Zimtsterne

Beitrag zum Kreativ- und Schreibwettbewerb "Das ist mir was wert" von J.T., 19 Jahre

„Können Sie sich das vorstellen?“

Ich schiele durch das Glas und überfliege das Angebot. Lebkuchen, Krokanteier, Kuchen mit Pfeffernüssen, Kuchen mit Muskatnüssen, Zimtsterne, Früchtebrot und irgendetwas mit heller Glasur.

„Sie ist wirklich gesprungen. Hatte Mann und Kinder. Der Mann, anscheinend ein Trinker. Aber Kinder hatte sie. Wenigstens für die Kinder. Sie hat es nicht überlebt. In deinem Alter, ein junges Ding“, sagt die dicke Frau aufgebracht und wedelt dabei kopfschüttelnd mit einer Zange. Ihr Gesicht liegt in tiefen Falten.
Ich entscheide mich für zwei Zimtsterne und lasse sie mir in eine braune Papiertüte einpacken.

„Furchtbar, oder?“
„Furchtbar“, erwidere ich.
Wir schauen uns lange ergriffen an und können nichts mehr sagen.

Zu Hause stampfe ich den braunen Matsch von meinen Stiefeln und lausche.
Sein grauer Mantel hängt am Garderobenständer. Er ist zu Hause.
Ich laufe zum Schlafzimmer und fühle mich dabei von unseren eingerahmten, glücklichen Gesichtern an den Flurwänden verfolgt. Als ich im Zimmer bin, erblicke ich einen verwilderten Klamottenhaufen auf dem Boden. Er badet.
Ich lasse die braune Papiertüte mit dem Gebäck auf unserem Bett fallen und eile zum Badezimmer. Er hat nicht abgeschlossen.

Als meine Silhouette im Türrahmen erscheint, flüstert er mir etwas zu. Er haucht die Worte so behutsam und leise in den Raum, dass ich nicht verstehe, was er da sagt. Es ist ungewohnt, wenn er so spricht.
Ich mustere schweigend seinen flachen Körper, wie er matt in dem Becken schwebt und sofort schießt es mir in den Kopf;

Leiche.

Er hat die Augen geschlossen, sodass er das ganze Spektakel, wie ich mich ausziehe und meine Kleidung gedankenlos auf die kalten Kacheln fallen lasse, verpasst.
Ich weiß nicht, ob ich mir insgeheim wünsche, dass er mir zusieht. Vielleicht würde ich dann Gier in seinen Augen lesen, oder etwas Anderes. Vielleicht Schuld.
Plötzlich rutscht er ein wenig an den Rand, als würde er längst ahnen, dass ich gleich zu ihm komme. Als meine Füße das Wasser berühren, blinzelt er auf und starrt mich stillschweigend an.

Wir liegen lange da, ich auf seiner schweren Brust, und sprechen beide kein Wort.
Schweigen ist eine Art Kunst, die jede Frau lernen sollte, höre ich die Stimme meines Vaters in meinem Kopf sagen. Das hatte er mir immer wieder eingeprägt, seit ich ein junges Mädchen war. Manchmal hat er mir einen strengen Blick zugeworfen, wenn ich wieder zu viel quasselte und jedes Mal weinte ich danach heimlich in meinem Zimmer. Ich fühlte mich dümmlich und kindisch und vor allem hatte ich Angst.
Ich hatte Angst davor, nicht so weise und klug zu werden wie mein Vater. Er sagte immer das Richtige zum passenden Zeitpunkt. Ich wollte auch interessant und unnahbar wirken. Ich wollte keine Frau werden, die viel redet, immerzu erzählt von ihren Gefühlen und ihren Problemen.

Das Wasser ist gräulich und lauwarm, sodass mein Körper zittert. Er hingegen liegt stumm da und macht keine Bewegung. Er genießt die Dinge, das Leben. Er hat es gut.
Wie geht es dir, frage ich und er murmelt etwas, das ich kaum verstehe. Vermutlich schläft er gleich ein. Vielleicht sollte ich auch versuchen, einzuschlafen.
Ich erforsche sein Gesicht und es sieht aus, als würde er ruhend in einem Sumpf liegen.
Ich stelle mir einen Sumpf vor, einen mit tausenden Gesichtern, die alle ruhend im Wasser schweben. Und ich stelle mir einen Sumpf vor, in einem anderen Leben, nur für ihn und mich, irgendwo in der unberührten Natur. Vielleicht wäre dort alles anders gelaufen, besser. Vielleicht hätte er mich dort sanfter behandelt. Vielleicht hätte ich dort keine blauen Flecken, keine Zitteranfälle, keinen wütenden Vater, der von meinen Eheproblemen nichts wissen möchte. Vielleicht hätte ich dort, wie mein Bruder, jemanden geheiratet, den ich liebe. Vielleicht wäre ich eine andere Frau geworden, eine die viel redet.

Ich habe uns zwei Zimtsterne gekauft, erzähle ich ihm.
Ob er morgen wieder so lange arbeiten muss, frage ich weiter. Eine dumme Frage, denke ich sofort und wie provokant, wie taktlos. Ich möchte mich entschuldigen, aber er scheint nicht böse zu sein. Er drückt mich noch ein bisschen näher zu sich und streicht mir über meinen Kopf. Ich ignoriere das Herzpochen.

Seine Brust bewegt sich gleichförmig und ich bewege mich mit ihr, ganz so, als würde er mich hypnotisieren. Ich denke an die Zimtsterne, es sind zwei, einen für jeden von uns.
Ich denke an den Schnee, der draußen liegt, und wie kalt es doch heute draußen war. Ich denke an eine springende junge Frau und an ihre Hilflosigkeit. Ich schließe die Augen und sehe ihren erschöpften Körper vor mir. Ich frage mich, wie traurig sie wohl gewesen sein musste. Und das keiner diese Traurigkeit bemerkte.
Ich beschließe ihm nichts von der fremden Frau zu erzählen.

Irgendwann, es passiert ganz plötzlich, erhebt er sich und ich schrecke auf. Seine Miene scheint verfinstert.
Seine Bewegungen sind hastig, als wir uns abduschen. Ich lasse mir Zeit, lasse das kalte Wasser über seinen Rücken laufen und putze seinen Körper.
Wir küssen uns nicht, jetzt passt es nicht. Wir trocknen uns ab und ich hole uns saubere Kleidung aus dem Schrank im Schlafzimmer. Mein Körper zittert immer noch, als ich mich anziehe.

Nach einer Weile, es muss kurz nach Zehn Uhr gewesen sein, zieht er seine Stiefel an. Er nimmt die Autoschlüssel aus der Schublade und im nächsten Moment ist er verschwunden.
Ich habe ihn nicht gefragt, wohin er geht. Er mag diese Fragerei sowieso nicht.

Gerade als ich mich schlafen legen will, sehe ich die Tüte mit den Zimtsternen. Ich taste über die faltige Oberfläche und öffne die Tüte. Der stechende Duft von Zimt schleicht sich in meine Nase. Er hat seinen Zimtstern nicht mitgenommen und ich finde es bedauerlich.
Ich blicke um mich und beschließe, heute nicht einfach schlafen zu gehen.
Es fällt mir leicht, Kleidung auszuwählen, die ich mitnehme. Vielleicht wusste ich, dass dieser Tag kommen würde.

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Autorin / Autor: von  J.T., 19 Jahre