Ein Coming-Out ist noch lange nicht das Ende

Studie über die Lebensbedingungen lesbischer, schwuler, bisexueller und Trans-Jugendlicher

"Ich hab doch kein Problem damit, dass du lesbisch bist...!" Viele denken, dass in unserer "aufgeklärten" westlichen Gesellschaft lesbische, schwule, bisexuelle und transsexuelle (kurz LSBT) Jugendliche heute doch kaum noch mit Diskriminierung zu kämpfen haben und in den meisten Lebenslagen mit heterosexuellen Jugendlichen gleichgestellt sind. Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts e.V. (DJI) scheint die Gesellschaft aber immer noch weit davon entfernt zu sein, LSTB als etwas "ganz normales" anzusehen. Dies hat Auswirkungen auf das Selbstbild von LSBT-Jugendlichen, weil sie zusätzlich zur Unsicherheit über ihre eigene Identität auch noch Anfeindungen oder Ablehnungen aus ihrer Umgebung erfahren. Das DJI hat in Deutschland über 5000 Jugendliche über ihr inneres und äußeres Coming-Out und ihre Diskriminierungserfahrungen befragt und zusätzlich mit rund 40 Jugendlichen Tiefen-Interviews geführt, um gezielter auf verschiedene Aspekte einzugehen. "In der Phase der Bewusstwerdung (inneres Coming-out) geht es im Kern um die Frage: Wie und wann weiß ich, ob ich lesbisch, schwul, bisexuell oder trans bin? Wie kann ich mir meiner sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität 'sicher' sein? Nach der inneren Auseinandersetzung geht es für die Jugendlichen darum, sich klar zu werden, ob überhaupt und wenn ja wann und wem gegenüber sie sich outen möchten (äußeres Coming-out oder Going public)." heißt es in der Studie.

An der Studie nahmen Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren teil. Fast die Hälfte der Teilnehmer_innen kamen aus Großstädten, 31% kam aus Kleinstädten und Dörfern und die restlichen Befragten aus mittleren Städten. Über 80 Prozent der Befragten kam aus Westdeutschland. Die meisten Teilnehmer_innen besuchten entweder eine Hochschule oder Schule und 95% der Jugendlichen hatten schon mit jemandem über ihrer sexuelle oder geschlechtliche Identität gesprochen, auch wenn dies nicht Voraussetzung für die Teilnahme an der Umfrage war.

Ein Gefühl der 'Andersheit'
Die Jugendlichen wurden zum Beispiel befragt, wie es ihnen bei ihrem äußeren Coming-Out in der Familie, im Freundeskreis und an Bildungs- bzw. Arbeitsorten ergangen war. Außerdem wollten die Forscher_innen wissen, ob sie Beratungsangebote genutzt haben, und wenn nicht, wieso nicht. Viele der Jugendlichen gaben an, dass sie „schon immer“ über ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität bescheid wussten. "Der Beginn der Bewusstwerdung über die tatsächliche geschlechtliche Zugehörigkeit oder sexuelle Orientierung setzt häufig früh ein. Meist während der Grundschule oder zu Beginn der Pubertät etabliert sich ein Gefühl der 'Andersheit'", so die Forscher_innen. "Beschrieben wird dieses Gefühl damit, dass die Jugendlichen z. B. nicht mit den Spielsachen spielen wollten, die für sie in familiären oder (vor-)schulischen Kontexten zugedacht waren oder dass sie ersten Schwärmereien, wie sie unter Gleichaltrigen üblich sind, nichts abgewinnen konnten."

Verdrängung und Verstellung
Trotz der Tatsache, dass die meisten Jugendlichen sich früh über ihre Gefühle im Klaren waren, versuchten sie, sie zu verdrängen und sich zu verstellen. „...und das ging halt so weit, bis ich halt dann wirklich so kaputt war und Depressionen hatte und dann, ja, da habe ich angefangen, mich auch so selbst zu verletzen und so was...“, so Fiona, eine Teilnehmerin der Studie. Viele Trans-Jugendliche beschreiben auch, dass sie zum Beispiel auf Sport verzichtet haben, um der zweigeschlechtlichen Zuordnung auszuweichen. Andere wiederum zogen sich aus Freundschaften zurück, um den klassischen Erwartungen zu entgehen, die an Mädchen oder an Jungs gestellt werden. Nur 12 Prozent der Trans-Jugendlichen beschrieb die Zeit der inneren Bewusstwerdung als „einfach“; von den jungen Lesben, Schwulen und Bisexuellen waren es immerhin ein Viertel.

Vor ihrem Coming-Out fürchteten sich die meisten befragten Jugendlichen vor der Ablehnung seitens ihrer Freund_innen oder ihrer Familie. Ein Großteil hatte auch Angst vor beleidigenden Bemerkungen und Beschimpfungen oder auch Gewalt. Dabei bewerten sie die Reaktionen auf ihr erstes äußeres Coming-Out, das meistens im Freundeskreis stattfand, überwiegend als sehr gut bzw. gut - ein deutlicher Kontrast zu den massiven Befürchtungen und Bedenken, die sie vorher hatten. "Allerdings ist der Freundeskreis kein diskriminierungsfreier Raum." ergänzen die Studienautor_innen. Immerhin 41 Pronzet der Befragten hätten dort negative Situationen erlebt, zum Beispiel die, dass ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität entweder zu stark betont oder ganz vergessen wird, sie sich nicht ernst genommen fühlten oder dass sie im Freundeskreis gegen ihren Willen geoutet werden. Etwa jede_r siebte Jugendliche erlebte auch Ausgegrenzung oder Ausschluss aus dem Freundeskreis.

Die Spuren des "oft langen und schwierigen Prozesses des inneren Coming-Outs und damit verbundenen Befürchtungen" bleiben auch dann noch lange erhalten, wenn die Jugendlichen nicht ganz so negative Erfahrungen gemacht haben, so die Studienleiter. "Diese waren real und werden durch positive Reaktionen nicht ungeschehen gemacht." Für diejenigen, die ein unfreiwilliges Coming-Out erlebt hatten, fielen die Reaktionen darauf übrigens deutlich negativer aus. Somit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit eines positiv erlebten Coming-Outs für die Jugendlichen, die selbstbestimmt entscheiden, wann, wem und warum sie sich outen.

Den Grund, sich irgendwann zu outen beschreiben die Jugendlichen mit großer Mehrheit damit, dass sie sich jemandem anvertrauen und sich nicht mehr verstellen wollten. Bei den Trans-Jugendlichen spielte der Wunsch nach ihrer Transition (geschlechtsangleichende Maßnahmen) eine wichtige Rolle: Bei 24% der Befragten war auch dies ein Grund für ihr Coming-out.

Die Studie der DJI war die erste Studie zu diesem Themenbereich, die sich genauer mit den Hintergründen beschäftigte. Bislang gibt es kaum sozialwissenschaftliche Erkenntnisse über die Aufwachsensbedingungen und Lebenssituationen von LSBT-Jugendlichen. Jedoch hat die Studie es geschafft, eine erste Übersicht über ihre Lebenserfahrungen zu geben. Sie zeigt, dass viele Jugendliche im familiären Raum, aber auch in der Schule, noch oft Diskriminierung erleben. „Wie die Ergebnisse zeigen, erleben Jugendliche […] die Zeit ihres inneren und äußeren Coming-outs ambivalent. Einerseits ist sie ein wichtiger Schritt der Autonomie- und Identitätsentwicklung, andererseits ist sie vielfach mit Unsicherheiten und Ängsten verbunden.“, so die DJI. Zudem wird deutlich, dass die Phase vor dem Coming-Out stark von Unsicherheit geprägt ist. Aber auch danach erleben die Jugendlichen Diskriminierung und Ablehnung. Das DJI zeigt, dass die Gesellschaft noch viel tun muss, um LSBT-Jugendlichen die gleichen Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, wie heterosexuellen Jugendlichen.

Quelle

 
 
 

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