Bandwurmsätze, Fachbegriffe, Verwaltungsdeutsch

Studie zur Landtagswahl in NRW am kommenden Sonntag: Wahlprogramme sind viel zu unverständlich formuliert

Bandwurmsätze mit bis zu 74 Wörtern (FDP), Wortungetüme wie „Krankenhausinvestitionskostenförderung“ (CDU) und „Bürger_innenmedien-Kompetenzprojekte“ (Grüne) oder Fachbegriffe wie „Hyperscaler“ (SPD), „Cashcamp“ (FDP), „Flowback“ (Linke) und „Purpose-Unternehmer*innentum“ (Grüne): Die Wahlprogramme der Parteien zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen sind für viele Laien schwer zu verstehen. Das ist das Ergebnis einer Analyse von Kommunikationswissenschaftler_innen der Universität Hohenheim in Stuttgart.

„Parteien sollten ihre Positionen klar und verständlich darstellen, damit die Wählerinnen und Wähler eine begründete Wahlentscheidung treffen können. Dazu dienen die Wahlprogramme“, betont der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Er hat zusammen mit Dr. Claudia Thoms die Wahlprogramme zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen 2022 untersucht.

Wahlprogramme ähnlich unverständlich wie bei Landtagswahl 2017

Mit Hilfe einer Analyse-Software fahnden die Wissenschaftler_innen unter anderem nach überlangen Sätzen, Fachbegriffen, Fremdwörtern und zusammengesetzten Wörtern. Anhand dieser Merkmale bilden sie den „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“. Er reicht von 0 (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich).
Im Durchschnitt ist die Verständlichkeit der Programme zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mit 8,2 Punkten so niedrig wie bei der letzten Landtagswahl im Jahr 2017 (8,1 Punkte). Nordrhein-Westfalen liegt damit bei der formalen Verständlichkeit der Programme im Mittelfeld der 16 Bundesländer.

CDU mit der verständlichsten Sprache, FDP am unverständlichsten

Das formal verständlichste Wahlprogramm in Nordrhein-Westfalen liefert nach dem Ergebnis die CDU, gefolgt von Grünen und der Linken. Den letzten Platz belegt die FDP, weil aus sprachlicher Perspektive ihr Programm am unverständlichsten klingt.

„Alle Parteien könnten verständlicher formulieren“, ist Prof. Dr. Brettschneider überzeugt. „Das zeigen gelungene Passagen in den Einleitungen und im Schlussteil. Die Themenkapitel sind hingegen das Ergebnis innerparteilicher Fachgespräche. Diesen ist meist gar nicht bewusst, dass die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler ihren Fachjargon nicht versteht. Wir nennen das den ‚Fluch des Wissens’. Zudem nutzen Parteien abstraktes Verwaltungsdeutsch auch, um unklare oder unbeliebte Positionen zu verschleiern. In diesem Fall sprechen wir von taktischer Unverständlichkeit.“

Verständlichkeitshürden schließen Wähler*innen aus

„Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln sind Fremdwörter und Fachwörter, zusammengesetzte Wörter und Nominalisierungen, Anglizismen sowie lange Sätze und Schachtelsätze“, sagt Dr. Claudia Thoms. Wer versteht schon, worum es bei „One-Stop-Shop-Lösungen“ (Grüne) geht? Oder was gemeint ist, wenn die CDU von „One-Stop-Agency“ und die FDP von „No-Stop-Agencies“ redet? Solche Anglizismen sind für die Mehrheit der Wähler_innen genauso unverständlich wie die zahlreichen Fachbegriffe: „Verkehrsbeeinflussungsanlagen“ (AfD), „Gamechanger-Instrumente“ und „Public Value-Privileg“ (FDP), „Hyperscaler“ (SPD), „Frack-Fluid“ (Linke) oder der „Gender-Budgeting-Ansatz“ (Grüne). Darüber hinaus erhöhen lange, zusammengesetzte Wörter nicht gerade die Lesbarkeit der Wahlprogramme: „Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie“ (Linke), „Krankenhausinvestitionskostenförderung“ (CDU), „Bürger*innenmedien-Kompetenzprojekte“ (Grüne), „Datensouveränitätsanforderungen“ (FDP) sind einige Beispiele.

In allen Wahlprogrammen finden sich Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln. „Neben den Fremdwörtern, Anglizismen und Fachbegriffen sind es auch die Bandwurmsätze, die die Wahlprogramme so unverständlich machen“, sagt Dr. Claudia Thoms. „Wir haben in allen Wahlprogrammen solche Satz-Ungetüme mit teilweise mehr als 40 Wörtern gefunden.“

Verschenkte Kommunikationschance

Mit der formalen Unverständlichkeit verschenken die Parteien eine Kommunikationschance bei den Bürger_innen, stellt Prof. Dr. Brettschneider fest, denn Wahlprogramme sollten eigentlich dazu dienen, Wähler_innen zu gewinnen oder zu halten. Aus den Programmen leiten sich außerdem andere Kommunikationsmittel ab, die für eine Wahl wichtig sind, wie Wahlplakate, Homepage und Broschüren. „Selbst, wenn die Stimmberechtigten nicht das gesamte Programm lesen, so schauen sich einige von ihnen doch zumindest die Passagen an, die sich auf Themen beziehen, die ihnen wichtig sind“, so der Forscher.

Prof. Dr. Brettschneider betont jedoch: „Die von uns gemessene formale Verständlichkeit ist natürlich nicht das einzige Kriterium, von dem die Güte eines Wahlprogramms abhängt. Deutlich wichtiger ist der Inhalt. Unfug wird nicht dadurch richtig, dass er formal verständlich formuliert ist. Und unverständliche Formulierungen bedeuten nicht, dass der Inhalt falsch ist. Formale Unverständlichkeit stellt aber eine Hürde für das Verständnis der Inhalte dar.“

Typische Sprachmuster

Neben „NRW“ und „Nordrhein-Westfalen“ gehören die Digitalisierung („digital“) und „Kinder“ zu den am häufigsten verwendeten Wörtern. Und alle Parteien wollen „stärken“, sprechen über „sollen“, „wollen“, „müssen“. „Eine Betrachtung der für die Wahlprogramme typischen Substantive, Eigennamen, Adjektive und Verben deutet auf die klassischen Themenschwerpunkte der Parteien hin“, sagt Dr. Claudia Thoms.

Bei der CDU kommen familien- und sozialpolitische Begriffe wie „Vereinbarkeit“, „Kinderbetreuungsmöglichkeit“, „Familiengründungszeit“ und „Kinderschutz“ vor. Auch forschungspolitische Aspekte kommen durch Begriffe wie „Spitzenforschung“, „Quantencomputing“, „Digitalisierungsoffensive“ und „Wissenschaftsstandort“ zur Sprache. Bei der SPD sind es insbesondere sozialpolitische Begriffe wie „Wohnungsgenossenschaft“, „Pflegestützpunkt“ oder auch allgemein „sozialdemokratisch“.

Bildungs- und Wirtschaftspolitik spiegeln sich bei der FDP in Begriffen wie „Schüleraustausch“, „Schuldienst“, „Familiengrundschulzentren“, „Schulfreiheit“ und „Gründerstipendium“ wider. Umwelt- und Sozialpolitik bilden den Schwerpunkt der Grünen-spezifischen Begriffe. Beispiel hierfür sind: „Klima-Check“, „Naturerbe“, „nachwachsend“, „Klimakrise“, aber auch „Mehrsprachigkeit“, „sozial-ökologisch“ und „Menschenrecht“.

Bei der Linken stechen vor allem arbeitspolitische und (meist kritisierte) kapitalismus-bezogene Begriffe heraus: „Profit“, „kommerziell“, „Kapitalismus“, „neoliberal“, „Erwerbslosigkeit“, „Leiharbeit“. Migrations- und kulturpolitisch sind bei der AfD Begriffe wie „Zuwanderung“, „Asylbewerber“, „Leitkultur“, „Staatsangehörigkeit“, „Islam“, „Kopftuch“ sowie „Ausreisepflichtige“.

Wenn ihr in Nordrhein-Westfalen wohnt und am kommenden Sonntag zur Landtagswahl gehen wollt, braucht ihr nicht zu verzweifeln, weil ihr die Wahlprogramme nicht versteht. Eine gute Entscheidungshilfe bietet euch auch der Wahl-O-Mat, der seit 2002 von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) herausgegeben wird. Mit diesem Online-Tool könnt ihr ganz einfach anhand von 83 Thesen überprüfen, welche Partei am besten zu der Politik passt, die ihr euch in Zukunft wünscht. Allerdings ersetzt der Wahl-O-Mat nicht die tiefere Auseinandersetzung mit einem Wahlprogramm, aber er kann helfen, sich nicht mit den Schriften aller 29 Parteien befassen zu müssen, die zur Wahl zugelassen sind, sondern nur die genauer unter die Lupe zu nehmen, die in der Rangliste weiter oben auftauchen.

Wir sehen euch hoffentlich an der Wahlurne?!

Hier entlang gehts zum

Quelle:

Was denkst du darüber?
Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 11. Mai 2022