Aus Versehen ein Guru

Anführer_innen haben nicht immer herausragende Fähigkeiten, aber sie verstehen es, viele Menschen hinter sich zu versammeln, so eine neue Studie der UTS Business School

Wenn wir an einflussreiche (Führungs-)persönlichkeiten oder Influencer_innen denken, glauben wir, dass sie mit besonderen Fähigkeiten und Qualitäten ausgestattet sind - entweder angeboren oder hart erarbeitet -, die ihnen zu Erfolg, hohem Ansehen und finanziellen Belohnungen verhelfen. Deshalb gibt es ja auch massenweise Selbsthilfebücher, wie man am besten solche Führungsqualitäten erlernen kann. Neue Forschungsergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass es dabei weniger um individuelle Fähigkeiten und Talente geht. Vielmehr steckt ein dynamischer, sich selbst verstärkender sozialer Prozess dahinter, der von unserem Instinkt angetrieben wird, uns an die Menschen um uns herum anzupassen und Einfluss zu nehmen.

Können alle Leader werden?
Computermodelle des Wirtschaftswissenschaftlers David Goldbaum von der UTS Business School zeigen, dass selbst wenn alle in einer Gruppe genau die gleichen Eigenschaften haben, ein_e Anführer_in aus der Gruppe hervorgeht. Laut seinen Ergebnissen wird die Auffassung dessen, was Führung ist, überbewertet, weil wir denken, dass eine Person, die eine Führungsposition durch Wettbewerb erlangt, zwangsläufig wertvoller ist. Dies gelte vor allem in Bereichen wie Kunst, Musik, Politik oder Mode, so Goldbaum. "Ein Anführer ist jemand, der Gefolgsleute hat - etwas, das er direkt kontrollieren kann oder auch nicht". Sein Ziel war es, ein Modell zu erstellen, bei dem alle einzigartigen Eigenschaften weggelassen werden, um zu sehen, ob sich trotzdem eine Führungspersönlichkeit herauskristallisiert. Für die Analyse entwickelte er eine Computersimulation mit identischen "Agenten", die alle die gleichen Verhaltensregeln für ihre Entscheidungen anwenden. Sie konnten entweder autonom handeln oder sich gegenseitig imitieren. Sie konnten zwar keine "Werbe-Kampagnen" durchführen oder andere überreden, wurden aber dafür belohnt, das zu tun, was beliebt ist, und erhielten eine Prämie, wenn sie der Masse voraus waren. Goldbaum ließ die Simulation Tausende Male laufen, um zu sehen, was passieren würde. Anfangs waren die Handlungen zufällig und unkoordiniert, doch mit der Zeit lernten die Teilnehmer_innen auf die Belohnungen zu reagieren, sich zu koordinieren und zu organisieren, und aus diesem Prozess ging ein_e Anführer_in hervor.

Wie man zur Leitperson wird
Laut seinen Berechnungen war es offenbar weniger wichtig, wer der oder die Anführer_in ist, als die Tatsache, dass die Gruppe eine Person akzeptiert, hinter der sie sich versammeln kann. "Wie man schließlich zum Anführer wird, geschieht dadurch, dass man langsam an Einfluss gewinnt. Währenddessen sehen andere diese Popularität und beschließen, sich der Gruppe anzuschließen. Es ist ein sich selbst verstärkender Prozess - ein Schneeballeffekt", so Goldbaum.
"Wir stellen uns Anführer als Gewinner vor - als ob es ein Turnier gäbe und sie die Besten wären. Die Simulation ist wie ein Turnier - denn jemand wird zum Anführer, aber er hat nichts Besonderes geleistet. Diese Personen profitieren lediglich von einem System, das frühe Erfolge bei der Gewinnung von Anhängern belohnt." Deshalb täten diejenigen, die sich für Führungspositionen und Einflussnahme interessieren, besser daran, die Regeln des "Beliebtheitsspiels" zu verstehen, als sich auf individuelle Eigenschaften zu konzentrieren", so der Forscher.

Führungspersönlickeiten und Fans
Aber warum bilden sich in einer Gruppe überhaupt Anführer_innen heraus? Wir hegen offenbar alle den Wunsch, uns anzupassen und jemandem zu folgen; dies ermöglicht es der Gesellschaft, reibungslos zu funktionieren. So würde beispielsweise auf den Straßen Chaos herrschen, wenn wir alle unsere eigenen Regeln aufstellen würden, erklärt der Forscher.
Zwar profitiere die gesamte Bevölkerung vom Erscheinen einer Leitperson, aber es seien besonders die ersten Anhänger_innen, die am meisten profitierten, erklärt Goldbaum. Denn mit ihren Handlungen beeinflussten sie die soziale Entwicklung, wodurch sich der Verlauf der Ereignisse ändere. Er nennt auch ein Beispiel: "Die frühe Unterstützung einer neuen Band durch einen Musikpromoter beispielsweise verhilft der Band zu mehr Fans und damit zu größerem finanziellem Erfolg für beide. Oder ein Kunstsammler, der avantgardistische Kunst erwirbt, schärft das Profil des Künstlers, so dass Museen und Galerien auf ihn aufmerksam werden, was widerum den Wert der Kunst erhöht."

Das Modell zeige, dass Fähigkeiten, Wissen oder Führungsqualitäten zwar mögliche Faktoren für eine Führungsposition sind, aber nur weil jemand eine solche Rolle inne habe, hieße das nicht, dass er diese Qualitäten auch besitze, so der Wissenschaftler. "Man kann auch aus Versehen ein Guru werden".

Die Studie mit dem Titel The origins of influence wurde kürzlich in der Zeitschrift Economic Modelling veröffentlicht.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilungen - Stand: 12. August 2021