Es geht nicht darum, ob man hier noch Fisch essen kann

Eine Japanerin erzählt über Erdbeben, den Umgang mit radioaktiven Strahlen und warum ihre Landsleute nicht wirklich ruhig sind..

Der Kranich ist ein Glücksbringer in Japan! Hoffentlich geht alles gut aus!

Yuka, lebt seit 9 Jahren in Deutschland und hat soeben ihr Psychologiestudium abgeschlossen. Mit LizzyNet-Reporterin Sabrina Moosmann sprach sie über das Erdbeben in Japan, wie es ihrer Familie geht und über die Mentalität der Japaner.

Wie hast du von Erdbeben und Tsunami erfahren?
Meine Mitbewohnerin hat mir am Freitag (11.3) erzählt, dass es in Japan ein Erdbeben gab. Dann habe ich mich im Internet informiert. Da es aber im Norden passiert ist und meine Familie im Süden (Osaka) wohnt, habe ich mir nichts dabei gedacht. Es gibt häufiger Erdbeben in Japan. Ich habe dann aber viele Nachrichten von Freunden aus Deutschland und dem Ausland bekommen, die gefragt haben, ob es mir und meiner Familie gut geht. Als ich dann im Fernseher die Bilder des Tsunami gesehen habe, hat mich das Ausmaß der Katastrophe erschreckt.

Wie haben deine Verwandten und Freunden das Erdbeben erlebt?
Meine Familie hat von dem Erdbeben kaum etwas gemerkt, da Osaka weit vom Epizentrum entfernt liegt. Eine Freundin aus Tokyo wurde es schwindelig, aber sie merkte erst danach, dass es am Erdbeben lag. Da sich viele auf der Arbeit nicht mehr konzentrieren konnten, wurden sie von ihren Chefs nach Hause geschickt. Das dauerte aber teilweise bis zu 6 Stunden, da die Verkehrsverbindungen zusammengebrochen waren.

Hast du selbst schon ein Erbeben erlebt?
Als ich in der 11. Klasse war gab es in der Nachbarstadt ein großes Erdbeben. Das war 1995 in Köbe, wo ich zur Schule ging. Da es morgens statt fand, waren zum Glück nicht viele Menschen unterwegs. Meine Schule wurde völlig zerstört und auch die Autobahn, die auf Stelzen steht, kippte einfach um. Für den Weg brauchte man eineinhalb Stunden, nach dem Erdbeben waren es sieben.

Hast du als Schüler Übungen gemacht, wie man sich bei einem Erdbeben verhält?
Nein, in Osaka gab es das nicht. Wir haben nur Feuerwehrübungen gemacht. In Tokyo gibt es so etwas aber schon.

Gab es Stromausfälle?
Im Süden gab es keine Stromausfälle, da Japan von zwei Energiefirmen in der Mitte aufgeteilt ist. Deshalb besitzt der Süden ein separates Stromnetz.

Glaubst du, dass die deutschen Medien mit ihrer Berichterstattung übertreiben?
Das kann ich nicht einschätzen. Allerdings denke ich, dass die Deutschen immer vom Schlimmsten ausgehen, die Japaner eher vom Besten. Deshalb wird in Japan weniger übertrieben, da dies peinlich wäre und Pessimismus sehr negativ bewertet wird. In Japan herrscht die Dynamik, alles im mittleren Bereich zu lassen und gleicher Meinung zu sein. In der Gesellschaft ist es nicht gern gesehen, wenn man sich auffällig verhält. Die Gesellschaft sucht immer den Konsens und möchte so neutral wie möglich sein. Ich denke, die Japaner sind nicht so sensibilisiert bezogen auf das Thema Atomkraftwerke wie die Deutschen. Deutschland hat die Auswirkungen der Katastrophe in Tschernobyl miterlebt und ist auch im Umweltschutz aktiver. Die deutsche Gesellschaft ist mehr an den Menschen orientiert und beschäftigt sich eher mit der Frage, wie man sicher lebt. In der Schule haben wir viel über die Folgen der Atombombe gelernt, aber Folgen der radioaktiven Strahlung bei einem Super-GAU waren nie Thema. Ich vermute, weil die Folgen der radioaktiven Strahlung nicht gleich sichtbar sind, hat man einfach keine Vorstellung, wie gefährlich das ist. Meiner Meinung nach sind Japaner nicht so umweltbewusst. Sie wollen ihren Lebenstandart nicht aufgeben um die Umwelt zu schützen.

Gibt es in Japan eine Anti-Atomkraftbewegung?

Natürlich gibt es auch in Japan eine Bewegung gegen Atomkraft. Sie ist allerdings nicht sehr stark. Ich glaube, dass hängt von zwei Faktoren ab. Zum einen gibt es in Japan keine Diskutierkultur. Die eigene Meinung wird nicht offen vertreten, da sie nicht auffallen wollen. Sie haben Angst mit ihrer Meinung andere zu verletzen, deshalb wird Kritik sehr sanft formuliert. Japaner sind sehr harmoniebedürftig. Zum anderen sind Gegenbewegungen in der Gesellschaft nicht sehr präsent. Es ist die Haltung verbreitet, dass eine solche Bewegung für die Gesellschaft nicht wichtig ist. Die Werte sind eher wirtschaftlich als sozial geprägt und die Gesellschaft baut sozialen Druck auf.

Wurde in Japan über die radioaktive Strahlung informiert?
Im Fernsehen wurde berichtet, dass der gesundheitliche Schaden nicht groß ist. Aber was bedeutet gesundheitsschädlich? Es hieß, die Strahlung sei geringer als Röntgenstrahlung. Aber wenn man dieser permanent ausgesetzt ist, ist es doch auch gesundheitsschädlich. Außerdem ist nicht ganz klar, was die Zahlen und Werte bedeuten, da das Wissen fehlt. Auch im Internet gibt es viele Diskussionen. Ich glaube auch, dass die Politik die Gesellschaft nicht in Panik versetzen will und deshalb weniger Informationen raus gibt.

Zum Thema Panik: Im deutschen Medien heißt es immer wieder die Japaner würden sich so ruhig verhalten. Findest du das auch?
Naja, es wird ja davon berichtet, dass in Tokyo zu Hamsterkäufen kam und viele Lebensmittel ausverkauft sind. Kann man das als ruhig bezeichnen? Ich denke schon, dass die Menschen beunruhigt sind. Ich denke auch, dass viele Leute Angst haben, ihren Job zu verlieren, wenn sie wegen einer möglichen radioaktiven Strahlung nicht zur Arbeit kommen oder in eine andere Stadt gehen. Sie orientieren sich an der Meinung der anderen. Wenn alle bleiben, bleiben sie auch. Wir haben schon in der Schule gelernt, uns gemeinsam zu helfen und in schwierigen Situationen zusammenzuhalten. Vielleicht ist das der Grund, warum die Menschen so „ruhig“ scheinen.

Wie beurteilst du die Entscheidung von Angela Merkel über die Kehrtwende in der Energiepolitik?
Ich hab mich nicht mit den politischen Ereignissen in Deutschland beschäftigt, sondern nur die Nachrichten zu Japan verfolgt. Dort geht es um Menschenleben. Um die AKWs in Deutschland kann man sich auch später noch kümmern. Es geht jetzt nicht darum, ob man in Deutschland noch Fisch essen kann, sondern um Hilfe für die Erdbebenopfer: Medikamente, Essen, Wasser. Ich denke, Japan und Deutschland haben momentan verschiedene Schwerpunkte und ich hoffe, dass nicht noch schlimmeres passiert.

Vielen Dank für das Interview!

    Autorin / Autor: Sabrina Moosmann - Stand: 18. März 2011
     
     
     

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