Bildung ist nicht genug

Studie: Warum es der Naturschutzpolitik zu selten gelingt, das Verhalten der Menschen zu ändern

Bild: André Künzelmann/UFZ

Insektensterben, Klimawandel, ausgelaugte Böden. Die Erde ist in keinem guten Zustand und die Menschheit muss etwas ändern. Aber was hat die Politik nicht schon alles unternommen, um den Naturschutz voranzutreiben? Und doch führen all die Initiativen, Empfehlungen oder Strategien auf dem Gebiet des Naturschutzes nicht wirklich dazu, dass die Menschen ihr Alltagsverhalten ändern. Warum das so ist, hat nun ein deutsch-israelisches Forschungsteam unter Führung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) untersucht.
Die Grundlage ihrer Studie bildeten acht nationale Strategiepapiere, die sich mit dem Schutz bestäubender Insekten befassen. Bienen oder Schmetterlinge sind enorm wichtig für die Bestäubung in der Landwirtschaft. Ohne sie wird es in Zukunft zu erheblichen Ernteeinbußen kommen. Trotzdem hat das Wissen um ihr massenhaftes Verschwinden oft noch zu wenig Auswirkungen auf Verhaltensänderungen in der Bevölkerung. „Naturschutzpolitiken zum Erhalt der Bestäuber sind in dieser Hinsicht oft zu ineffektiv und ändern nur wenig am Verhalten der Menschen“, sagt Erstautorin und Umweltpsychologin Dr. Melissa Marselle, die am UFZ und am iDiv zum Einfluss der Biodiversität auf die Gesundheit forscht.

Umweltpolitik mithilfe der Psychologie
Die Wissenschaftler_innen entschlüsselten 610 Einzelmaßnahmen in den Strategiepapieren anhand des Analysemodells „Behaviour Change Wheel“, das aus der Gesundheitspsychologie stammt. Den darin enthaltenen 19 Verhaltensmodellen ordneten sie neun Maßnahmen zu, wie sich das Verhalten der Menschen ändern könnte. Demnach lassen sich mit 23 Prozent die meisten der Verhaltensmaßnahmen dem Bereich Bildung zuordnen, danach folgen mit 19 Prozent Strukturmaßnahmen wie das Pflanzen von Hecken, die Aussaat von Blühstreifen auf Äckern oder das Anlegen von Grünanlagen in der Stadt. Rund vier Prozent der Maßnahmen lassen sich unter dem Stichwort Modelling zusammenfassen, also zum Beispiel dem Einsatz von Best-Practice-Beispielen von vorbildlich arbeitenden Landwirten. Danach folgen Anreizsysteme etwa für Landwirte oder Kommunen (drei Prozent) und gesetzliche Regelungen (zwei Prozent). Stärkere Eingriffe wie zum Beispiel zusätzliche Steuern für den Einsatz von Pestiziden tauchten in den Politikpapieren nicht auf.

Bildung alleine hilft nicht
„Das zeigt, dass sich die nationalen Biodiversitätsstrategien vornehmlich auf Bildungs- und Strukturmaßnahmen konzentrieren und andere wirksame Instrumente vernachlässigen“, sagt Melissa Marselle. Bildungsmaßnahmen, mit denen Wissen vermittelt und Verständnis geweckt werden soll, seien zwar wichtig. Aber auf Bildung alleine zu setzen, sei nicht sehr effektiv, wenn man wirklich das Umweltverhalten ändern wolle.
Was aber schlagen die Forscher_innen vor? Man sollte Bildungsmaßnahmen mit einer breiten Palette anderer Maßnahmen koppeln. Ein Beispiel wäre, auf Produkt-Etiketten die Lieferketten und Erzeugerprinzipien deutlich zu machen, das könne viele Menschen zum Kauf eines ökologischen oder bienenfreundlichen Produkts animieren – auch wenn es teurer wäre. Ein weiteres Instrument sei auch, Landwirten, die nachhaltig wirtschaften, finanziell stärkere Anreize zu geben. Oder man könnte die Zertifizierung nachhaltiger Gebäude daran koppeln, dass Blumenrabatte mit bestäuberfreundlichen Stauden bepflanzt werden. Die Forscher_innen fanden auch heraus, dass man Verbraucher_innen durch Steuern und Mehrkosten zu einer schnellen Verhaltensänderung führen kann: So hatte in Großbritannien eine Zwangsabgabe auf Plastiktaschen sehr schnell dazu geführt, dass der Verbrauch sank.

Wer soll sich angesprochen fühlen?
Es gab aber noch ein weiteres Manko der politischen Strategiepapiere: 41 Prozent der dort vorgeschlagenen Maßnahmen nannten nicht, an wen sie sich überhaupt richten sollten. Zwar seien die Ziele oft sehr gut beschrieben, drehten sich aber zumeist um die Frage, wie sich die Umwelt durch bestimmte Aktionen verändert. Wer die Aktionen umsetzen soll, sei dagegen oft nicht näher definiert: die Öffentlichkeit, die Landwirte oder die lokalen Behörden? Ihr Vorschlag ist deshalb, sich zusammen mit Verhaltensforscher_innen erst mal zu überlegen, was die verschiedenen Akteure tun können, und sich dann darauf aufbauend Maßnahmen zu überlegen, wie bestimmte Ziele erreicht werden können.

Wie kommt man zu einer wirksamen Umsetzung internationaler Naturschutzpolitik?
Gelegenheiten, Naturschutzstrategien besser zu schreiben, gibt es derzeit einige. So muss beispielsweise die EU-Biodiversitätsstrategie 2030, die die EU-Kommission im Mai 2020 verabschiedete, in nationale Politiken umgesetzt werden. Zudem werden auf der nächsten Konferenz der Convention of Biological Diversity (CBD) im kommenden Jahr in China die globalen Ziele zum Schutz der biologischen Vielfalt für die folgenden Jahre verhandelt. „Vor diesem Hintergrund ist es von entscheidender Bedeutung zu verstehen, wie Politiken formuliert werden müssen, um zu einer wirksamen Umsetzung internationaler Naturschutzpolitik zu kommen“, sagt Prof. Aletta Bonn, die an UFZ und iDiv das Department Ökosystemleistungen leitet und sich mit dem Thema Interaktion von Mensch und Natur befasst.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung