Weltweite Unterschiede in moralischen Entscheidungen

Forschung zu einem klassischen Dilemma: Einen opfern um fünf zu retten?

© Awad et al.

Wie sollte sich ein selbstfahrendes Auto verhalten, wenn es etwa auf eine Menschengruppe zufährt und ein Unfall unausweichlich scheint. Soll es ausweichen und damit das Leben der Insassen riskieren? Oder die Insassen schützen und die Menschengruppe auf der Straße aufs Spiel setzen? Für Ingenieur_innen und Programmierer_innen eine überaus schwierige Frage, schließlich gibt es keine moralischen Standards, nach denen das einfach entschieden werden könnte. Wie Iyad Rahwan, Direktor des Forschungsbereichs Mensch und Maschine am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und sein Team in einer großen Moral-Maschine-Umfrage zeigen konnten, würden Menschen je nach Kulturkreis autonome Fahrzeuge in solchen Situation dementsprechend ganz unterschiedlich programmieren.

Ein in der Psychologie gut erforschtes Dilemma: Das Trolley Problem
Darum haben Rahwan und sein Team für eine weitere große Befragung mit dem "Trolly-Problem" ein bekanntes, vielverwendetes und darum in der Psychologie gut erforschtes Dilemma zu Rate gezogen. Bei dem Trolly-Problem (trolley: engl. für Wagen, Straßenbahn) fährt eine Straßenbahn ungebremst auf fünf Gleisarbeiter_innen zu. Der oder die Weichensteller_in könnte die Straßenbahn auf ein Nebengleis umleiten, auf dem nur ein Mensch arbeitet. Soll er/sie den einen Menschen opfern, um fünf Menschen zu retten?
Das Forscherteam hat die Entscheidungen zu drei Varianten des Trolley-Problems von 70.000 Teilnehmer_innen aus 42 Ländern analysiert.

Opfern oder bewusst einkalkulieren
Im ersten Szenario, dem klassischen Trolley-Problem, konnten die Teilnehmer_innen die Weiche umstellen und den Waggon auf ein Nebengleis lenken. Ein dort arbeitender Mensch stirbt, fünf Menschen auf dem Hauptgleis sind gerettet.
Im zweiten Szenario macht das Nebengleis eine Schleife zum Hauptgleis zurück, auf dem fünf Menschen arbeiten. Das Umstellen der Weiche führt zum Tod des auf dem Nebengleis arbeitenden Menschen. Sein Körper verhindert, dass der Waggon auf das Hauptgleis zurückrollt. Im Unterschied zum ersten Szenario wird der Tod des einzelnen Menschen nicht nur in Kauf genommen, sondern ist notwendig, um die anderen fünf zu retten.
Im dritten Szenario kann ein großer Mann von einer Fußgängerbrücke auf die Schienen gestoßen werden, wobei sein Körper den Waggon aufhält und fünf andere Menschen rettet. Auch hier wird der Tod des einzelnen Menschen nicht nur in Kauf genommen, sondern ist notwendig, um das Leben der anderen zu retten.

Im Vergleich betrachtet, würden in allen Ländern mehr Teilnehmer_innen einen Menschen im ersten Szenario opfern als im zweiten und am wenigsten im dritten. Die Bereitschaft, den Tod eines Menschen in Kauf zu nehmen, um andere zu retten, ist weltweit größer, als den Tod eines Menschen zu instrumentalisieren, wie im zweiten und dritten Szenario.

Bereitschaft, einen Menschen zu opfern variiert
Unterschiede zwischen den Ländern gab es jedoch in der generellen Bereitschaft, Menschen zu opfern.
Im ersten Szenario würden beispielsweise 82 Prozent der Deutschen billigen, den einzelnen Menschen zu opfern, in den meisten westlichen Ländern sind die Werte ähnlich. Lediglich in einigen ostasiatischen Ländern ist das Ausmaß der Bereitschaft, einen Menschen für das Leben mehrerer zu opfern, auffallend geringer. In China beispielsweise billigen nur 58 Prozent der Teilnehmer_innen, die Weiche im ersten Szenario umzustellen. Im dritten Szenario weichen die Antworten zwischen den Ländern stärker voneinander ab. So stimmen 49 Prozent der Teilnehmer_innen in Deutschland zu, den großen Mann von der Fußgängerbrücke zu stoßen, in Vietnam sind es hingegen 66 Prozent, in China nur 32 Prozent.

Spielt das Ansehen eine Rolle?
Im Vergleich mit anderen bereits erforschten Eigenarten in den Ländern fanden die Forscher_innen einen auffälligen Zusammenhang: In Ländern, in denen es schwierig ist, außerhalb von traditionellen sozialen Gebilden, wie Familie oder Beruf, neue Beziehungen zu knüpfen, ist auch die Bereitschaft einen Menschen zu opfern geringer. Die Wissenschaftler vermuten, dass Menschen davor zurückschrecken, kontroverse und unpopuläre Entscheidungen zu treffen, wenn sie Angst haben, ihre aktuellen Beziehungen zu verlieren. „Die Menschen befürchten möglicherweise, dass sie als ‚Monster‘ wahrgenommen werden könnten, wenn sie bereit sind, das Leben eines Menschen für das Allgemeinwohl zu opfern. Es ist noch zu früh, um einen klaren, kausalen Zusammenhang zwischen den kulturspezifischen, moralischen Entscheidungen der Menschen und der Leichtigkeit, mit der sie neue Beziehungen eingehen können, herzustellen. Es gibt jedoch vermehrt Anzeichen dafür, dass die Art und Weise, wie das persönliche Ansehen in einer bestimmten Kultur gepflegt wird, die moralischen Intuitionen der Menschen aus dieser Kultur beeinflussen kann", sagt Iyad Rahwan.

Damit sind die Forscher_innen der Frage, wie wohl ein selbstfahrendes Auto zu programmieren wäre, nicht unbedingt näher gekommen. Denn offenbar gibt es keine weltweit einheitlichen moralischen Standards, nach denen eine solche Programmierung erfolgen könnte.

Die Originalstudie ist im Fachjournal PNSA erschienen: Awad, E., Dsouza, S., Shariff, A., Rahwan, I., and Bonnefon, J.-F. (2020). Universals and variations in moral decisions made in 42 countries by 70,000 participants. PNAS. https://doi.org/10.1073/pnas.1911517117

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Autorin / Autor: Pressemeldung / Redaktion - Stand: 24. Januar 2020