Alternativ dazu rechtfertigen manche Menschen den Fleischkonsum als "natürlich", "notwendig", "schön" und "normal". Ein weiterer gängiger Ansatz besteht darin, Fleisch von Tieren zu trennen, indem alternative Bezeichnungen wie "Vieh", "Schweinefleisch" und "Geflügel" verwendet werden.

Studien ergaben auch kulturelle Unterschiede: So distanzieren sich Amerikaner_innen offenbar stärker von der Tatsache, dass das Fleisch von Tieren stammt als zum Beispiel Ecuadorianer_innen, vielleicht weil es in Ecuador üblicher ist, Fleisch mit dem Kopf des Tieres zu servieren. In einer anderen Studie wurde festgestellt, dass man in Frankreich im Vergleich zu China eher bestreitet, dass Tiere einen eigenen Verstand haben.

Menschen rechtfertigen ihren Fleischkonsum auch damit, dass er Teil ihrer religiösen Traditionen ist. So wird der Fleischkonsum mit Gottes reichlicher Versorgung mit Lebensmitteln in Verbindung gebracht oder auf das ethische Schlachten im Islam hingewiesen.

Wie Ideologien den Fleischkonsum beeinflussen

Die Abneigung gegen Tiere scheint bei Männern übrigens deutlich stärker ausgeprägt zu sein als bei Frauen, so das Fazit der Studie. Die Forscher_innen stellen jedoch fest, dass dies wahrscheinlich auf traditionelle geschlechtsspezifische Einstellungen zurückzuführen ist. So halten Militärs und Frauen laut einer Studie den Fleischkonsum für etwas Männliches und assoziieren ihn mit dem Geschlechterstereotyp "Mann als Jäger". Andererseits zeigen diejenigen, die nicht so sehr an die traditionelle Männlichkeit glauben (einschließlich Männer), ein größeres Engagement für Tiere.

"Diese Forschung zeigt, wie Männlichkeitsstereotypen Männer und/oder diejenigen, die 'männlich' sein wollen, dazu zwingen, beim Fleischkonsum nicht daran zu denken, dass sie ein Tier essen, was vielleicht erklärt, warum sich Frauen häufiger als Männer als Vegetarierinnen und Veganerinnen identifizieren". So sind beispielsweise 63 % der Veganer weiblich, während nur 37 % männlich sind.

Auch politische Ideologien spielen offenbar eine Rolle. So scheint ein größerer Konservatismus mit einer negativen Einstellung gegenüber Vegetarismus und Veganismus verbunden zu sein und den Fleischkonsum als "natürlich", "notwendig", "schön" und "normal" zu rechtfertigen, und Personen mit rechtsgerichteten politischen Überzeugungen sind eher bereit, Fleisch zu konsumieren. Eher Linksgerichtete sehen Vegetarismus und Veganismus positiver, auch im ethischen und ökologischen Kontext.

Weniger Männlichkeit, mehr Vegetarismus

Die wichtigste Schlussfolgerung der Studie lautet: Einige Menschen engagieren sich eher für Tiere als andere, darunter: Frauen, Menschen, die Männlichkeit weniger schätzen, weniger traditionelle Geschlechtereinstellungen haben und Männer, die eine "neue Männlichkeit" schätzen. Daher sind Menschen aus diesen Gruppen möglicherweise eher bereit, Maßnahmen zur Fleischreduzierung zu unterstützen.

Sarah Gradidge, die Hauptautorin, sagt: "Es ist spannend, die erste umfassende strukturierte Literaturübersicht über das 'Fleischparadoxon' vorzulegen, und wir hoffen, dass sie sowohl die Literatur über das 'Fleischparadoxon' als auch Verhaltensweisen in der realen Welt, wie z. B. die Fleischreduktion, beeinflussen wird. Die Arbeit wird nicht nur für die Forscher des "Fleischparadoxons" von Interesse sein, sondern auch für Menschen und Organisationen, die den Fleischkonsum reduzieren wollen, und sogar für Fleischkonsument_innen selbst, die ihre psychologische Beziehung zu Fleisch besser verstehen wollen. Angesichts der dringenden Notwendigkeit, den Fleischkonsum zu reduzieren, um die Umwelt zu schonen, kommt diese Studie gerade zur rechten Zeit, und wir hoffen, dass sie diese Bemühungen unterstützt.

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