"Eine reiche Quelle an Geschichten und Perspektiven"

Interview mit Dr. Iva Krtalic, Beauftragte für Integration und interkulturelle Vielfalt beim WDR und Jurymitglied im Kreativ- und Schreibwettbewerb #IchDuWirVonHier

Dr. Iva Krtalic; Bild: Annika Fußwinkel

Als Beauftragte für Integration und interkulturelle Vielfalt im WDR haben Sie sich sicherlich viel mit den Themen Integration und Migration beschäftigt. Welche Rolle spielt das Thema Migration in den Medien?

Die Aufgabe von Medien ist es, das gesellschaftliche Leben abzubilden und zu reflektieren. Es gibt keine Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, die nicht durch kulturelle Vielfalt geprägt sind.
Wir im WDR senden zum Beispiel in einem Bundesland, in dem ein Drittel der Menschen eine Einwanderungsgeschichte hat, fast die Hälfte der Kinder in den Grundschulen kommt aus Einwandererfamilien. Es gibt heute keine Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, die nicht durch diesen Wandel geprägt sind: die Schule, die Arbeit, die Altenpflege, die Berufsausbildung, aber auch das Kulturverständnis, die Sprache und vieles mehr.
Das bedeutet für uns als Medienmacher:innen, dass wir gar nicht umhin kommen, die Vielfalt zu zeigen, wenn wir über diese Themen berichten. Sonst würden wir kein realistisches Bild bieten. Leider ist das Thema Migration in den Medien und in der politischen Diskussion insgesamt aber immer noch oft mit sehr starken Emotionen verbunden. Was wir in den Medien brauchen, ist, diese Normalität des Alltags in der vielfältigen Gesellschaft unaufgeregt zu zeigen.

War die Berichterstattung Ihrer Meinung nach früher eher problematisierend und klischeehaft? Und hat sich das geändert?

Die Berichterstattung ging früher oft von einem „Wir“ und „den Anderen“, die dazu gekommen sind, aus. Diese „Anderen“ wurden als Ausnahme, als vorübergehende Erscheinung in „unserer“ Gesellschaft dargestellt. Aber auch heute sehen wir leider oft klischeehafte Bilder oder problematisierende Berichte. Denken wir nur an die Kriminalitätsberichterstattung der letzten Jahre. Man hätte als Mediennutzer:in leicht den Eindruck gewinnen können, die Straftaten in diesem Land würden hauptsächlich von Geflüchteten begangen. Wer heute „Migration“ in eine Suchmaschine eingibt, wird viele klischeehafte Bilder finden. Aber es tut sich inzwischen viel, die kulturell vielfältige Gesellschaft wird auch in ihrer Alltäglichkeit, in ihrer fast unspektakulären Normalität gezeigt. Ich finde, das ist eine sehr positive Entwicklung. Vor allem in jungen Formaten ergreifen ganz selbstverständlich auch Protagonist:innen mit internationalen Biografien selbst das Wort. Sie werden sichtbar und lassen nicht andere über die eigene Lebenswelt sprechen, sie machen es selbst. Diese Entwicklung ist sehr erfreulich und ich sehe, dass sie auch stärker in den sogenannten klassischen Medien vorkommt.

Was möchten Sie im WDR verändern, um mehr kulturelle Vielfalt sichtbar zu machen?

Ich möchte noch mehr Bewusstsein dafür schaffen, wie wichtig es ist, die Gesellschaft in allen ihren Facetten zu zeigen, um unser gesamtes Publikum zu erreichen. Ich merke auch, dass dieses Bewusstsein in den Redaktionen schon gewachsen ist, und dass es viel mehr Medienschaffende mit internationalen Biografien in wichtigen Rollen in den Medien gibt. Generell gibt es heute mehr unterschiedliche Perspektiven in den Redaktionen und mehr Wissen darüber, wie wir die Programme vielfältiger machen. Wir sind im WDR schon seit vielen Jahren auf einem guten Weg. Wir gewinnen zum Beispiel junge Menschen mit internationalen Biografien gezielt für unsere Volontariate, und immer mehr Menschen mit internationaler Biografie sind vor und hinter der Kamera oder dem Mikrofon zu sehen und zu hören. Ich glaube, es bedeutet sehr viel, wenn Dilek Üşük die Hauptnachrichtensendung im Fernsehen oder Mona Ameziane die Büchersendung auf 1LIVE moderieren, um nur zwei zu nennen. Sie und viele andere sind nicht nur gute Journalist:innen sondern auch Vorbilder für junge Menschen, die in die Medien wollen.

Welche Werte sind Ihnen persönlich wichtig?

Das gemeinsame „Wir“ als Grundlage und Stärke einer offenen, kulturell vielfältigen Gesellschaft zu leben. Auf Medienarbeit übertragen bedeutet das für mich, dass die kulturell vielfältige Gesellschaft eine reiche Quelle an Geschichten und Perspektiven, an Protagonist:innen und Kreativität ist. Es gilt, daraus zu schöpfen, um interessante und gute Programme für alle zu machen.

Was erhoffen Sie sich von den Beiträgen des Wettbewerbs #IchDuWirVonHier?

Junge Stimmen, überraschende Erkenntnisse und Perspektiven, die uns herausfordern und vom getrampelten Pfad wegbringen.

Vielen Dank für das Interview!

Was denkst du darüber?
Autorin / Autor: Redaktion; Dr. Iva Krtalic; Bild: Annika Fußwinkel