Allein

Beitrag zum Kreativ- und Schreibwettbewerb "Das ist mir was wert" von Juli, 17 Jahre

Ich liege im Bett. Allein. Doch ihre Gesichter sind da. Ich spüre ihre Blicke, ich höre ihre Stimmen. Alle sprechen mit mir, doch ich kann niemanden verstehen. Es sind zu viele. Ich versuche sie aus meinem Kopf zu verscheuchen. Doch mit jedem Versuch verweben sich meine Gedanken noch mehr. Sie werden immer dichter und bilden einen klebrigen Nebel um meinen Kopf. Ich drehe mich hin und her, versuche dem Gewimmel zu entkommen. Erfolglos.
Langsam schleicht mir die Angst in die Füße und von da an die Beine hoch. Dann immer höher, immer höher, bis sie mein Herz umhüllt. Dieses hämmert wie verrückt. Versucht sich gegen die klammernden Hände der Angst zu wehren. Doch diese tasten sich weiter, bis in meinen Kopf. Die Angst schleicht in den Nebel und umhüllt mich immer enger. Nun kommt die Verzweiflung. Alle Gedanken, alle Gefühle machen mir Angst. Ich trau mich nicht, an die Zukunft zu denken. Diese scheint so groß wie ein Löwe - ich bin eine Ameise. Schon der nächste Tag macht mir Angst. Ich sehe nur Erwartungen. Was sie von mir wollen. Was sie über mich sagen. Was sie von mir denken.
Ich halt es nicht aus. Ich springe aus meinem Bett und gehe umher. Doch der Nebel bleibt, er umschwirrt mein Gehirn, mein Herz, meinen ganzen Körper. Ich spüre ihn bis in die Fingerspitzen, er haftet sich sogar an meine Fußsohlen.
Ich gehe raus. Der Lärm der Autos und der gehetzten Menschen verdrängt für einen Moment die Stimmen in meinem Kopf. Doch ich will allein sein, ich gehe immer weiter und weiter. Der Lärm verliert sich, der Nebel wird wieder dichter. Er legt sein schweres Tuch über meine Schultern und die Angst kriecht erneut in meinen Körper, in meine Gedanken. Ich kann diese Klemme nicht mehr ertragen. Ich stampfe auf den Boden, versuche sie aus mir raus zu schütteln. Ich laufe umher und schwinge meine Arme. Ich werde immer wilder und wilder. Mit all meiner Energie tanze ich umher. Ich lasse alles raus. Ihre Gesichter verblassen, die Stimmen verstummen, die Angst fällt langsam von mir ab, der Nebel verzieht sich. Ich werde immer leerer. Ich tanze bis nichts mehr ist. Keine Gesichter, keine Stimmen, keine Gedanken, keine Gefühle. Es gibt nur noch mich. Ich bin einfach da. Dann lass ich los. All meine Kraft entflieht mir. Ich muss nicht mehr kämpfen, muss mich nicht mehr wehren. Wie meine Energie verblasst auch die Umgebung. Zuerst wird alles schwummrig, dann wird es dunkel.
Langsam komme ich wieder zu mir. Ich liege auf dem Boden. Allein. Ihre Gesichter sind weg. Ich sehe Bäume und den sich langsam verfärbenden Abendhimmel. Ich höre mein Herz, es schlägt nur für mich. Ich lebe für mich.

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