Angst vor Hexen?

Elemente der alten Hexenlehre sind immer noch sichtbar - vor allem in Verschwörungskreisen werden sie wieder aktiv

Obwohl die grausame Ermordung von Frauen, die als Hexen verfolgt und verbrannt wurden schon rund 250 Jahre zurückliegt, glauben immer noch Menschen daran, dass es Hexen gibt. Während es in Europa Anhänger_innen von Ideen und Konzepten sind, die Anleihen bei altem Hexenglauben nehmen, sind in anderen Regionen der Erde Hexenverfolgungen bis heute dokumentiert. Für Prof. Dr. Johannes Dillinger, Historiker an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und der Oxford Brookes University, ist es darum wichtig, ein besseres historisches Verständnis der Hexenangst zu entwickeln. „Tatsächlich kursieren viele falsche Vorstellungen über die Zeit der Hexenverfolgung. Nur durch die Aufarbeitung der Ereignisse – auch der Ereignisse der jüngsten Vergangenheit – kann der Hexenverfolgung überall und endgültig begegnet werden“, sagt Dillinger, der seit 1994 auf diesem Gebiet forscht.

Hexendiskurs und Verschwörungsmythen
Dass der Hexenglaube aus der modernen westlichen Welt nicht verschwunden ist, zeigen nach Einschätzung von Dillinger die Verschwörungsmythen, die mit dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar in Washington verknüpft sind. Ein Teil dieser Mythen ist zum Beispiel die Verschwörungserzählung, dass eine Gruppe von Oberschichts-Angehörigen Kinder entführe, foltere, missbrauche und töte, und auch den Satan verehre. „Hexen, die Kindern nachstellen – diese Gedanken sind nicht neu. Die Verschwörungsmythen greifen eindeutig Elemente der frühen Hexenlehre auf, nämlich dass Teufelsanbeter Kinder verführen, töten und fressen“, sagt Dillinger. „Es sind alte, hartnäckige Diskurse, die immer wiederkommen und immer wieder geglaubt werden.“

Man könne auch Parallelen zwischen gestern und heute in der Person der Beschuldigten erkennen: Die Verfolgung von Menschen, die der Hexerei bezichtigt wurden, ging in der frühen Neuzeit zwar durch alle Schichten, überproportional betroffen war allerdings die Oberschicht, darunter Geldverleiher oder Beamte. Heute machen die Verschwörungserzählungen die "Eliten" zum Sündenbock, das Establishment aus Politik und Medien, die angeblich wie die Hexen mit dem Teufel im Bunde stehen.

Jede_r konnte unter Verdacht geraten
Die Hexenverfolgung in Mitteleuropa begann um 1560 - ein Flächenbrand, bei dem jede_r unter Verdacht geraten konnte. „Die Anklagen gingen nicht, wie oft geglaubt, von der katholischen Kirche aus, sondern meistens vom einfachen Volk, dem Bauernstand. Hexenprozesse waren fast immer weltliche Prozesse“, erklärt Dillinger. Opfer der Verfolgungen waren zu etwa 80 Prozent Frauen. Dafür gäbe es eine Vielzahl von Ursachen, ein ganz wesentlicher Grund hätte aber darin gelegen, dass Frauen für die Versorgung von Kindern und Kranken zuständig waren. Damit waren sie für Heilung und Pflege zuständig und hatten die Verantwortung für Leben oder Tod – die "weibliche Magie" wurde somit weit gefährlicher als die männliche angesehen. Allerdings müsse man das Bild von der „Kräuterhexe“ laut dem Historiker korrigieren: Die Vorstellung, dass die Opfer der Hexenprozesse professionelle Heilerinnen mit pharmazeutischen Spezialkenntnissen waren, sei genauso falsch wie das Klischeebild von der alten, buckligen Märchenhexe.

Klimatische Bedingungen als Auslöser
Was aber löste die Hexenverfolgung aus? Nach neueren Erklärungsversuchen habe ein klimatisches Phänomen dazu beigetragen, den Boden für Misstrauen, Verdächtigungen und Anschuldigungen zu bereiten. Die Hauptzeit der Hexenverfolgung zwischen 1560 und 1650 fällt mit der kältesten Phase der Kleinen Eiszeit zusammen. Die Klimaverschlechterung führte zu schweren Ernteverlusten und Hungersnöten und in der Folge zu sozialen Spannungen. Gerade in Deutschland wurden Hexen vor allem als Wetterzauberinnen gesehen und schädigende Wetterereignisse wurden ihnen direkt zur Last gelegt.

Besseres Geschichtsverständnis und Aufklärung nötig
„Die Hexen, das konnten tatsächlich alle sein, die man schon mal als vermeintlich böse erlebt hatte. Hexerei unterstellte man anderen nicht. Man traute sie anderen zu“, so Dillinger. Ganz alltägliche Konflikte wurden einfach mithilfe der Hexenlehre gedeutet. Auch noch heute führt der Glaube an böse Magier und Schadenszauber zu Hexenjagd und Morden, besonders in Afrika und Saudi-Arabien. Offizielle Hinrichtungen vermeintlicher Hexen sind ebenso wie Lynchmorde selbst im 21. Jahrhundert dokumentiert. Ein besseres Verständnis der Geschichte und Aufklärung würde nach Einschätzung von Dillinger helfen, Hexenverfolgungen ein für alle Mal zu einem Kapitel der Vergangenheit zu machen. Und an die Zivilgesellschaft richte er den Apell, sich als Grundhaltung Vertrauen anstelle von Misstrauen zu eigen zu machen.

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