Smarte Mehrweg-Idee

Das StartUp VYTAL hat Mehrwegboxen für Fast-Food und Essen-to-Go entwickelt und sie mit einer App versehen. Einer der Gründer, Tim Breker, erzählt, wie es funktioniert.

Was ist die Idee hinter VYTAL?
Unsere Vision ist es, Mehrwegverpackungen so einfach und bequem nutzbar zu machen wie Einweg. Nur besser. Für uns bedeutet es, höherwertige Verpackungen mit mehr Funktionalitäten wie z.B. Auslaufsicherheit, Temperaturbeständigkeit und Mikrowellenfestigkeit dort zur Verfügung zu stellen, wo sie gebraucht werden und sie genau dann zurückzunehmen, wenn der Konsument sie nicht mehr braucht. Zudem möchten wir mit unserem digitalen System, das aus den individuellen QR-Codes und Namen unserer Boxen, aus einer Handy-App für Konsumenten und einer für Gastronomen besteht, allen Systemteilnehmern noch weiteren Nutzen über die Verpackungsleistung hinaus bieten. Das kann z.B. die Berechnung der durch die Nutzung von VYTAL eingesparten Menge Verpackungsmüll und CO2-Emissionen sein, eine digitale Bonuskarte oder die direkte Kommunikation zwischen Gastronomen und Konsumenten. Die Besonderheit von VYTAL ist, dass es für Konsumenten kostenlos ist und wir von den Gastronomen pro Befüllung bezahlt werden. So ist unser Ziel als Firma an dem ökologischen Ziel, Einwegverpackungen zu ersetzen, ausgerichtet. VYTAL macht immer dann Umsatz, wenn eine Einwegverpackung eingespart wird. Wir gewinnen nur, wenn auch die Umwelt gewinnt.

Aus welchem Material bestehen die Boxen?
Unsere VYTAL Boxen bestehen aus BPA-freiem Polypropylen und Thermoplastischem Elastomer (TPE), sodass sie leicht, robust und 100% auslaufsicher sind. Wir haben lange nach einem geeigneten Material und Hersteller geschaut und uns dann für diesen sehr hochwertigen und gut erforschten Kunststoff entschieden, der sich besonders gut recyceln lässt. Zudem sind unsere Polypropylen-Schüsseln ökologischer als Edelstahlbehälter und können im Gefrierschrank und in der Mikrowelle (ohne Deckel) genutzt werden. Die VYTAL Boxen werden in Holland entwickelt und lokal unter Einbeziehung einer Behindertenwerkstatt nach allen EU Standards hergestellt.

Ihr verknüpft eure Mehrweg-Idee mit einer App. Wie funktioniert das genau?
Für den Konsumenten funktioniert VYTAL so einfach wie Car-Sharing - nur dass es für Kunden auch noch kostenlos ist, unsere Mehrwegboxen bis zu 14 Tage lang zu nutzen. Dazu registriert er sich einfach in unserer VYTAL App (iOS, Android) und bekommt dann bei einem unserer Gastro-Partner die erste VYTAL mit einem leckeren Gericht. Nach dem Verzehr kann der Konsument die VYTAL dann - am gleichen Tag ungespült bzw. ab dem 2. Tag mit kaltem Wasser ausgespült - in einer Rückgabebox oder direkt bei jedem unserer Partner zurückgeben. Dort werden die VYTAL Boxen dann mit den vorhandenen Gastrospülmaschinen gespült, überprüft und für den nächsten Kunden bereitgestellt.
In der App sieht der Kunde auch genau, wie viele Einwegverpackungen er bereits eingespart hat, welche Boxen er für wie lange ausgeliehen hat und welche Gastro Partner mitmachen.

Das VYTAL-Team

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Warum ist das besser, als wenn ein Händler für das Gefäß Pfand nimmt?
VYTAL hat viele Vorteile gegenüber Pfand, von denen die Gastronomen, die Konsumenten und vor allem auch die Umwelt profitieren.
Die Gastronomen müssen erstmal nicht in Vorleistung gehen, um von uns hochwertige Verpackungen zu bekommen. Das ist vor allem wichtig, weil für Gastronomen alle Pfandverpackungen, die sie im Lager haben, Kapital binden, das sie nicht ausgeben können und das zusätzlich auch noch einem Diebstahl-Risiko ausgesetzt ist. Zudem zahlen sie auch keinen monatlichen Festbetrag zur Systemteilnahme, sondern nur dann, wenn sie unsere Verpackungen auch benutzen. So können auch kleinere Betriebe mit wenig Mitnahmeessen gut am System teilnehmen. Ein weiterer großer Vorteil ist, dass im Hintergrund keine Pfandeinnahmen umverteilt werden müssen, weil in einem Pfandsystem wäre es so, dass der Laden, bei dem viele Boxen zurückgebracht werden, viel Bargeld auszahlen muss, welches er dann von den Läden zurückbekommen muss, die diese Boxen ausgegeben und von ihren Kunden dafür Pfand erhalten hatten. In unserem System können Gastro-Partner auch kurz vor Ladenschluss, wenn ihre Kasse schon zu ist, noch viele VYTAL Boxen zurücknehmen, da sie lediglich digital zurückgescannt werden.

Ist das auch für die Kund_innen besser?
Ja auch die profitieren von unserem digitalen System, da sie beim Einkauf kein Pfand vorstrecken müssen. Auch die bequeme Rückgabe an Rückgabestationen wird erst dadurch möglich, dass kein Pfand zurückbezahlt werden muss. Wir sind also für den Kunden ein kostenloses System, was auch so lange kostenlos bleibt, wie sich der Nutzer umweltfreundlich verhält. Er zahlt nur, wenn die VYTAL nicht rechtzeitig zurückgebracht wird. Mental sind das dann aber echte Kosten, weil das Geld - anders als beim Pfand - noch nicht als bereits ausgegeben verbucht wurde. Dass dieses psychologische Incentive zur Rückgabe funktioniert und wir so dem Kunden helfen, sich umweltfreundlich zu verhalten, sehen wir in unseren Zahlen.

Bringen die Kund_innen die Boxen tatsächlich zurück?
Wir erzielen mit dem VYTAL System schnellere Rückgaben als das weitaus etabliertere deutsche Flaschenpfandsystem und verzeichnen deutlich weniger Schwund (1.2% vs. 4%). Im Pfandsystem werden Behälter häufig zu Hause oder in den Büroküchen gesammelt, wo sie ungenutzt weder der Umwelt noch dem Kunden nützen. Durch unsere digitale App erinnern und motivieren wir dagegen die Nutzer, unsere Gefäße schnellstmöglich zurückzubringen. Das hat für die Umwelt den großen Vorteil, dass wir unsere VYTAL Boxen bestmöglich auslasten können: Unsere VYTALs werden tatsächlich mehr als zehnmal genutzt, so dass wir eine im Vergleich zu Einweggeschirr positive Ökobilanz nachweisen können. Dank unseres digitalen Systems können wir sogar ganz genau nachvollziehen, wie häufig eine VYTAL genutzt wird und wie viel Verpackungsmüll durch unser System insgesamt eingespart wurde. In analogen Pfandmodellen wäre das undenkbar.

Was war eure Motivation für die Mehrweg-Take-Away-Box?
Wir drei Gründer haben uns bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group kennengelernt. Dort haben wir häufig Essen mitgenommen oder Sushi bestellt. Das hat regelmäßig zu überquellenden Büromülleimern geführt und uns ist bewusst geworden, wie groß die Ressourcenverschwendung durch Einwegverpackungen ist. Dagegen wollten wir unbedingt etwas tun. Bei der Suche nach einer bequemen ökologischen und ökonomischen Lösung sind wir auf das Sharing-Prinzip gestoßen. So ist dann VYTAL Deutschlands erstes Bowl-Sharing System entstanden. Unsere große Motivation speist sich daraus, dass wir jetzt an einer Lösung arbeiten, die das ökologisch Sinnvolle mit dem ökonomisch Wertvollen verbindet und das Potenzial hat, das globale Problem von Verpackungsmüll zu lösen.

Habt ihr schon einen Testlauf mit den Mehrwegboxen bei Unternehmen gemacht?
Klar, wir arbeiten mit vielen Unternehmenskunden zusammen. Das Schöne an unserem Modell ist, dass es für Unternehmen mit Kantine gut geeignet ist, um Mitarbeitern die Essensmitnahme an den Schreibtisch oder nach Hause zu ermöglichen, und auch für Unternehmen ohne Kantine, bei denen viele Mitarbeiter rausgehen, um sich zu verpflegen. Unternehmen mit Kantinen versorgen wir derzeit bundesweit mit unserem System. Unternehmenspartner ohne Kantinen haben wir bisher vor allem in München und Köln, wo bereits viele Gastronomen unser System nutzen, sowie in Frankfurt, Düsseldorf und sogar Wien.

Welche Schritte folgen als nächstes?
VYTAL hat sich in den letzten 12 Monaten auch dank der Unterstützung durch das Exzellenz Start-up Center GATEWAY der Universität zu Köln prächtig entwickelt. Mittlerweile bieten wir unser digitales und pfandloses Mehrwegsystem in Köln und München an. Zudem vermitteln wir seit März mit unserer pro-bono Initiative #SupportYourLocalGastro provisionsfrei Online-Essensbestellungen an Gastronomen in Heinsberg, Köln, München und darüber hinaus, um sie in der Corona-Zeit zu unterstützen. Für die Expansion von VYTAL stehen als nächstes weitere große deutsche Städte auf unserer ToDo-Liste. So möchten wir unser Bowl-Sharing System noch in diesem Jahr zu Gastronomen nach Berlin, Hamburg und Frankfurt bringen. Außerdem planen wir auch schon die erste internationale Stadt, um gegenüber Investoren das globale Potenzial von VYTAL zu beweisen.

Glaubt ihr, dass sich auch große Unternehmen wie z.B. McDonalds für eure Mehrweg-Boxen gewinnen lassen?
Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich gerne zu einem kleinen Gedankenexperiment einladen: Wenn du nun die Augen schließt und dir vorstellst, wie Menschen in fünf bis zehn Jahren Essen genießen. Siehst du dann dort irgendwo Einwegverpackungen? Ich nicht. Ich glaube fest daran, dass der Trend zu To-Go und Convenience Food weitergehen wird. Gleichzeitig wird das Thema Nachhaltigkeit aber immer präsenter und wichtiger, da wir nun mal jetzt handeln müssen, um unseren Planeten zu schützen. Für mich ist es also nicht die Frage, ob Unternehmen wie McDonalds auf Mehrweglösungen setzen werden, sondern vielmehr wann und auf welches System.
Mit unserer digitalen Kompetenz und unserer agilen lern-orientierten Arbeitsweise sind wir mit Sicherheit eine guter Partner auch für große Systemgastronomen, die ihre Einwegverpackungen durch hochwertige, wiederverwendbare Behälter mit digitalen Benefits ersetzen möchten.

Wie kann die Mehrwegidee insgesamt eurer Meinung nach mehr Anhänger_innen finden?
Ich glaube, dass die Mehrwegidee schon sehr viele Anhänger hat. Häufig ist es aber noch so, dass auch Menschen, die Mehrweg besser finden als Einweg, noch in vielen Situationen Einwegverpackungen nutzen z.B. weil kein Mehrweg angeboten wird oder vielleicht auch weil Mehrweg in dem Moment noch umständlich ist. Da sehe ich uns in der Pflicht. Mit VYTAL haben wir - wie schon erwähnt - die Ambition, Mehrweg so einfach und bequem zu machen wie Einweg. Wenn uns das gelingt, wüsste ich nicht, wer dann für Mitnahme- und Lieferessen noch Einweg wählt.

Habt ihr schon Ideen für ein weiteres Projekt?
Nein, diese Frage stellt sich für uns nicht. Für uns ist klar, dass wir alles was wir haben in VYTAL investieren und darein, unsere Vision nicht nur in Deutschland zur Realität werden zu lassen.

Wo seht ihr die Verpackungsbranche allgemein in 10 Jahren?
Das ist eine gute Frage. Da wir als junges Unternehmen noch neu sind in der Verpackungsindustrie, können andere das wahrscheinlich besser abschätzen. Wir setzen auf jeden Fall voll darauf, dass sich Mehrwegverpackungen als eine Säule der Circular Economy etablieren.

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit eurem Unternehmen!

Autorin / Autor: Redaktion/ VYTAL - Stand: 24. April 2020