Ansteckende Feindseligkeit

Studie: Anfeindungen gegenüber anderen ethnischen Gruppen werden in einer gleichen Gruppe oft nachgeahmt

Ethnische Konflikte geraten oft überraschend schnell außer Kontrolle. Was das Umfeld damit zu tun hat, wenn sich Menschen plötzlich feindselig verhalten, haben Forscher_innen kürzlich mithilfe von Experimenten untersucht. Dabei kam heraus, dass Anfeindungen gegenüber anderen ethnischen Gruppen deutlich mehr Nachahmer finden als Anfeindungen gegen Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe.

Ob in Bosnien, Liberia oder Ruanda – immer wieder brechen plötzlich gewalttätige Konflikte zwischen Volksgruppen aus, owohl sie lange friedlich zusammengelebt haben. Bisher gibt es keine befriedigende wissenschaftliche Erklärung, warum Aggressionen eine solche Dynamik entfalten können.

Jana Cahlíková vom Max-Planck-Institut hat nun gemeinsam mit Kolleg_innen aus Tschechien und der Slowakei ein neuartiges Experiment entwickelt. Sie wollten damit herausfinden, wie das soziale Umfeld feindseliges Verhalten gegenüber einer anderen ethnischen Gruppe beeinflusst. Teilnehmer_innen waren Jugendliche aus Schulen in der östlichen Slowakei, deren Verhalten gegenüber Angehörigen der Roma untersucht wurde. Die Roma sind eine Minderheit, die immer latenten Vorurteilen und in den letzten Jahren auch zunehmend Aggressionen ausgesetzt sind. Das Besondere an dem Test war, dass die Jugendlichen ihn innerhalb ihres sozialen Umfelds machen konnten.

Boshaftigkeit ausleben erlaubt
In dem Test wurden Jugendliche gebeten, ein so genanntes „Joy of Destruction game“ zu spielen, dabei kann man, wenn man will, seine Boshaftigkeit ausleben. Zwei Spieler_innen erhalten jeweils zwei Euro und sollen gleichzeitig entscheiden, ob sie 20 Cent ausgeben, um den Betrag des jeweils anderen um einen Euro zu verringern, oder das Geld einfach nur behalten möchten. Man bleibt dabei anonym und spielt jeweils nur einmal gegeneinander.

Anhand einer Liste mit typischen Namen konnte man erkennen, ob das Gegenüber ein Angehöriger der slowakischen Mehrheitsbevölkerung oder der Roma-Minderheit war. Zudem war der Spielverlauf so gestaltet, dass jeweils drei Jugendliche aus der gleichen Schulklasse kurz nacheinander ihre Entscheidung fällten. Die nachfolgenden Spieler_innen wussten jeweils, wie ihre Vorgänger_innen gehandelt hatten.

Boshaftigkeit gegenüber den "Anderen" deutlich stärker
Es wurde klar, dass das boshafte Verhalten der Mitschüler_innen einen signifikanten Einfluss auf die Entscheidung der Jugendlichen hatte. Die Bereitschaft, ebenfalls aggressiv zu agieren, wuchs deutlich. Der Einfluss war sogar mehr als doppelt so groß, wenn sich die Feindseligkeit gegen Roma richtete, statt gegen die eigene soziale Gruppe.

In einem zweiten Versuch fragten die Forscher_innen Jugendliche aus derselben Region, ob sie das feindselige Verhalten ihrer Altersgenossen im ersten Versuch für angemessen hielten. Auch hier trug das Verhalten des Umfelds wesentlich dazu bei, wie die Bewertung ausfiel. Hatten Spieler_innen in einem Umfeld ohne feindselige Vorbilder entschieden, wurde ihr aggressives Verhalten gegenüber Roma oder gegenüber der eigenen sozialen Gruppe in etwa gleich negativ bewertet. Wussten die Jugendlichen jedoch, dass ein Spieler destruktiv war, nachdem sich seine Klassenkameraden feindselig gegenüber Roma verhalten hatten, fanden sie dessen Verhalten eher angemessen. Wenn sich das feindselige Verhalten allerdings gegen ein Mitglied der eigenen sozialen Gruppe richtete, fanden sie es weniger angemessen.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass fragile soziale Normen dazu führen, dass sich das individuelle Verhalten gegenüber anderen ethnischen Gruppen plötzlich verändern kann – von gutem Zusammenleben hin zu Aggression“, sagt Max-Planck-Wissenschaftlerin Jana Cahlíková. Daher sei es wichtig, politisch motivierte Straftaten konsequent zu verfolgen und zu bestrafen. Sie und ihre Kollegen weisen zudem darauf hin, dass Politik und Gesellschaft sehr sensibel reagieren sollten, wenn Vorurteile und Feindseligkeiten gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen zunehmen.

Die Ergebnisse der Studie wurden im April 2018 im Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) publiziert.

Quelle:

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: 14. Mai 2018
 
 
 
 

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