Baum statt Eiche

Auch in der Literatur schwindet die Artenvielfalt. Das ergab eine interdisziplinäre Studie, in deren Rahmen knapp 16.000 literarische Werke aus der Zeit zwischen 1705 und 1969 analysiert wurden.

Das Artensterben nimmt immer mehr zu. Nicht nur in der realen Welt, sondern auch in unseren Köpfen und in unserer Sprache. Das zumindest legt eine Studie internationaler Wissenschaftler_innen nahe, in der untersucht wurde, ob sich der Verlust der Arten auch in der Literatur bemerkbar macht.

Dazu untersuchten sie, wie sich die Bezeichnung von Tieren und Pflanzen in der Literatur über die letzten 300 Jahre verändert hat. Es wurde für die Untersuchung Literatur des Zeitraums 1705 bis 1969 ausgewählt, unter denen sich Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe, Edith Nesbit und Victor Hugo befanden. Die Texte wurden zunächst nach volkstümlichen Bezeichnungen für Lebewesen unterschiedlichster Art durchsucht. So entstand eine Liste von 240.000 Wörtern wie Pferd, Maikäfer oder Lavendel. Mit dieser wurden wiederum sämtliche Texte dieser Autor_innen nach Wortvorkommnissen, -häufigkeiten und -verteilungen überprüft.

„Dieses ungewöhnliche Projekt konnte nur durch den Zusammenschluss von Literatur-, Lebenswissenschaftler und Informatiker entstehen“, stellt Erstautor Lars Langer von der Universität Leipzig fest. „Eine so groß angelegte Untersuchung literarischer Kommunikation zum Thema Biodiversität ist bisher einzigartig. Durch die Entwicklung neuer computergestützter Analysemethoden konnten wir die Literatur nach den darin enthaltenen biologischen Begriffen systematisch untersuchen und auswerten.“

Die Biodiversity in der Literatur nimmt kontinuierlich ab
Bei ihrer Analyse fiel den Forscher_innen ein buckelförmiger Trend auf: Die Häufigkeit, Dichte und Ausdrucksvielfalt von Bezeichnungen für Tiere und Pflanzen in der Literatur stieg bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts an, nahm dann aber kontinuierlich ab. So ist nach 1835 eine Tendenz zur Verwendung weniger spezifischer Bezeichnungen feststellbar. Das bedeutet beispielsweise, dass eher das Wort Baum statt einer konkreteren Bezeichnung wie Eiche benutzt wurde. Es verschwanden nicht nur regionale Synonyme wie zum Beispiel Krotte für Kröte, sondern auch das gemeine Hintergrundwissen für die Herkunft von Begriffen. Lebewesen jedoch, mit denen der Mensch dauerhaft und häufig zu tun hat, wurden gleichbleibend oft genannt. Das sind beispielsweise domestizierte Tiere wie Pferd und Hund oder bedrohliche wie Bär und Löwe.

Verarmung naturbezogener Denkmuster
Die Forscher interpretieren den anfänglichen Anstieg der biologischen Vielfalt in der Literatur als Folge von Entdeckungen und Kolonialisierungen großer Teile der Welt durch die europäischen Zivilisationen. Im Zuge dieser Entwicklungen tauchten beispielsweise neue Begriffe wie Papagei, Banane oder Panther auf. Die Verbesserung von Forschung und Bildung im Zeitalter der Aufklärung könne zu einem weiteren Anstieg geführt haben. In der Romantik spiegelt sich vermutlich ein erstes ansteigendes Bewusstsein für den beginnenden Verlust der Artenvielfalt. Mit der Industrialisierung, Urbanisierung und den damit verbundenen Landnutzungsänderungen beginnt dann nicht nur der reale Biodiversitätsverlust, sondern möglicherweiswe auch die Verarmung naturbezogener Denkmuster.

Bewusstseinswandel nötig
„Die reale Biodiversitätskrise scheint mit einer Gedankenkrise eng verbunden zu sein“, schätzt Prof. Christian Wirth, Senior-Autor der Studie, die Ergebnisse der Untersuchung ein. „Wir sehen, dass mit dem Beginn der Industrialisierung beide Krisen parallel verlaufen und gehen davon aus, dass sie sich wechselseitig bedingen und verstärken. Ich denke, dass wir einen Stopp des realen Biodiversitätsverlusts nur durch einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel erreichen. Unsere Methode kann detektieren, ob politische Programme, Krisen oder Positivbeispiele Biodiversität in unseren Köpfen präsenter machen. Heute wären neben Büchern auch die sozialen Medien sehr aufschlussreich.“ „Sie hat auch das Potenzial auf andere Kulturen, Kulturgüter und Zeiträume übertragen zu werden. Eine zukünftige Untersuchung aktueller Medien würde auch aktuelle Analysen über das Mensch-Natur-Verhältnis ermöglichen“, ergänzt Langer.

An dem Projekt waren Forscher_innen der Universität Leipzig (UL), der Goethe Universität Frankfurt, des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), des Senckenberg Biodiversität und Klima- Forschungszentrums (SBiK-F) und des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) beteiligt.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung