Mein Freund, der Baum

Forschung: Straßenbäume könnten helfen, Depressionen zu reduzieren

Bild: Philipp Kirschner

Sie spenden Schatten, wenn es zu heiß wird, sie tauchen graue Straßenzüge in wohltuendes Grün und sie können sogar das Risiko für Depressionen reduzieren. Straßenbäume in städtischen Wohngebieten zu pflanzen könnte eine effektive und preiswerte naturbasierte Lösung sein, um psychische Krankheiten, den lokalen Klimawandel und den Verlust biologischer Vielfalt zu bekämpfen, so das Ergebnis einer Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), der Universität Leipzig (UL) und der Friedrich-Schiller-Universität Jena (FSU). 

Depressionen sind seit längerem auf dem Vormarsch – insbesondere in städtischen Gebieten. Und die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie befeuern dieses Phänomen noch zusätzlich. Unser direktes Lebensumfeld hat natürlich einen großen Einfluss darauf, wie es unserer Psyche geht, und Grünflächen wirken sich sehr positiv aus, wie frühere Studien gezeigt haben. Diese beruhten alledings häufig nur auf Selbsteinschätzungen von Befragten, was einen Vergleich und Verallgemeinerungen der Ergebnisse schwierig machte. Die jetzt vorliegende Studie nutzte deshalb einen objektiven Indikator: Die Zahl der Verschreibungen von Antidepressiva. Um herauszufinden, ob eine bestimmte Art von „alltäglichem“ Grün die psychische Gesundheit positiv beeinflussen könnte, wählten die Forscher_innen ein in europäischen Städten sehr typisches Element der Stadtnatur: Straßenbäume. Dabei konzentrierten sie sich auf die Frage, wie sich die Anzahl und Art der Bäume und ihre Nähe zum Wohnort zur Anzahl der verschriebenen Antidepressiva verhielt.

Die Forscher_innen setzten die Daten von fast 10.000 erwachsenen Einwohner_innen der Stadt Leipzig, die an der LIFE-Gesundheitsstudie der Universität Leipzig teilgenommen hatten, mit genauen Daten zu Straßenbäumen der Stadt in Beziehung. So konnten sie den Zusammenhang zwischen Medikamenten-Verordnungen und der Anzahl der Straßenbäume in unterschiedlichen Entfernungen von den Wohnorten der Menschen ermitteln. Weitere für Depressionen bekannte Faktoren wie etwa Beschäftigungsstatus, Geschlecht, Alter und Körpergewicht wurden aus den Ergebnissen herausgerechnet.

Je mehr Bäume in der Nähe, desto weniger Antidepressiva-Verschreibungen
Ihr Ergebnis: je mehr Bäume in unmittelbarer Umgebung des Hauses (unter 100 Meter Entfernung) standen, desto geringer war die Anzahl von Antidepressiva-Verschreibungen. Dieser Zusammenhang war besonders klar für sozial benachteiligte Gruppen, die in Deutschland am gefährdetsten gelten, an Depressionen zu erkranken. Straßenbäume in Städten könnten also als einfache naturnahe Lösung für eine gute psychische Gesundheit dienen, schreiben die Forscher_innen. Das Wohlbefinden hängt dabei übrigens nicht von der Baumart ab.

„Unser Ergebnis deutet darauf hin, dass Straßenbäume dazu beitragen können, die Lücke der gesundheitlichen Ungleichheit zu schließen“, sagt die Hauptautorin der Studie, Umweltpsychologin Dr. Melissa Marselle. „Das ist eine gute Nachricht, da Straßenbäume relativ leicht zugänglich sind, und ihre Zahl ohne großen planerischen Aufwand erhöht werden kann.“ Marselle hofft, dass die Forschungsergebnisse „Gemeinderäte und städtische Behörden dazu veranlassen, Straßenbäume in städtischen Gebieten zu pflanzen, um die psychische Gesundheit zu verbessern und soziale Ungleichheiten zu verringern“. Straßenbäume sollten laut Marselle gleichmäßig in Wohngebieten gepflanzt werden, um sicherzustellen, dass diejenigen, die sozial benachteiligt sind, den gleichen Zugang haben, um von den gesundheitlichen Vorteilen zu profitieren.

Wenn städtische Grünflächen geplant würden, beschränkten sie sich oft nur auf Parks, die extra aufgesucht werden müssen, ergänzt Dr. Diana Bowler, Datenanalystin im Team. Die alltägliche Natur in der Nähe des Hauses – die Artenvielfalt, die man beim Blick aus dem Fenster sieht oder wenn man zu Fuß oder mit dem Auto zur Arbeit, zur Schule oder zum Einkaufen geht – sei aber genauso wichtig für die psychische Gesundheit. Diese Erkenntnis sei gerade jetzt in Zeiten der Corona-Lockdowns von besonderer Bedeutung.

Und nicht nur wir Menschen könnten von Baumpflanzungen profitieren. Bäume seien ebenfalls ein Beitrag zum Klimaschutz und zur Erhaltung der Biodiversität. „Um diese Synergieeffekte zu erzielen, braucht es nicht einmal große, neue Parks: Mehr Bäume entlang der Straßen können einen wesentlichen Beitrag leisten – eine verhältnismäßig kostengünstige Lösung für Klima, Gesundheit und Natur“, so Senior-Autorin Prof. Aletta Bonn.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 1. Februar 2021