Gefühlt zu breit

Studie: Menschen mit Anorexie haben oft nicht nur eine Störung des bewussten, sondern auch des unbewussten Körpergefühls. Sie können ihre Ausmaße im Raum schlecht einschätzen und gehen darum seitlich durch Türen, die breit genug wären.

Wenn wir durch eine Tür gehen, haben wir normalerweise ein gutes Gefühl dafür, ob wir durchpassen oder das ein Problem werden könnte. Dann drehen wir uns ein bisschen seitlich und machen uns schmaler. Menschen mit Magersucht, wissenschaftlich Anorexia nervosa, haben ein gestörtes Verhältnis zu den Ausmaßen ihres Körpers. Sie neigen dazu sich selbst bei ausreichend breiten Türen seitlich zu drehen. Eine Studie des Teams um Prof. Dr. Martin Diers am LWL-Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum (RUB) hat gezeigt, dass bei ihnen neben dem bewussten Körperbild auch das sogenannte Körperschema gestört ist: das unbewusste Körpergefühl. Normalerweise passt es sich den aktuellen Gegebenheiten an. Bei Patientinnen und Patienten mit Anorexie könnte es auf dem Stand vor dem Beginn der Erkrankung stehen bleiben.

Das unbewusste Körpergefühl sagt, wo wir uns im Raum befinden
Die gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers ist eines der kennzeichnenden Symptome von Anorexie. Schon länger ist bekannt, dass Patientinnen und Patienten die Ausmaße ihres Körpers überschätzen. „Diese Diskrepanz bezieht sich auf den bewussten Teil der Körperwahrnehmung, das Körperbild“, erklärt Martin Diers. Daneben gibt es das Körperschema, das unbewusste Körpergefühl, das uns zum Beispiel sagt, wo wir uns im Raum befinden. Es ist normalerweise flexibel und passt sich an aktuelle Ausmaße an. Deswegen stößt man normalerweise auch dann nirgendwo an, wenn man einen Hut oder einen Rucksack trägt.

Um diesem unbewussten Teil der Körperwahrnehmung auf die Spur zu kommen, entwickelte das Team der Klinik einen Versuch, an dem 23 Personen mit Anorexie und 23 gesunde Vergleichspersonen teilnahmen. Um die Ergebnisse nicht zu verfälschen, erfanden die Forscherinnen und Forscher zur Begründung für die Probanden eine Geschichte, die mit dem eigentlichen Zweck des Versuchs nichts zu tun hatte. Das Experiment bestand darin, die Versuchspersonen durch Türrahmen unterschiedlicher Breite gehen zu lassen. „Die Öffnung war dabei an die Schulterbreite der Probandinnen und Probanden angepasst und variierte zwischen dem 0,9-fachen und dem 1,45-fachen dieser Breite“, so Diers. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachteten nun, ab welcher Türbreite sich die Teilnehmenden seitlich wegdrehten, bevor sie die Tür passierten.

Virtuelle Realität als Behandlungsansatz
Es zeigte sich, dass Patientinnen und Patienten ihre Schultern schon bei deutlich breiteren Türen zur Seite wegdrehen als gesunde Kontrollpersonen. „Das zeigt uns, dass sie auch unbewusst ihre Ausmaße größer einschätzen als sie wirklich sind“, folgert Erstautorin Nina Beckmann. Die Tendenz zum frühen Wegdrehen ging auch einher mit einer negativen Einschätzung des eigenen Körpers, die die Forscherinnen und Forscher in verschiedenen Fragebögen erhoben. Um die gestörte unbewusste Körperwahrnehmung positiv zu beeinflussen und das eventuell veraltete Körperschema wieder den aktuellen körperlichen Ausmaßen anzupassen, empfiehlt das Forschungsteam neben der kognitiven Verhaltenstherapie auch den Einsatz virtueller Realität. Damit ist es möglich, virtuell für eine gewisse Zeit in den Körper einer oder eines anderen zu schlüpfen und damit die Repräsentation des Körpers zu beeinflussen.

Die Studie ist im International Journal of Eating Disorder vom 20. Dezember 2020 erschienen.

Die Forscherinnen und Forscher empfehlen eine Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie und dem Einsatz virtueller Realität, um das gestörte Körperschema zu korrigieren.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion