C.A.R.E.

Von Abdullah Doubli, 27 Jahre

C.A.R.E.

„Artificial intelligence is a tool, not a threat“ – Rodney Brooks
To care about someone/something – sich um jemanden/etwas kümmern
Cerebral Artificial Rational Empowering


Mein Puls schlägt mir bis zum Hals. Nervös sehe ich an mir herab und bemerke die weißen OP-Kittel, die ich trage. Wie verfolgt blicke ich im Raum umher.
„Es ist alles gut, Herr Örnek. Legen Sie den Kopf nach hinten, wir beginnen gleich mit der Kalibrierung Ihres Interfaces. Frau Doktor wird gleich bei Ihnen sein“, spricht die Schwester und versucht, mich zu beruhigen. Mein Kopf fühlt sich an, als hätte jemand ein Nagelbett darin ausgeschüttet.
„Herr Örnek! Wie ich sehe, haben Sie alles gut überstanden.“ Eine junge Frau im Arztkittel tritt an mich heran und sieht mich eindringlich an.
„Puls stabilisiert sich … leichte Lichtempfindlichkeit, C.A.R.E.-System bootet“, flüstert die Doktorin zu sich selbst und blickt an mir auf und ab. Angestrengt massiere ich mir die Schläfe und versuche nicht direkt aufzusehen, da mich das Licht extrem blendet.
„Eine leichte Amnesie ist nach dem Eingriff vollkommen normal“, erläutert die Doktorin und setzt sich vor mir auf einen Stuhl.
„Schauen Sie auf, Herr Örnek. Ihre Sicht müsste sich normalisiert haben“, fügt sie hinzu. Tatsächlich! Als ich aufsehe, habe ich keinerlei Schwierigkeiten mehr, mich umzusehen. Im Gegenteil, es wirkt alles etwas klarer, irgendwie schärfer.
„Ich weiß wieder, wo ich bin… ich habe mir ein C.A.R.E.-System einsetzen lassen“, sage ich zu mir selbst und lächle unbewusst.
„Ganz genau. Zu diesem Schritt möchte ich Sie zu allererst beglückwünschen! Ihr System müsste sich schon mit Ihnen in Verbindung gesetzt haben, als es sich mit Ihrem Frontallappen verkoppelt hat“, während die Ärztin erklärt, tastet sie meine Fingerkuppen ab.
„Spüren Sie das?“, hakt sie nach. Ich nicke.
„Sehr gut, dann würde ich vorschlagen, sagen Sie mal `Hallo´ zu Ihrer C.A.R.E.-Einheit!“
„H-Hallo?“, spreche ich zögerlich und werde von den Krankenschwestern belächelt.
„Guten Tag, Herr Örnek. Hier spricht Ihr persönliches C.A.R.E.-System. Wenn Sie es wünschen, beginnen wir nun mit der Kalibrierung Ihrer persönlichen Einstellungen.“ Die junge, weibliche Stimme hallt in meinem Inneren. Die restlichen Anwesenden im Raum zeigen keine Reaktion.
„Du sprichst gerade direkt zu mir?“, sage ich laut und ernte ein Kichern des Raumes.
„Herr Örnek, Sie müssen nicht laut sprechen. Formulieren Sie, was Sie sagen wollen im Kopf und Ihr System erledigt den Rest. Sie müssen sich dabei auch nicht an die Schläfe fassen, außer es hilft Ihnen dabei zu formulieren, was Sie sagen wollen“, erläutert die Ärztin und erst jetzt bemerke ich, dass ich mir mit beiden Händen an den Kopf fasse als würde ich mich angestrengt auf etwas konzentrieren.

„Oh, ok…“, antworte ich verdutzt und versuche es erneut.
„Hey C.A.R.E., welche Einstellungen müssen wir vornehmen?“ Dieses Mal formuliere ich den Satz bloß in meinem Kopf.
„Hier sind einige Daten, die Sie als `öffentliche Informationen´ anderen C.A.R.E.-Systemen preisgeben können.“ Ich muss zweimal blinzeln, um den Schwall an Daten zu verarbeiten, der gerade vor meinem inneren Auge aufgetaucht ist. Wie in einem Videospiel sehe ich plötzlich zusätzliche Informationen an den Rändern meines Sichtfeldes. Unter anderem meinen Puls und die CO2-Sättigung in meinem Blut.
Zu den öffentlichen Informationen, die ich an andere Systeme geben kann, zählen unter anderem als welches Geschlecht ich mich definiere und dabei sind etliche Definitionen aufgelistet, Alter, welcher Religion ich angehöre, sexuelle Orientierung, Beziehungsstatus, Nationalität und Herkunft, Hobbies usw. Etwas überfordert versuche ich, die für mich passenden Informationen zu wählen und immer, wenn ich den Gedanken formuliere, höre ich bereits C.A.R.E., wie sie meine `Eingabe´ mit einem Ton bestätigt.
„Verstanden. Ihre Informationen werden als `öffentlich´ eingestellt und mit anderen C.A.R.E.-Systemen geteilt.“
„Danke. Könntest du aufhören mich zu siezen? Es kommt mir irgendwie komisch vor, wenn eine Stimme in meinem Kopf so höflich mit mir redet… Außerdem hallt deine Stimme noch ein wenig. Kannst du das ändern?“, frage ich und bekomme eine prompte Antwort.
„Aber natürlich, Selim. Ist es so besser?“, fragt mich mein System und ich nehme eine leichte Veränderung in der Stimme wahr.
„Ja! So ist es perfekt!“, antworte ich.
Ich stoße einen Laut der Begeisterung aus, als ich neben den Gesichtern der Krankenschwestern und der Ärztin Informationen sehe.
„Sehr schön. Ihr System hat sich hervorragend kalibriert und sich mit unseren Systemen verbunden. Ich rate Ihnen, sich heute möglichst auszuruhen und sich vom Eingriff zu erholen. Nutzen Sie die Zeit, um sich mit Ihrem System vertraut zu machen. Keine Sorge, anfangs mag es Ihnen noch sehr überwältigend erscheinen, doch mit der Zeit gewöhnen Sie sich daran. Ihr System wird Sie Schritt für Schritt an Ihr neues Interface heranführen. Denken Sie aber daran, Herr Örnek, C.A.R.E. ist nicht omnipotent. Es hilft Ihnen, es gibt Ihnen nützliche Informationen und unterstützt Sie im Alltag, aber es hat keinen Einfluss auf Ihre Persönlichkeit, Ihre Motorik oder Ihre Entscheidungen oder die Entscheidungen anderer. Und eines noch, C.A.R.E.-Systeme sind eingeschränkt in der Lage im Interesse ihres Benutzers zu handeln. Sollten Sie dies nicht wünschen, schlage ich Ihnen vor, Sie deaktivieren diese Funktion in Ihren Einstellungen.“
Frau Doktor reicht mir die Hand und ich schüttle sie freudig erregt. Ich bin endlich in der Zukunft angekommen.

Zuhause in meiner noch recht leeren, neuen Wohnung angekommen, lasse ich mich auf meine Matratze fallen. Erst das Zwitschern der Vögel am nächsten Morgen sorgt dafür, dass ich langsam die Augen öffne. Dann reiße ich sie erschrocken auf, als vor meinem Sichtfeld in riesigen Zahlen das Datum und die Uhrzeit stehen. Als ich hektisch blinzele, verschwinden sie wieder in unauffällige Ränder meines Blickes.
„Guten Morgen, Selim. Für deinen Gesundheitszustand und für deinen Grad der Ermüdung war es das Beste, dich schlafen zu lassen. Du solltest jedoch in Zukunft das Fenster öffnen, um den CO2-Gehalt in deinem Schlafzimmer etwas zu verringern. Hier sind die Nachrichten“, kündigt C.A.R.E. an. Noch bevor ich etwas dagegen sagen kann, sehe ich Neuigkeiten über das Wetter, Klatsch und Tratsch aus der Welt der Promis und plötzlich Bilder von Ausschreitungen am Gaza-Streifen. Eine Sekunde lang zögere ich.
„Blende diese Art von Nachrichten aus“, weise ich an.
„Verstanden, Selim, dein News-Feed wird in Zukunft gefiltert sein, sodass du diese Art von Nachrichten nicht mehr bekommst. Wenn du dies zu ändern wünscht, dann sage einfach Bescheid. Du hast eine Vielzahl verpasster Anrufe des Kontakts `Mama´. Wenn du es wünschst, stelle ich eine Verbindung mit dem Telefonnetz her“, sagt mir mein System mit neutraler Stimme.
„Oh, ich sollte sie besser anrufen. Sie macht sich bestimmt Sorgen“, antworte ich. Wenige Sekunden später höre ich das wiederholte „Hallo?“ meiner Mutter in meinem Kopf.
„Hey Mama, entschuldige bitte, dass ich erst jetzt anrufe“, sage ich und ziehe mich dabei um. 
„Hallo mein Schatz, geht es dir gut?“ Die Stimme meiner Mutter klingt besorgt.
„Tut mir leid, ich hatte geschlafen. Der Eingriff ist gut verlaufen“, sage ich und sehe mich im Spiegel an. 
„Selim, Schatz, du weißt ganz genau, dass ich mich bei diesem Thema nicht einmischen möchte. Du bist alt genug, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen“, gibt Mutter zu verstehen.
„Geht es wieder um Baba? Möchte er es immer noch nicht einsehen, dass ich in der Zukunft angekommen bin?“ Ich kann meine Gereiztheit nicht verstecken.
„Dein Vater ist ein religiöser Mann, mein Schatz. Seinen Körper derartig zu verändern, widerspricht ihm sehr“, erklärt sie beschwichtigend. 
„Das nennt sich Zukunft, Mutter, und ich bin nicht mehr in Schorndorf, sondern in Hamburg. Einer Großstadt. Also richte meine Grüße an Baba aus und mach ihm klar, dass ich über mich selbst entscheide. Ich brauche niemanden mehr, der mir die Hand hält!“ Ich habe genug von dem Gespräch und reagiere überrascht, als C.A.R.E. es beendet, ohne eine Antwort meiner Mutter abzuwarten. Gerade möchte ich meine Wohnung verlassen, als mir plötzlich etwas schwarz vor Augen wird. Notgedrungen muss ich mich setzen. 

„Bitte melde meinem Arbeitgeber, dass ich heute leider noch zuhause bleiben muss“, ordne ich an und atme tief durch. Später werde ich mich wohl bei meiner Mutter entschuldigen müssen.
„Als du geschlafen hast, wurde bereits eine Mail an das C.A.R.E.-System deines Vorgesetzten verfasst, die die aktuelle Lage erklärt hat. Dein Gesundheitszustand hat oberste Priorität“, sagt mein System monoton.

Nach einer wohltuenden Erholungspause mache ich mich am späten Nachmittag auf die Suche nach einem Bistro in dieser neuen Stadt. Während ich durch die Straßen schlendere, beginnt mir mein System Rezensionen der einzelnen Restaurants anzuzeigen. Bei einem Geschäft mit einer Vielzahl von guten Bewertungen halte ich schließlich an und entschließe mich dazu, dort zu essen. Die Kellnerin, die auch über ein C.A.R.E.-System verfügt, präsentiert mir auf meinem Interface die Speisekarte, ohne ein Wort zu sagen. Ich entscheide mich für etwas Leichtes. Als sie mir wenig später mein Essen bringt, zeigt mir mein System ohne Aufforderung die Nährwerte meiner Mahlzeit an. Erschrocken fahre ich zusammen, als ich eine Einladung für ein privates C.A.R.E.-Gespräch der Userin `Claudia´ bekomme.
„H-Hallo?“, sage ich vorsichtig.
„Hi, hier ist Claudia, deine Kellnerin. Du bist noch nicht so sehr mit C.A.R.E. vertraut, oder?“, fragt eine leicht anders klingende C.A.R.E.-Stimme in meinem Kopf. Verdutzt schiele ich zu ihr hinüber und beobachte, wie sie andere Kunden bedient.
„Ist es so offensichtlich?“, lasse ich mein System antworten und versuche mir nichts anmerken zu lassen.
„Ehrlich gesagt schon. Mach dir nichts draus! Jeder steckte mal in deinen Schuhen. Wenn ich dir einen Tipp geben darf? Versuch C.A.R.E. nicht als ein Ding anzusehen, das du in deinem Kopf geschraubt bekommen hast. Sieh es als einen erweiterten Teil von dir selbst. Glaub mir, damit wird es für dich ganz nebensächlich!“
„Ein Teil von mir…“, wiederhole ich nachdenklich.
„Richtig. Ich denk nicht, dass du dir schon `LTC-CTL´ besorgt hast, oder? Ach, wen frag ich denn gerade. `LTC-CTL´ steht für `LOVE TO C.A.R.E.-C.A.R.E. TO LOVE´. Eine kostenlose Erweiterung für dein System. Moment ich schick´s dir mal eben.“ Ich bin erstaunt darüber, wie sie sich auf ihre Kundschaft konzentrieren kann und gleichzeitig so gelassen mit mir redet. Plötzlich taucht in meinem Interface eine Downloadaufforderung auf.
„Keine Sorge, die Erweiterung ist vollkommen harmlos. Sie erlaubt unseren Systemen unsere Parameter für ein erfolgreiches Date zu vergleichen. Du weißt schon, Hobbies und so weiter“, sagt sie ganz beiläufig.
„Wieso sollten wir das tun?“, frage ich verdutzt und schaue zu ihr hinüber. Sie kreuzt meinen Blick und lächelt verspielt.
„Weil ich dich süß finde“, bekomme ich als Antwort zurück und bestätige rot anlaufend den Download. Innerhalb von Sekunden prasseln Informationen über mein Interface, die ich nicht wirklich effektiv verstehen kann, als Claudia auch schon reagiert. Wirklich phänomenal, wozu C.A.R.E. alles in der Lage ist.
„Oh… schade“, sagt sie geknickt.
„Was ist? Hab ich was verpasst?“, hake ich nach.
„Unsere Systeme sagen uns nur eine 17,4%ige Chance für ein erfolgreiches Date voraus“, erklärt sie mir und schenkt mir einen kurzen enttäuschten Blick.
„Das heißt? Ist doch besser als 0% oder?“, frage ich scherzhaft.
„Das heißt, wir sollten es lieber lassen. Ich habe es einmal versucht mit jemandem bei dem ich nur 30% Wahrscheinlichkeit hatte und es war furchtbar. Tut mir leid“, antwortet sie mir. Etwas überrumpelt von der Abfolge der Geschehnisse schüttle ich den Kopf.
„Ist schon okay. Danke für die Tipps“, sage ich schließlich und bezahle über mein System. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schließe ich das Privatgespräch und verlasse das Lokal. Wieso vertraut sie so auf die Einschätzung eines C.A.R.E.-Systems und trifft nicht ihre eigenen Entscheidungen?

Gereizt und genervt marschiere ich aus einer Gasse heraus und schaue auf die Binnenalster. Während ich den wunderschönen Alstersee beobachte, lasse ich den Tag Revue passieren und ärgere mich über Claudia. Wenn sie mich interessant findet, wieso lässt sie C.A.R.E. darüber entscheiden, ob wir uns kennenlernen sollten? Wieso übernimmt sie nicht Verantwortung über sich selbst? Moment mal… was denke ich hier gerade? Ich schwinge große Reden vor meiner Mutter, dass ich in der Zukunft angekommen bin und niemanden mehr brauche, der meine Hand hält. Dabei lasse ich mich doch schon den ganzen Tag von C.A.R.E. leiten. Ganz unterbewusst beginne ich zu rennen. So schnell, dass mein Herzschlag rapide ansteigt und mein Interface mich davor warnt.
„Ist mir egal!“, rufe ich atemlos und lache dabei wie ein Verrückter. Binnen kürzester Zeit stoppe ich wieder vor dem Restaurant, in dem Claudia arbeitet. Sie steht vor der Tür und raucht eine Zigarette.
„Hey!“, sage ich und atme tief durch.
Verwundert presst sie ihre Zigarette aus und schickt mir eine Einladung für ein persönliches Gespräch.
„Nicht nötig. Ich sag´s dir lieber mündlich. Ich weiß, du kennst mich nicht und ich kenn dich nicht, aber ich finde es schade, dass wir uns nur aufgrund von C.A.R.E.s Einschätzung nicht kennenlernen können. Letztendlich ist C.A.R.E. auch nur ein Werkzeug, das davon abhängig ist, was wir daraus machen, oder? Ich finde wir dürfen unsere Eigenständigkeit nicht an die Technologie verlieren und sollten dafür Sorge tragen, dass wir bleiben, wer wir sind. Tut mir leid, i-ich plappere vor mich hin. Was ich sagen will, ist: Wollen wir vielleicht mal etwas trinken gehen?“, frage ich und komme langsam wieder zu Atem. Claudia scheint überrascht zu sein und lächelt schmal.
„Hör zu. Ich habe nicht gelogen, als ich sagte, ich finde dich süß, aber die Erfahrung hat mir gezeigt, dass man sich besser auf C.A.R.E. verlässt, wenn es um Sachen wie Liebe oder erfolgreiche Beziehungen geht. Ich mein´s nicht böse, ehrlich nicht. Aber unter 70% Wahrscheinlichkeit würde ich es einfach nicht mehr in Betracht ziehen, jemanden zu daten“, antwortet sie zum ersten Mal mit ihrer gesprochenen Stimme. Sie geht einen Schritt auf mich zu und legt mir die Hand auf die Schulter.
„Pass auf dich auf. Ich wünsch dir alles Gute“, sagt sie und geht wieder in den Laden. Niedergeschlagen und fassungslos drehe ich mich um und sehe ein gewaltiges Reklameschild der C.A.R.E.-Systeme, auf dem steht: 
„Willkommen in der Zukunft. Take care of yourself.“

„Selim, es ist spät. Deine Parameter verraten, dass du dich ausruhen solltest, um deinen Heilungsprozess zu beschleunigen. Du solltest dich bald nach Hause begeben. Hier ist die beste Route zu deiner Wohnung“, höre ich in meinem Kopf.
„Danke. Du hast wohl Recht. Gehen wir nach Hause“, antworte ich und mache mich auf den Weg in die Zukunft.

Autorin / Autor: Abdullah Doubli