Der Glaube an die Menschheit

Einsendung von Anna Wagner, 23 Jahre

Als ein kleiner Baum starb, dachte er nach über Gott und die Welt. Sein Geist schwebte hinauf zur Himmelspforte und er rief: „Lieber Gott, kannst du bitte die nächsten sieben Tage eine neue Welt erschaffen? Dann kann man die jetzige von ihrem Leid erlösen und sie sterben lassen.“
Gott öffnete das große goldene Tor. Er sah alt und müde aus, als er auf den Baum hinabblickte. „Nein, das kann und will ich nicht. Jeder Künstler hat ein Werk, das ihn bekannt gemacht hat und die Erde ist meines – solch ein Meisterwerk bringe ich kein zweites Mal zustande. Es liegt an den Menschen ihre Heimat zu retten. Aber anscheinend habe ich sie zu unvernünftig dafür geschaffen – der einzige Fehler, der mir unterlaufen ist.“ Gott seufzte lang und tief. „Wobei es nicht unbedingt ihre Dummheit ist, die die Erde zum Untergang verdammt, sondern ihre Resignation. Es gibt keinen mehr, der wirklich an den Umweltschutz glaubt. Daran, dass es noch nicht zu spät ist. Und ohne Glauben ist alles verloren.“
„Es klingt eher so, als hättest du den Glauben an die Menschheit verloren“, meinte der Geist des Baumes nachdenklich.
„Das kann schon sein. Aber wieso sollte ich an die Menschheit glauben, wenn sie den Glauben an sich selbst aufgegeben haben? Die Menschen werden die Erde nicht retten können. Sie sind zu selbstsüchtig dafür.“
„Das glaube ich nicht!“, protestierte der Baum.
Gott sah ihn verwundert an. „Wieso verteidigst du die Menschen, wo sie dir nur wehgetan haben und deine Heimat, die Natur, zerstören? Ich bin ihr Schöpfer und selbst ich verstehe sie nicht mehr.“
„Ich glaube an das Gute im Menschen. Sie brauchen nur die Hoffnung, dass sie etwas bewegen können. Gemeinsam. Als Menschheit und nicht als einzelner Mensch… Bitte schick mich zurück. Ich möchte für unsere Erde kämpfen.“
„Die Bitte, dass jemand von den Toten auferstehen will, ist mir nicht neu. Ein so nobler Grund allerdings schon.“ Die Hoffnung, die in dem kleinen Baum aufkeimte, wurde jedoch gleich wieder zerstört. „Aber du wirst nichts bewirken können. Außerdem steht es mir nicht zu dich zurückzuschicken.“
Doch der kleine Baum ließ sich nicht beirren und bearbeitete Gott so lange, bis dieser Hilfe aus dem Nirvana holen ging.
Auch Buddha war irritiert über den Wunsch des Baumes. „Bist du dir ganz sicher, dass du wiedergeboren werden willst?“ Der Baum nickte. „Für deine Photosynthese-Dienste auf der Erde könntest du zu mir ins Nirvana kommen oder bei Gott im Paradiesgarten leben. Und stattdessen möchtest du zurück auf die sterbende Erde?!“ Verständnislos schüttelte Buddha den Kopf. Doch der kleine Baumgeist ließ sich nicht abbringen. Buddha warnte ihn, dass er sich nicht an sein vorheriges Leben und ihre jetzige Konversation erinnern werden könne. Der Baum war damit einverstanden und so schickte Buddha ihn letztendlich zurück auf die Erde, wo kurz darauf ein kleines, pausbackiges Baby seinen ersten Schrei ausstieß.
Gott rollte nur mit den Augen und Buddha meinte schulterzuckend: „Die Jugend von heute – glaubt, dass sie alles erreichen kann.“
Dann zogen sich die beiden wieder in ihre Reiche zurück und schotteten sich von der Erde ab. Sie waren der Menschheit überdrüssig und wollten nicht sehen, wie die Natur zu Grunde ging. Den Geist des kleinen Baumes, der jetzt in einem Mädchen weiterlebte, vergaßen sie schnell wieder.

*

Eines Tages hörte Gott im Himmel ein Gerücht, was ihn aus seiner Lethargie riss. Neugierig schob er die Wolken beiseite und schaute zum ersten Mal seit sechsundzwanzig Jahren wieder hinab auf die Erde. Erstaunt sog er all die neuen Eindrücke, die sich ihm boten, wie ein vertrockneter Schwamm auf.
Der Geruch von Honig hing zwischen den zahlreich summenden Bienen in der Luft und gebannt lauschte Gott einem Konzert aus Fahrradklingeln und den Rotorblättern der Windräder, das von dem Lachen der Kinder begleitet wurde, die fleißig Bäume pflanzten.
Die Natur erstrahlte in neuen Farben. Die Menschen hatten anscheinend erkannt, dass die Erde ein lebendiges Wesen war, mit dem sie einträchtig Hand in Hand leben konnten. Die Flüsse durchzogen die Städte wie Adern und der Atem der Wälder floss gleichmäßig dahin.
Gott wusste gar nicht, wohin er schauen sollte. Sein Blick sprang zwischen Unverpackt-Läden, Solaranlagen und Freudesprünge machenden Tieren hin und her. Dann blieb seine Aufmerksamkeit bei einer großen Menschenansammlung hängen und als Gott die junge Frau sah, die auf der Bühne stand und eine inspirierende Rede hielt, murmelte er leise: „Aber… aber das ist doch…“
„…der Baum“, ergänzte Buddha, der sich wie viele andere Himmelsbewohner zu Gott gesellt hatte und fasziniert nach unten blickte.
Die Rede, welche die Frau hielt, handelte vom Klimaschutz – von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
„Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Sie hat schließlich nicht das Meer geteilt oder so“, brummte Moses neidisch über all die Aufmerksamkeit.
„Du hast Recht“, meinte Buddha. „Sie hat nicht das Meer geteilt, sondern etwas viel Größeres vollbracht. Sie hat die Menschheit vereint und ihnen Hoffnung gegeben.“
„Aber…“
„Psst!“, unterbrach Gott die beiden ungeduldig. „Ich will das hören.“
Unten auf der Erde beendete die Frau gerade ihre Rede und blickte in den Himmel. „Ich möchte denjenigen danken, die schützend ihre Hand über uns halten und uns den richtigen Weg weisen.“
Gott, Buddha und auch Allah, der gerade eingetroffen war, schauten sich schuldbewusst und betreten an. Bis Gott schließlich aussprach, was sie alle dachten: „Wir haben sie wohl unterschätzt. Und jetzt werden wir überschätzt. Wir müssten uns eigentlich bei ihr bedanken und nicht umgekehrt – denn sie hat uns den Glauben an die Menschheit wiedergegeben!“

Als die Erde diese Worte vernahm, konnte sie seit langer Zeit wieder lächeln.

Autorin / Autor: Anna Wagner, 23 Jahre