Aus der Biene einen Vogel machen

Das Insektensterben ist in aller Munde, es gibt Petitionen und Saatguttüten im Supermarkt, damit die Bienen uns nicht verlassen. Und auch das Artensterben einzelner großer Tiere sorgt immer wieder für einen medialen Aufschrei. Aber was ist mit weniger bekannten Arten?

Der Blutbürzelarassari (Aulacorhynchus haematopygus) aus der Familie der Tukane zählt im Regenwald zu den großen fruchtfressenden Vögeln © Maximilian Vollstädt

Wissenschaftler_innen des Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrums warnen, dass schon das Verschwinden weniger großer Tierarten ausreichen könnte, um die Wirkung, die Tiere auf den tropischen Regenwald haben, deutlich herabzusetzen. Im Mittelpunkt der Studie stehen fruchtfressende Vögel, die Samen verschiedener Pflanzen über weite Strecken "transportieren".

Wieso sind große Tierarten so wichtig?
Das weltweite Artensterben, die Jagd auf verschiedene Tiere und die Zerstückelung der Lebensräume geht immer weiter und hat zur Folge, dass die tropischen Regenwälder nach und nach leerer werden. Besonders betroffen sind die schweren und großen Arten, die sehr empfindlich auf Veränderungen reagieren und deren Anzahl überproportional stark zurück geht.
„Dass sich die Lebensgemeinschaften im wahrsten Sinne des Wortes ‘verkleinern‘, beeinträchtigt die Leistungen, die von ökologischen Netzwerken erbracht werden, dreimal stärker als deren Stabilität. Die zuerst aussterbenden Arten sind nämlich diejenigen, die einzigartige Funktionen ausfüllen und damit den Regenwald in seiner bisherigen Form am Laufen halten,” so Dr. Isabel Donoso, Alexander-von-Humboldt-Stipendiatin und Leiterin der Studie bei Senckenberg. Das Aussterben großer Arten hat also viel stärkere Auswirkungen auf das Ökosystem, als man zunächst annehmen würde.

Donoso und ihr Team modellierten die Folgen, die das Aussterben großer fruchtfressender Vögel hat, für acht Gebiete in den Anden. Dafür nutzen sie Daten zu den Interaktionen zwischen Vogel- und Pflanzenarten aus den Untersuchungsgebieten. Da Vögel keine Noten bekommen simulierten die Forscher_innen als Maß für ihre erbrachten Leistungen im Ökosystem, wie weit die Vögel die Samen gefressener Früchte ausbreiten konnten.
Das heißt es wurde untersucht, wie weit sich die Vögel von der Pflanze, deren Früchte sie gefressen haben, entfernten, bevor sie die Samen ausschieden. Samenausbreitung ist eine wesentliche Leistung für das Ökosystem, denn die meisten tropischen Baumarten sind auf Tiere zur Samenausbreitung angewiesen. „Wenn die größten 10 Prozent der fruchtfressenden Vögel aussterben würden, schrumpft die Distanz, über die die Samen ausgebreitet werden können, um fast 40 Prozent”, so Dr. Matthias Schleuning vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum.

Folgen für das Ökosystem
Doch was passiert, wenn die Verteilung vieler Baumsamen im Regenwald demnächst auf der Strecke bleibt und sie sich nicht allzuweit vom Ursprungsbaum entfernen?
Die Samenausbreitung über große Strecken sorgt für den genetischen Austausch zwischen Waldstücken und erhöht damit dessen Widerstandsfähigkeit gegenüber Umweltveränderungen. Noch wichtiger aber: Je näher ein Samen am Mutterbaum bleibt, desto geringer ist seine Chance zu keimen und zu wachsen. Besonders Bäume mit großen Samen, deren Früchte vor allem von großen fruchtfressenden Vögeln verbreitet werden, dürften also in naher Zukunft ein Ausbreitungsproblem bekommen.

„Vermutlich werden die jetzt nachwachsenden Regenwälder anders zusammengesetzt sein als die Regenwälder von heute. Andere Studien haben bereits gezeigt, dass die Wälder der Zukunft deutlich weniger Kohlenstoff speichern könnten“, erklärt Donoso. Es wäre daher kurzsichtig, die Folgen des Aussterbens großer Tiere zu unterschätzen, appelliert Schleuning: „Wir müssen große Tierarten in Regenwäldern besser schützen. Das ist die Grundlage dafür, dass unser Klima und wir alle auch in Zukunft von der Leistung tropischer Regenwälder profitieren.“
Es lohnt sich also, dann und wann aus einer Biene einen Vogel zu machen (oder wie ging dieses Sprichwort nochmal?) und auch über den Schutz von Tieren nachzudenken, die nicht direkt vor unserer Nase herumsummen.

Quelle:

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Autorin / Autor: Pressemitteilung/ Karla Groth - Stand: 6. April 2020