Schritt für Schritt in die Normalität?

Corona-Simulation an der TU Wien: Schrittweise Rücknahme der Maßnahmen ist möglich, ohne das Gesundheitssystem zu überlasten. Geduld ist aber gefragt.

Bild: TU Wien / dwh

Schulen geschlossen, Betriebe lahm gelegt, Sozialkontakte auf ein Minimum reduziert. Aber wie geht es nun weiter? Werden wir den ganzen Sommer einsam und arbeitslos in unseren Buden sitzen? Werden die Maßnahmen noch verschärft, der öffentliche Nahverkehr eingestellt und Ausgangssperren verhängt?
Wird das Virus schnell besiegt, und wir können endlich wieder unser Leben leben? Oder gibt es schrittweise Öffnungen, um die Kurve weiter in Schach zu halten? In Wissenschaft, Politik und Wirtschaft werden unterschiedliche Szenarien diskutiert, schließlich will man die Wirtschaft nicht vollkommen zu Boden ringen, aber auch keine Bilder wie in Italien haben, wo Corona-Tote im Akkord abtransportiert wurden.

Immer schärfere Maßnahmen haben nicht unbedingt mehr Auswirkungen
Wissenschaftler_innen an der TU Wien und des TU-Spin-Offs dwh haben mit einer Simulation verschiedene Szenarien durchgerechnet. Dabei zeigte sich, dass noch drastischere Einschränkungen kaum zusätzlichen Nutzen hätten.

„Unsere Simulationsrechnungen zeigen allerdings ganz klar, dass ab einem gewissen Punkt eine weitere Verschärfung keinen spürbaren Nutzen mehr bringt“, sagt Niki Popper, Leiter des Forschungsteams. „Man kann sich das vorstellen wie bei einem nassen Schwamm: Je mehr Druck man ausübt, umso mehr Wasser kann man herausdrücken. Aber irgendwann ist der Schwamm völlig komprimiert, und dann hat zusätzlicher Druck kaum noch eine Auswirkung.“

Schnelle Rückkehr zum Vor-Corona-Alltag falsch
Aber auch eine schnelle Rückkehr zum normalen Vor-Corona-Alltag schätzen die Forscher_innen als falsch ein: „Wir gehen davon aus, dass bei Beibehaltung der aktuellen Maßnahmen der Höhepunkt der Krankheitsfälle bald erreicht wird und danach die Fallzahlen zurückgehen. Wenn die Kontaktzahl aber dann sofort wieder auf das früher übliche Niveau ansteigt, dann wird auch die Zahl der Krankheitsfälle sehr rasch wieder zunehmen, so ähnlich wie sich ein zusammengedrückter Schwamm sofort wieder ausdehnt, wenn man den Druck wegnimmt.“

Eine solche zweite Corona-Welle, verursacht durch ein übereiltes Ende der Maßnahmen, könne innerhalb kurzer Zeit zu deutlich höheren Krankheitszahlen führen als wir sie derzeit beobachten. Gewisse Vorsichtsmaßnahmen müssten demnach noch längere Zeit ergriffen werden. Welche das sein könnten, haben die Wissenschaftler_innen nun in drei Szenarien für die Stadt Wien berechnet.

Abbildung: TU Wien / dwh. Kontrolllierte Rücknahme der Maßnahmen. Vergleich der aktuellen Maßnahmen (schwarze Linie) mit Öffnung der Arbeitsstätten nach Ostern oder Öffnung von Arbeitsstätten und Schulen nach Ostern.

Würden die Maßnahmen beibehalten wie bisher - also für die Stadt Wien heißt das Schulen und ca. 25 % der Arbeitsstätten sind geschlossen, bei den Freizeitkontakten wird im Modell eine Reduktion von 50 % angenommen -  würde die Zahl der COVID-19-Kranken über den Sommer kontinuierlich zurückgehen (siehe Abbildung 3).

Ein kontinuierlicher Rückgang der Krankheitszahlen ergibt sich allerdings auch in einem zweiten Szenario, bei dem nach Ostern die Arbeitsstätten wieder geöffnet werden. Schulen bleiben in diesem Szenario geschlossen, die Freizeitkontakte bleiben weiter reduziert. Der Rückgang der Krankheitszahlen wäre dann langsamer, aber das Gesundheitssystem käme nicht an seine Belastungsgrenze.

In einem dritten Szenario wird davon ausgegangen, dass Arbeitsstätten ab Ostern wieder geöffnet werden und am 4. Mai (zwei Wochen vor der Matura - dem österreichischem Abitur) auch die Schulen wieder ihren normalen Betrieb aufnehmen. Nur die Kontaktanzahl in der Freizeit bleibt weiterhin um 50 % reduziert. In diesem Fall kommt es nach den Berechnungen zwar nicht zu einem explosiven Anstieg der Krankheitszahlen, wie das bei einem abrupten totalen Ende der Maßnahmen der Fall wäre, aber die Krankheitszahlen würden trotzdem steigen und das Niveau der derzeitigen ersten Welle übertreffen.

„Freilich sind langfristige Prognosen immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet“, betont Niki Popper. „Es ist wichtig, die Modelle Woche für Woche weiter zu verbessern und an das neueste Datenmaterial anzupassen. Je mehr wir über die Ausbreitung von COVID-19 lernen, umso zuverlässiger wird auch unser Blick in die Zukunft sein.“

Auch wenn die Fallzahlen natürlich von Land zu Land und von Stadt zu Stadt variieren und es sich bei dieser Berechnung lediglich um eine Simulation handelt, ist es doch trotzdem erfreulich zu hören, dass Wiedereröffnungen der Schulen und Arbeitsstätten auch in naher Zukunft denkbar sind, ohne dass sie in eine weitere Katstrophe münden.

Quelle:

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Autorin / Autor: Pressemeldung TU Wien, Redaktion - Stand: 27. März 2020