Wählen mit 16?

Umfrage unter 7000 Erstwähler*innen bringt neues Licht in die Debatte ums Wahlalter

Seit einigen Wochen enflammt wieder eine Diskussion über die Herabsetzung des Wahlalters von 18 auf 16 Jahre. Kritiker_innen einer Absenkung führen häufig an, Jugendlichen, die jünger als 18 Jahre alt sind, fehle es an der nötigen „Reife“, um wählen zu können. Befürworter_innen halten entgegen, dass Interesse und Wissen nicht aus einem „Reifungsprozess“ entstünden, sondern gerade durch die Möglichkeit der Teilhabe. „Das stimmt nach den Erkenntnissen aus unserer Studie so beides nicht. Wir finden schon bei 15-Jährigen ein recht ausgeprägtes Interesse an und Wissen über Politik – und das unabhängig vom gültigen Wahlrecht“, sagt der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Thorsten Faas. Er hat zusammen mit Arndt Leininger, PhD, vom Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin in einer Studie bei 15- bis 24-Jährigen empirisch untersucht, welche Chancen und Risiken mit der Absenkung des Wahlalters von 18 auf 16 Jahren verbunden sind. „Wir finden wenig, was gegen eine Absenkung des Wahlalters spricht“, bilanziert Projektleiter Arndt Leininger.

Absenkung des Wahlalters kein Selbstläufer
Allerdings müsse man in den Diskussionen auch das private und schulische Umfeld junger Menschen und das damit verbundene Informationsumfeld einbeziehen. Denn gerade bei jüngeren Menschen sei es wahrscheinlicher, dass sie noch die Schule besuchen und zu Hause wohnen. Diese Faktoren könnten die Teilnahme an einer Wahl eher begünstigen und daher für eine Absenkung des Wahlalters sprechen. Aber genau hier zeige sich die Ambivalenz der möglichen Absenkung, sagt Thorsten Faas. Man müsse schon fragen: Wer ist mit 17 oder 18 noch in der Schule? In welchen Elternhäusern wird viel über Politik gesprochen? "Hier sehen wir deutliche Unterschiede zwischen jungen Menschen“, erläutert der Politikwissenschaftler. So sei es zwar möglich, durch eine Senkung des Wahlalters junge Menschen zu Hause oder in der Schule mit Politik in Verbindung zu bringen, allerdings vor allem in privilegierten heimischen oder schulischen Kontexten. Denn die 17, 18 oder 19 Jährigen die noch die Schule besuchten, seien hauptsächlich junge Menschen, die das Abitur anstreben – also jene, die ohnehin schon in eher privilegierter Position
seien. Eine Absenkung des Wahlalters sei aber kein Selbstläufer im Sinne einer gleichmäßigen Beteiligung und damit einer demokratischen Gleichheit. Um zu bewirken, dass möglichst viele junge Menschen wählen gehen, sollten daher gezielte flankierende Maßnahmen zu einem herabgesetzten Wahlalter ergriffen werden. Gute Erfahrungen hätten die Erstwähler_innen zum Beispiel mit dem Wahl-O-Mat gemacht. Diese internetbasierte Anwendung bietet Infos und Entscheidungshilfen für aktuell anstehende Europa-, Bundestags- und Landtagswahlen an und wird seit 2002 von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) betrieben.

Was für eine Herabsetzung spreche, sei auch, dass es tatsächlich die 16-Jährigen sind, die am häufigsten von Gesprächen mit den Eltern über die Wahl berichten; auch mit ihren gleichaltrigen Peers scheinen sie am häufigsten über Politik und Wahlen gesprochen zu haben.

Vergleich zweier Bundesländer mit 7000 Befragten
Die Wissenschaftler machten sich in ihrer Studie einen besonderen Umstand der beiden Landtagswahlen am 1. September 2019 in Brandenburg und Sachsen zunutze: Während die 16- und 17-Jährigen auf der brandenburgischen Seite der Landesgrenze an diesem Tag wählen durften, konnten in Sachsen junge Menschen erst ab 18 Jahren zur Wahlurne gehen. „Diese besondere Situation hat es für uns möglich gemacht, präzise festzustellen, was das Erreichen der Wahlaltersgrenzen mit jungen Menschen macht“, erläutert Projektleiter Leininger. Das Autorenteam lud junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren in beiden Bundesländern per Post zu einer Umfrage ein und befragte sie online zu ihren politischen Grundeinstellungen, ihrer Wohn- und Schulsituation und ihrem Kommunikations- und Informationsverhalten. „In repräsentativen Umfragen mit insgesamt nur 1.000 oder 2.000 Befragten werden immer sehr wenige junge Menschen interviewt, sodass man über diese Gruppe, gerade auch bezogen auf Wahlen, nur wenig erfahren kann. Mit fast 7.000 Befragten konnten wir hier viel tiefer bohren“, erläutert Projektleiter Faas.

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 6. August 2020