"Selber schuld" oder "Komm, ich helf dir"

Studie befragte Kinder und Jugendliche nach ihrem Gemeinschaftssinn

Gemeinschaftssinn ist einer der tragenden Pfeiler von Gesellschaften. Zu seinen Grundlagen gehören Eigenschaften wie Empathie, Solidarität, Respekt, Hilfsbereitschaft und soziale Integration. Und all dies erfahren und lernen wir größtenteils in der Kindheit und in der frühen Jugend. Wie es aktuell um den Gemeinschaftssinn von Kindern und Jugendlichen steht, stand im Mittelpunkt einer gerade abgeschlossenen Studie, die von der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung durchgeführt wurde. Der Sozialpädagoge Prof. Dr. Holger Zieglerhat untersuchte, wie Kinder (6 bis 11 Jahre) und Jugendliche (12 bis 16 Jahre) mit verschiedenen Aspekten des Gemeinschaftssinns, wie Empathie und Solidarität, aber auch mit Gleichgültigkeit und der Abwertung von Schwächeren umgehen.

Mehrheit hat solidarische Gefühle, aber es gibt 'bedenkliche' Defizite
Das Ergebnis zeigt, dass Kinder und Jugendliche heute zu einem großen Teil einen positiven Sinn für das menschliche Miteinander haben. Allerdings zeigten auch 22 Prozent der befragten Kinder bedenkliche Defizite. Bei den Jugendlichen sei sogar ein Drittel durch unterdurchschnittlich entwickelten Gemeinschaftssinn aufgefallen. Was genau mit Gemeinschaftssinn gemeint ist, erklärt Studienleiter Prof. Dr. Holger Ziegler so: ein Gefühl des Wohlwollens und der Sympathie gegenüber Menschen in einer Gemeinschaft – unabhängig von Unterschieden in Tradition, Religion, Nationalität oder sozioökonomischem Status.

Empathie eine weibliche Eigenschaft?
Beeindruckt hat die Forschenden, dass in beiden untersuchten Altersgruppen die Mädchen durchweg einen besseren Sinn für das soziale Miteinander aufwiesen, wobei der Gemeinschaftssinn bei Jungen bereits von Kindesalter an in eine Schieflage zu rutschen drohe. Empathie, also Mitgefühl für andere zu haben, sich in ihre Lage versetzen zu können, sei eine Grundbedingung, damit gemeinschaftliches Zusammenleben funktioniere. Inwieweit die befragten Kinder Mitgefühl empfanden, wurde mit Aussagen wie „Es macht mich traurig, wenn es anderen Kindern schlecht geht“ oder „Wenn ein anderes Kind traurig ist, versuche ich, es zu trösten“ erfragt. Die gute Nachricht: 49 Prozent der befragten Kinder zeigten starke Empathie, davon waren 61 Prozent Mädchen und nur 37 Prozent Jungen. Die traurige Seite: Ein Fünftel der befragten Kinder (21 Prozent) zeigte nur ein geringes Empathievermögen (Jungen 30 Prozent; Mädchen 12 Prozent). Bei den Jugendlichen sei das Bild noch deutlicher: Über die Hälfte (54 Prozent) der befragten Jugendlichen reagieren auf Aussagen wie: „Es nimmt mich mit, wenn ich sehe, dass ein Tier verletzt wird“ oder: „Es macht mich traurig, ein Mädchen/einen Jungen zu sehen, das/der niemanden zum Spielen findet“ nur unterdurchschnittlich empathisch – 76 Prozent der männlichen Jugendlichen und nur 31 Prozent der weiblichen Jugendlichen finden sich hier. Im Gegenzug zeigen zwei von drei Mädchen (69 Prozent) – aber nur einer von vier Jungen (24 Prozent) – starkes Mitgefühl. Über die gesamten Altersklassen von 6 bis 16 Jahren zeigten sich in der Tendenz bei den Mädchen stetig steigende, bei den Jungen stetig sinkende Empathiewerte.

Fehlende Solidarität zeigt sich früh
Ob Kinder sich gegenüber Gleichaltrigen solidarisch verhalten, wurde mit Aussagen zur Hilfsbereitschaft untersucht: „Es kommt oft vor, dass ich anderen Kindern helfe“ oder: „Ich helfe anderen Kindern, wenn sie ungerecht behandelt werden“ waren einige der Fragen, auf die ein Fünftel der Kinder keine positive Antwort hatte. Auch hier gaben die Jungen ein weniger positives Bild ab: Beinahe jeder dritte Junge (30 Prozent) zeigte sich unsolidarisch. Von den Mädchen waren es nur 16 Prozent. Die Fragestellungen bei den Jugendlichen waren etwas anders gelagert: „Ich helfe gerne, wenn andere verletzt, krank oder traurig sind“, „Ich teile gerne mit anderen“ wurden von insgesamt mehr als einem Drittel (36 Prozent) der Befragten negativ beantwortet. Davon waren die Hälfte (47 Prozent) Jungen und nur etwa ein Viertel (24 Prozent) Mädchen.

„Selber schuld“ statt Hilfestellung
Befragt zur Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen anderer, zeigte sich für die Forschenden ein bedenkliches Bild: Fast drei Viertel aller befragten Kinder (70 Prozent) gaben an, zumindest teilweise gleichgültig gegenüber Leidtragenden zu sein und hatten für deren Problemlagen lediglich ein „selber schuld“ übrig. Ein Fünftel der Kinder (22 Prozent) war sogar stark überzeugt von dieser Haltung. Aussagen wie: „Wenn ein anderes Kind Probleme in der Schule hat, ist es meistens selber schuld“ oder: „Wenn andere Kinder traurig sind und ich nicht schuld bin, ist mir das egal“ fanden bei mehr als einem Viertel der Jungen starke Zustimmung, aber nur 16 Prozent der Mädchen sahen das auch so. Immerhin 34 Prozent der Mädchen stehen dieser Haltung sehr skeptisch gegenüber – im Vergleich zu 26 Prozent der Jungen. Von den befragten Jugendlichen tendierten 21 Prozent zu dieser „Selber-schuld“-Haltung (27 Prozent der Jungen und 14 Prozent der Mädchen). 

Mehrheit lehnt Abwertung ab
Die Abwertung von Randgruppen und Schwächeren ist ein Problem, das sich in seinen Grundzügen ebenfalls schon im Kindesalter zeige und sich oft in Mobbing ausdrücke. 26 Prozent der Kinder gaben an, schon Erfahrungen mit mobbingähnlichen Situationen gemacht zu haben, 17 Prozent waren bereits selber Opfer von Mobbing, wobei es hier ausnahmsweise keinen signifikanten Unterschied zwischen Mädchen und Jungen gab.
Von den befragten Jugendlichen neigten 29 Prozent zu einem starken Abwertungsverhalten. Die Studienteilnehmer wurden mit Aussagen wie: „Wir nehmen in unserer Gesellschaft zu viel Rücksicht auf Versager“, „Es gibt Gruppen in der Bevölkerung, die weniger wert sind als andere“ oder: „Es ist ekelhaft, wenn Schwule sich in der Öffentlichkeit küssen“ konfrontiert. Diesen und ähnlichen Aussagen stimmen mehr als ein Drittel der Jungen (36 Prozent) und 22 Prozent der Mädchen zu. Allerdings ist auch hier eine überwältigende Mehrheit gegen eine solche Haltung: 78 Prozent der Mädchen und 64 Prozent der Jungen widersprachen diesen Abwertungen.

Höhere Sozialkompetenz, aber auch mehr Selbstkritik
Mädchen sind laut dieser Befragung offenbar deutlich gemeinschaftsorientierter als Jungen. Sie sind mitfühlender, hilfsbereiter, weniger gleichgültig und weniger abwertend. Ziegler erläutert die Ergebnisse: „Das Ausmaß, in dem die Mädchen den Jungen in allen Aspekten eines gemeinschaftlichen Miteinanders voraus sind, war stärker, als wir erwartet hatten. Insgesamt deutet das darauf hin, welch hohe Last Mädchen und Frauen in der Gesellschaft tragen. Aber: “Bei aller sozialen Kompetenz sind Mädchen eher unzufrieden mit sich und ihrem Leben als Jungen. Im Jugendalter liegen sie sowohl in der Beurteilung der eigenen Lebenszufriedenheit als auch des Selbstwertgefühls hinter den Jungen zurück. Dagegen zeigen die Jungen trotz – oder gerade wegen – ihrer offensichtlich geringeren sozialen Ausrichtung in beiden Bereichen höhere Werte (Lebenszufriedenheit: Jungen 66 Prozent versus Mädchen 56 Prozent; Selbstwertgefühl: Jungen 66 Prozent versus Mädchen 57 Prozent). Geht es um die Integration in Gruppen Gleichaltriger, liegen die Jungen ebenfalls, wenn auch deutlich knapper, vorn.

Welchen Einfluss hat das Umfeld?
Die Studie zeige auch: Empathie und solidarisches Verhalten der Befragten entwickeln sich unabhängig vom sozioökonomischen Status der Familie. Allerdings kamen die Forschenden auch zu folgenden Ergebnissen: 50 Prozent der Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischen Status neigte deutlich stärker dazu, Randgruppen und Minderheiten abzuwerten, als ihre Altersgenossen aus besser gestellten Haushalten (16 Prozent). Bei der Gleichgültigkeit gegenüber anderen zeigte sich ebenfalls ein signifikanter Unterschied: 33 Prozent der Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischen Status gaben Gleichaltrigen in Problemlagen individuelle Schuld. Ihre Altersgenossen aus besser gestellten Haushalten zeigen dieses Verhalten auch hier nur zu 16 Prozent.

Einfluss der Einstellung der Eltern
Aber auch negative Einstellungen der Eltern (erhoben durch Befürwortung einer Abwertung schwächerer Gruppen, Rücksichtslosigkeit gegenüber Minderheiten und Traditionalismus) haben auf Gleichgültigkeit und abwertendes Verhalten der Jugendlichen einen bedeutenden Einfluss. Wachsen Jugendliche in solchen familiären Bedingungen auf, geben sie zu einem Drittel anderen eine persönliche Schuld an ihren Problemen und werteten Normabweichnungen zu 51 Prozent ab. Ist das Elternhaus dagegen wohlwollend eingestellt, vertraten nur 13 Prozent der Jugendlichen die "Selber-Schuld-These" und hatten auch weniger Schwierigkeiten mit anderen Lebensentwürfen. Auf Gefühle wie Empathie oder Solidarität hatte eine negative Einstellung der Eltern überraschenderweise keinen nennenswerten Einfluss.

Generation „Rücksichtslos?
Die heutige Gesellschaft befindete sich im Umbruch, konstatiert die Studie. Aktuelle Themen wie Inklusion, Diversität und Nachhaltigkeit erforderten Umdenken und persönliche Kompetenz, um zu einer funktionierenden pluralen Gesellschaft beizutragen. Die Lebensrealität und das Bewusstsein vieler Kinder und Jugendlicher spiegele dies jedoch nicht wider. Holger Ziegler sieht hier eine Problemlage mit langfristigen Auswirkungen. Für ihn deuten die Daten darauf hin, "dass wir hier kein Randgruppenphänomen, sondern potenziell einen Flächenbrand sehen. Die gezeigte Entsolidarisierung führt im Ergebnis zu einer gesellschaftlichen Degenerationsspirale. Das Prinzip der Solidargemeinschaft als Grundlage für eine gelingende Gesellschaft läuft Gefahr zu kippen."

“Bernd Siggelkow, Gründer des Kinder-und Jugendhilfswerks „Die Arche“, das durch die Stiftung unterstützt wird, kennt diese Entwicklungen aus der Praxis: „Abwertung erwächst häufig aus der Gleichgültigkeit gegenüber den Problemlagen anderer. Das Zuweisen des „selber schuld“ wiederum kann ein Zeichen der Überforderung mit den Gegebenheiten des Aufwachsens sein. Kinder und Jugendliche, die in einem belasteten Umfeld aufwachsen, lernen möglicherweise das gesellschaftliche Wertesystem nicht kennen, können weder adäquat an ihm teilhaben noch es selbst in ihrem jetzigen und späteren Leben anwenden.“ 

Über die Studie
Die Bepanthen-Kinderförderung führt im zweijährlichen Rhythmus gemeinsam mit der Universität Bielefeld eine Sozialstudie durch, mit dem Ziel, jeweils aktuelle Problemfelder in der Lebenssituation von Kindern und Jugendlichen zu identifizieren. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in die praktische Kinderförderung ein. Die Bepanthen-Kinderförderung wurde 2008 durch die Firma Bayer Vital GmbH ins Leben gerufen.

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