Augenblick mal

Schweizer Studie zeigt, dass Blickkontakt zu einem veränderten Zeitgefühl führt

Habt ihr auch manchmal das Gefühl, dass die Zeit irgendwie stehen bleibt, wenn ihr eurer Liebsten oder eurem besten Freund in die Augen schaut? Dieses veränderte Zeitempfinden taucht aber offenbar nicht nur auf, wenn wir Blickkontakt zu einem geliebten Menschen haben, sondern auch, wenn es sich um ein Gegenüber handelt, das wir gar nicht kennen.

Die Art und Weise, wie wir andere ansehen und wie wir die Blicke anderer wahrnehmen, hat einen großen Einfluss auf die soziale Kommunikation. "Von klein auf lernen wir, die Gefühle und Absichten unserer Gesprächspartner durch ihre Augen zu entschlüsseln. So ist die Begegnung mit dem Blick einer Person eine sehr alltägliche soziale Situation, die aber immer zu einem bestimmten Gefühl führt", erklärt Nicolas Burra, Forscher an der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Genf und Erstautor der Studie. Er stellte zwei Hypothesen auf, um diese Situation zu beschreiben: Die eine besagt, dass der Blickkontakt mit anderen direkt eine emotionale Reaktion hervorruft, ohne unsere Aufmerksamkeit zu durchlaufen. Die zweite Hypothese besagt, dass der Blickkontakt eine schnelle und automatische Aufmerksamkeitsverarbeitung aktiviert, die erst danach eine emotionale Reaktion erzeugt.

Was beeinflusst unsere Zeitwahrnehmung?
Um diese Hypothesen zu testen, untersuchten die UNIGE-Forscher_innen, wie wir die Zeit wahrnehmen, wenn wir einen visuellen Reiz entweder emotional oder nur aufmerksamkeitsbezogen verarbeiten. "In der Tat hat sich gezeigt, dass wir, wenn unsere emotionalen Kapazitäten einen unangenehmen visuellen Reiz verarbeiten müssen, zum Beispiel wenn wir die Zeit des Erscheinens einer großen Spinne bewerten sollen, die Zeit, die vergeht, überschätzen und glauben, dass sie schneller vergeht, als es tatsächlich der Fall ist", erklärt Burra. Unsere Fähigkeit, die Zeit einzuschätzen, wird also durch die emotionale Aufladung gestört und beschleunigt sich. Verarbeiten wir einen visuellen Reiz nur durch die Aufmerksamkeit, tritt hingegen der gegenteilige Effekt ein: Fokussiert auf einen für uns wichtigen Reiz unterschätzen wir die Zeit, die vergeht, und schauen das Objekt länger an, als wir gedacht haben. "Indem wir analysieren, wie lange eine Person schätzt, dass sie ein Objekt angeschaut hat, können wir feststellen, ob der Blickkontakt zwischen zwei Menschen eher aufmerksamkeitsorientiert oder emotionsorientiert ist", sagt der Genfer Forscher.

Abgewandte Blicke versus Blickkontakt
Um den Einfluss des Blickkontakts auf unsere Zeitwahrnehmung zu beurteilen, beobachteten 22 Teilnehmer_innen eine Reihe von fast 300 Gesichtern, die ihre Augen bewegten: entweder Blicke, die direkten Augenkontakt herstellen - die Augen schauen ins Leere und fangen dann den Blick des Gegenübers ein - oder abgewandte Blicke - es wird die gleiche Augenbewegung gemacht, aber die Blicke treffen sich nie. Über einen Zeitraum von 20 Minuten bewerteten die Teilnehmer_innen subjektiv die unterschiedlichen Zeitspannen (zwischen 1 und 2 Sekunden, nahe an alltäglichen sozialen Interaktionen). Das Ergebnis: "Während abgewandte Blicke unsere Zeitwahrnehmung nicht verzerren, fanden wir im Gegenteil heraus, dass die Teilnehmer die Dauer jener Blickkontakte systematisch unterschätzten, wenn sich die Blicke kreuzten", sagt Burra. Dieses Experiment zeige, dass der Blickkontakt nicht in erster Linie das emotionale System beeinflusst, sondern das Aufmerksamkeitssystem, das uns von unserer Fähigkeit ablenkt, die Zeit zu bewerten.

Bewegte Augenblicke
Um diese Ergebnisse zu bewerten, führten die UNIGE-Forscher das gleiche Experiment mit anderen Teilnehmer_innen durch, wobei sie nicht-soziale Objekte verwendeten, die die gleichen Bewegungen wie der Blick machten. In diesem Fall wurde keine Verzerrung der Zeitwahrnehmung beobachtet. Das Gleiche galt, wenn ein Gesicht statisch war. "Es scheint, dass nicht nur ein Blick, sondern auch eine Bewegung erforderlich ist", so der Neurowissenschaftler. Der Zeitverzerrungseffekt wurde aber auch gefunden, wenn den Teilnehmer_innen nur schematische Augenbewegungen oder bewegte Teile der Augen ohne den Rest des Gesichts gezeigt wurden - eine Situation, die unseren Begegnungen mit einer Maske ähnelt. Aber es geht noch weiter, denn dieser Effekt wurde auch in einem Online-Experiment mit hundert Personen gefunden, was die im Labor gewonnenen Ergebnisse bestätigte und verallgemeinerte.

Blickkontakt fesselt die Aufmerksamkeit
Diese Reihe von Experimenten zeige, dass Augenkontakt und soziale Reize hauptsächlich die Aufmerksamkeit beeinflussen. "Das erklärt das Gefühl, das wir haben, wenn uns jemand anschaut, obwohl wir seinem Blick noch nicht wirklich begegnet sind", erklärt Burra. Diese Arbeit könne es ermöglichen, die Aufmerksamkeits- oder Gefühlsprozesse bei Menschen mit Verarbeitungsstörungen sozialer Reize zu bewerten und dann genauer einzugreifen. Diese seien oft durch mangelndes Interesse, eine Fehlinterpretation des Blicks oder durch eine extreme emotionale Reaktion auf den Blick anderer gekennzeichnet, z.B. bei Autisten, Schizophrenen oder Menschen, die unter sozialer Angst leiden. Das Forschungsteam führt dieses Experiment derzeit mit Kindern und älteren Menschen durch, um die Entwicklung dieser bevorzugten Verarbeitung von Blickkontakt durch Aufmerksamkeit über die Lebensspanne zu beobachten. Nicolas Burra fasst zusammen: "Diese Studie gibt dem Gefühl, dass die Zeit stehen bleibt, wenn wir dem Blick eines anderen begegnen, einen Sinn."

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