Wie der Flow ins Lesen kommt

Wissenschaftler_innen des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik: Die Herzaktivität zu Beginn des Lesens beeinflusst den Flow-Zustand und hilft, sich auch in anspruchsvolle Texte zu vertiefen

Bild: MPI für empirische Ästhetik

Ihr müsst dringend einen Text für die nächste Deutscharbeit lesen, könnt euch aber partout nicht darauf konzentrieren? Dann könnte es vermutlich daran liegen, in welcher innerlichen Verfassung ihr euch befindet. Denn der innere Zustand kann auch Einfluss auf die Lesefreude haben, so das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie von Wissenschaftler_innen des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main.

In ihrer Studie präsentierte das Forscherteam 84 Teilnehmer_innen Ausschnitte aus Homers „Odyssee“, die im Schreibstil variierten: Die Teilnehmer_innen lasen je eine entweder simpel, mittelschwer oder besonders anspruchsvoll geschriebene Version desselben Kapitels.

Vor und während des Lesens wurde ihre Herzaktivität gemessen. Nach dem Lesen fragten die Wissenschaftler_innen zudem nach dem Flow-Erleben. Der aus der Psychologie stammende Begriff definiert einen positiven Zustand beim völligen Aufgehen in einer Tätigkeit. Neuen Forschungserkenntnissen zufolge spielt der Flow-Zustand auch beim Lesen eine Rolle und geht mit gesteigerter Lesefreude einher.

„Flow in herausfordernden Situationen, sei es beim Lesen oder bei anderen Tätigkeiten, ist für unsere Forschung von besonderem Interesse. Denn gerade solche Situationen sind häufig mit Lerngelegenheiten verbunden. Und Flow-Erlebnisse motivieren dazu, sich auf die Lernangebote einzulassen“, erklärt Erstautorin Birte Thissen.

Die Wissenschaftler_innen fanden zwar keine Hinweise darauf, dass Flow beim Lesen die Herzaktivität verändert, aber sie stellten umgekehrt einen Zusammenhang fest: Die Herzaktivität zu Beginn beeinflusste den Flow-Zustand beim Lesen. So erlebten Leser_innen mit einer geringen Herzrate und einer hohen Herzratenvariabilität vergleichsweise mehr Flow beim Lesen stilistisch mittelschwerer bis schwieriger Texte.

Ein solches Herzaktivitäts-Muster - also geringe Herzrate und hohe Herzratenvariabilität - deutet darauf hin, dass die Person innerlich entspannt ist und dadurch eine erhöhte Aufnahmefähigkeit hat. Diese Testpersonen kamen also mit verhältnismäßig hohen Herausforderungen besser klar und erlebten dabei sogar eine Flowerfahrung – sowie die damit verbundene Lesefreude.

Bevor ihr euch also das nächste Mal an einen anspruchsvollen Text setzt und euch mangelnde Konzentration in die Quere kommt, könntet ihr erstmal eine Runde chillen, entspannende Musik hören, einen Spaziergang machen oder was euch sonst noch einfällt, um euren Herzschlag zu beruhigen ;-).

Die Erkenntnisse sind als Open-Access-Artikel im Fachmagazin „Reading Research Quarterly“ erschienen.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 26. November 2021