Emotionale Ansteckung

Studie: Die Wut von Politiker_innen kann auch zu einer erhöhten Wahlbereitschaft führen

Wer sich aufregt und auch ärgerlich wird, wenn seine oder ihre Lieblingspolitiker_innen eine empörte Rede halten, braucht nicht gleich zu denken, jetzt zur Wutbürgerin zu werden. Nach einer neuen Studie von Carey Stapleton von der University of Colorado Boulder und Ryan Dawkins von der U.S. Air Force Academy kann sich politische Wut leicht verbreiten: Gewöhnliche Bürger_innen spiegeln nämlich die wütenden Emotionen von Politiker_innen, über die sie in den Nachrichten lesen. Doch eine solche "emotionale Ansteckung" könnte auch einige Wähler_innen, die sich sonst von der Politik abwenden würden, dazu bringen, zur Wahl zu gehen. "Politiker wollen wiedergewählt werden, und Wut ist ein mächtiges Werkzeug, das sie dafür einsetzen können", sagt Stapleton.

Die Studie
Die Forscher befragten rund 1.400 Personen aus dem gesamten politischen Spektrum online und präsentierten ihnen eine Reihe von fingierten Nachrichtengeschichten über eine aktuelle politische Debatte. Sie entdeckten, dass, wenn es um Politik geht, geäußerte Wut zu immer mehr Wut führen kann. Proband_innen, die über eine_n wütende_n Politiker_in ihrer eigenen Partei lasen, gaben anschließend häufiger an, dass sie selbst auch wütend seien, als jene, die keine solche Nachricht gelesen hatten. Dieselben wütenden Parteifreund_innen berichteten auch, dass sie sich eher in der Politik engagieren, von der Teilnahme an Kundgebungen bis zur Stimmabgabe am Wahltag. "Wut ist eine sehr starke, kurzfristige Emotion, die Menschen zum Handeln motiviert", sagte Stapleton. "Aber auf lange Sicht kann sie auch viele negative Auswirkungen haben. Es besteht immer die Möglichkeit, dass die Wut in Wut und Gewalt umschlägt."

In den USA gehen Wut und Politik schon lange Hand in Hand, aber zurzeit ist die amerikanische Politik besonders gespalten. Laut dem Pew Research Center sagten im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2020 "etwa neun von zehn Anhängern von Trump und Biden, dass es der Nation 'nachhaltigen Schaden' zufügen würde, wenn der andere Kandidat gewinnen würde." Diese Wut kochte über bis zu den tödlichen Ergebnissen, als ein Mob von Anhänger_innen des damaligen Präsidenten Trump das Kapitol stürmte. "Bisher hat sich politikwissenschaftliche Forschung darauf konzentriert, was wir tun, wenn wir eine Emotion wie Wut empfinden, und nicht darauf, wie unsere Emotionen andere Menschen beeinflussen", sagte Stapleton.

Kämpferische Worte
Um herauszufinden, wie die Emotionen von Politiker_innen auf ihre Unterstützer_innen abfärben, führten er und Dawkins ein Experiment durch. Das Duo schrieb eine Reihe von News über eine Debatte über Einwanderungspolitik zwischen zwei Kongress-Kandidat_innen in Minnesota. Die Proband_innen wussten nicht, dass weder die Kandidat_innen noch ihre Debatte echt waren. Die Forscher ließen die "falschen" Politiker_innen eine Sprache sprechen, die ins Empörende kippte (auch wenn sie in der aktuellen politischen Landschaft noch zahm wirken mochte). "Wenn ich mir unsere Grenzen anschaue, bin ich wütend über das, was ich sehe", um ein Beispiel zu nennen. Zur Kontrolle ließen die Forscher manche Poltiker_innen aber auch eine neutraleren Sprache nutzen.
Die Ergebnisse des Teams zeigten deutlich: politische Wut kann eine starke Kraft sein.

"Wir werden selbst auch wütender, wenn wir sehen, dass unsere Parteifreunde wütend sind", sagte Stapleton. "Wenn die Gegenseite aber wütend ist, scheint es uns nicht sonderlich zu beeinflussen."

Lasen beispielsweise Demokrat_innen, dass ein Parteifreund wütend wurde, berichteten sie oft, dass sie selbst wütend wurden. Stießen sie hingegen auf neutrale Informationen oder lasen ein wütendes Zitat eines Republikaners, führte das nicht zu den gleichen Gefühlsschwankungen.

Ein weiteres interessantes Ergebnis war, dass diejenigen, die für diese Emotionen am empfänglichsten waren, nicht zu den eingefleischten Parteifreunden gehörten, sondern es sich eher um gemäßigte Wähler_innen handelte.

"Die wirklich weit links und rechts sind, sind bereits so aufgedreht", so Stapleton. "Aber die weniger extremen Parteianhänger_innen, die auch seltener an Wahlen teilnehmen, waren anfälliger für solche Gefühle."

Für Stapleton enthalten die Ergebnisse eine wichtige Lektion für "normale" Wähler_innen: "Wenn Sie Nachrichten sehen, sollten sie darauf achten, wie Politiker versuchen, an Emotionen zu appellieren oder sie sogar zu manipulieren, um zu bekommen, was sie wollen. Aber Wut ist nur ein Teil der Geschichte". In einer früheren Studie fanden er und seine Kollegen heraus, dass optimistische Menschen politisch aktiver sind als Pessimisten.

"Wut ist ein Weg, wie wir Menschen dazu bringen können, zu wählen und sich politisch zu engagieren, aber es ist nicht die einzige Methode", sagte er. "Es muss nicht immer nur Schwarzmalerei sein."

Das Forscherduo veröffentlichte seine Ergebnisse in der Zeitschrift Political Research Quarterly.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 23. Juli 2021