Lass uns drüber reden

Wer Kontakte zu anderen gesellschaftlichen Gruppen pflegt, ist eher bereit, sich für soziale Gerechtigkeit zu engagieren. Es muss aber um Inhalte gehen, so eine Studie der Universität Zürich

Wer sozial benachteiligt oder aufgrund seiner Gruppenzugehörigkeit diskriminiert wird, schließt sich häufig mit anderen Menschen zusammen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, um gemeinsam für mehr Rechte zu kämpfen. Die bekanntesten Beispiele dafür sind die Frauen-, die Black-Lives-Matter- oder die LGBTIQ-Bewegung. Welche Rolle dabei soziale Kontakte zu anderen spielen, die nicht dieselben Benachteiligungen erleben, haben Forschende von der Universität Zürich zusammen mit einem internationelen Team in einer Befragung mit 11.000 Teilnehmenden untersucht.

Übers Wetter zu reden, reicht nicht aus
Die Wissenschaftler_innen fanden heraus, dass sich Menschen stärker gegen Ungleichheit einsetzen, wenn sie über ihre Gruppengrenzen hinweg miteinander in Kontakt stehen. Dabei spielt es jedoch eine Rolle, wie die Interaktionen erlebt und wie die Ungerechtigkeiten dabei wahrgenommen werden. Wenn benachteiligte Menschen einfach nur einen angenehmen, positiven Austausch mit anderen haben, die selbst nicht auf die gleiche Weise diskriminiert werden, engagieren sie sich tendenziell sogar weniger für soziale Gerechtigkeit und die eigene Besserstellung. "Sie bekommen das trügerische Gefühl, dass die eigene Gruppe nicht mehr so stark unter Diskriminierung leidet", erklärt Studien-Erstautorin Tabea Hässler das Phänomen. Deshalb sei es wichtig, dass soziale Ungleichheiten und Diskriminierungen in den Begegnungen aktiv angesprochen und benannt würden.

Empowerment dank aktivem Zuhören
Genau dieser Effekt bestätigte sich in der Studie: Wenn soziale Minderheiten das Gefühl hatten, von der Mehrheit eine Stimme zu erhalten, setzten sie sich stärker für soziale Gerechtigkeit ein. "In der Forschung bezeichnen wir dies als Empowerment", sagt Johannes Ullrich, UZH-Professor für Sozialpsychologie. "Damit meinen wir, dass benachteiligten Menschen auch wirklich aktiv zugehört wird, wenn sie zum Beispiel über Diskriminierung und Benachteiligungen sprechen."
Das Phänomen wirkte aber auch umgekehrt: In der Studie zeigte sich, dass sich Mehrheits-Angehörige stärker für soziale Gerechtigkeit einsetzten, wenn auch sie sich im Kontakt mit den Minderheiten akzeptiert fühlten und nicht als voreingenommen angesehen wurden.

Kontakt über die Gruppengrenzen hinweg
In ihrer Studie haben die Forschenden über 11.000 Personen befragt und viele unterschiedliche Gruppenkonstellationen untersucht, darunter zum Beispiel heterosexuelle Personen und Mitglieder von geschlechtlichen oder sexuellen Minderheiten, Migrant_innen sowie ihre jeweilige Aufnahmegesellschaften, aber auch indigene Gruppen und religiöse Minderheiten. In allen Fällen wirkte sich Empowerment der Minderheit positiv auf deren Bereitschaft aus, sich für die eigene Gruppe zu engagieren. "Insgesamt deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass Kontakt über die Gruppengrenzen hinweg den sozialen Wandel begünstigt, wenn dabei die jeweils gruppenspezifischen Bedürfnisse erfüllt werden", so Ulrich.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung