Sagen, dass man es nicht sicher weiß

Umfrage: Deutsche wollen auch über die Unsicherheit von Erkenntnissen in der Corona-Krise informiert werden.

Unsicherheit gehört zur Wissenschaft und zum Fortschritt dazu. Was wir heute sicher zu wissen glauben, kann morgen schon wieder in Frage gestellt werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse spiegeln darum oft nur einen bestimmten Zeitpunkt des Wissens wieder, gerade bei noch relativ unerforschten Gebieten wie einem neuen Virus, die sich ändern können, wenn neue Dinge herausgefunden werden. Die meisten Menschen in Deutschland möchten über diese Unsicherheit gerne informiert werden. Das zeigt eine bevölkerungsweite Befragung des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Charité-Universitätsmedizin in Berlin.

Seit der ersten Entdeckung des SARS-Cov-2-Virus im Dezember letzten Jahres, gab es fast täglich neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Ausbreitung des Virus, zu Symptomen der Covid-19-Erkrankung oder zu neuen Behandlungsmethoden. Auch die Prognosen dazu, wie sich die Infiziertenzahlen bis Weihnachten entwickeln werden und welche Auswirkungen der Wellenbrecher-Shutdown haben wird, sind genauso wie die Schätzung der aktuellen Reproduktionszahl (R-Wert) alles andere als sicher.

Vermeintlich sichere Prognosen setzen das Vertrauen aufs Spiel
„Politiker und Gesundheitsexperten scheuen manchmal davor zurück, wissenschaftliche Unsicherheit zu kommunizieren, aus Angst, dass dies zu Misstrauen führen könnte. Wenn man aber vorgibt, dass eine Prognose zum weiteren Verlauf der Pandemie absolut sicher sei, riskiert man das Vertrauen der Bürger, wenn die Vorhersagen dann doch nicht so eintreffen”, sagt die Erstautorin der Studie Odette Wegwarth vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Online-Umfrage mit über 2000 Deutschen
Um herauszufinden, wie die Kommunikation wissenschaftlicher Unsicherheit zur Corona-Pandemie bei den Menschen ankommt, hat das Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und der Charité in einer repräsentativen Online-Umfrage über 2000 Deutsche befragt. Den Teilnehmenden wurden vier verschiedene Versionen des künftigen Verlaufs der Pandemie präsentiert. Dabei wurde bei den Versionen unterschiedlich stark auf die Unsicherheiten der Vorhersage hingewiesen. Bei der Version, die am stärksten die Unsicherheit der wissenschaftlichen Prognose betonte, beschränkte sich die Kommunikation auf die Angabe von Spannen (Von- und Bis-Werte) beispielsweise zu aktuell Infizierten, Todesfällen oder dem R-Wert und verzichtete auf die Angabe von festen Größen. Außerdem wurde darauf hingewiesen, dass „nicht mit Sicherheit gesagt werden [kann], ob es sich bei den beobachteten Unterschieden um eine zufällige Fluktuation handelt, oder um erste Anzeichen einer zweiten Corona-Infektionswelle.”

Die Version dagegen, die am wenigsten auf die Unsicherheit der wissenschaftlichen Prognose einging, benannte stets feste Werte und betonte, dass „die gegenwärtig beobachtete Entwicklung der Zahlen keinen Zweifel daran lasse, dass eine zweite Infektionswelle bereits begonnen habe.” Abgeschlossen wurde jede Version mit demselben Appell, nämlich zum Schutz der Risikogruppen präventive Maßnahmen wie das Tragen einer Maske im öffentlichen Raum fortzuführen.

Das Aufzeigen der Unsicherheit spiegelt die Situation am besten wieder
Auf die anschließende Frage, welche der Versionen am besten geeignet wäre, um die Bevölkerung zukünftig über den Verlauf der Corona-Pandemie zu informieren, wählte die größte Gruppe der Befragten (32 Prozent) jenes Format, das die wissenschaftliche Unsicherheit rund um die Pandemie am deutlichsten darstellte. Diese Version galt unter den Befragten auch am ehesten geeignet, Menschen zu überzeugen, die gegenwärtigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mitzutragen. Insgesamt zogen mehr als die Hälfte der Teilnehmenden (54 Prozent) die Formate, die numerische und/oder verbale Unsicherheit transportierten, den anderen vor. Am schlechtesten schnitt die Version ab, die die wissenschaftliche Unsicherheit unerwähnt ließ: Diese überzeugte nur 21 Prozent der Befragten. Auffallend ist, dass besonders die Menschen, die die gegenwärtigen Maßnahmen kritisch sehen, eher bereit zu sein scheinen, die Maßnahmen mit zu tragen, wenn Politik und Fachleute wissenschaftliche Unsicherheit in der Kommunikation klar benennen.

Mut zeigen, Unsicherheiten auch zu kommunizieren
„Um diejenigen Menschen, die den Corona-Maßnahmen der Regierung skeptisch gegenüberstehen, besser zu erreichen, sollten Regierung und Medien den Mut haben, stärker die Unsicherheiten zu kommunizieren“, empfiehlt Gert G. Wagner, Mitautor der Studie und Max Planck Fellow am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

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Autorin / Autor: Redaktion / Pressemitteilung - Stand: Dezember 2020