Maske

Beitrag zum Kreativ- und Schreibwettbewerb "Das ist mir was wert" von Mikkaela Thorne, 17 Jahre

Ich sitze auf meinem Stuhl und starre in das aufgeschlagene Englischbuch.
Wir sollen den Text lesen, aber ich lese nicht.
Die Worte vor meinen Augen verschwimmen, ich kann den Sätzen nicht folgen.
Ich spüre die Blicke der Anderen auf mir. Sie sehen mich an und werfen einander Blicke zu.
Ich weiß es. Ich habe sie schon vor der Stunde über mich reden gehört, manche haben gekichert.
Ich will nicht, dass sie über mich lachen.

Mein Blick fällt auf das Mädchen, das neben mir sitzt. Amy.
Wir waren beste Freunde, vorher.
Seit ich es ihr gesagt habe, hat sie kein Wort mehr mit mir gewechselt. Sie ist geflohen, weggerannt. Die Art, auf die sie mich angesehen hat, hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Es tat weh, mehr als alle Worte, die sie hätte sagen können.
Nein, ich werde es nie wieder jemandem erzählen.
Ich werde so tun, als würde es nicht existieren. Dann wird es verschwinden.
Denn es muss verschwinden. Es ist falsch.

In der Pause stehe ich alleine in einer Ecke. Es ist windig und kalt und ich habe die Hände in die Jackentaschen gesteckt, damit mir ein bisschen wärmer wird.
Die Anderen haben sich an ihrem Lieblingsplatz versammelt. Sie stehen direkt vor der Treppe, sodass niemand vorbeikommt. So ein asoziales Verhalten ist nicht neu.
Neu ist, dass Amy auch dabei ist.

Nach der Pause beeile ich mich, in den Raum zu kommen, und setze mich auf meinen Platz. Der Lehrer wundert sich, dass ich so früh bin, sagt aber nichts.
Ich packe meine Unterlagen aus. Als die anderen hereinkommen, sehe ich aus dem Fenster, um ihren Blicken auszuweichen.
Ich warte darauf, dass der Stuhl neben mir zurückgezogen wird und Amy sich neben mich setzt. Ich warte darauf, dass sie mich weiterhin ignoriert.
Als nichts passiert und ich mich umdrehe, ist der Stuhl noch frei. Amy sitzt vorne, so weit weg von mir wie es geht.
Mir wird schwindelig, alles in mir krümmt sich. Die Angst, sie verloren zu haben, ist wieder da, viel schlimmer als zuvor.
Als wüsste sie, dass ich sie beobachte, dreht Amy sich zu mir um. Ihr Blick ist kalt, so kalt, dass ich spüre, wie sich meine Kehle zuschnürt. Mein Herz scheint zu zerreißen.
Ich weiß, wieso sie das tut. Wieso sie sich weggesetzt hat.
Sie hasst mich. Sie hasst das, was ich bin.

Die Pause verbringe ich auf dem Klo.
Ich zittere unkontrolliert, mein ganzer Körper ist verkrampft. Ich möchte weinen, aber ich habe keine Tränen mehr. Es tut weh.
Ich will nicht anders sein, denke ich, und eine neue Zitterattacke überfällt mich. Mir wird schwindelig und ich klammere mich an den Klodeckel, um nicht hinzufallen.
Ich schluchze und öffne den Mund zu einem stummen Schrei, in dem all mein Schmerz und meine Qual liegen.

Spanisch.
Dieses Mal bin ich als Letzte im Raum. Ich kann wieder atmen. Ich habe es geschafft, meine Gefühle wegzuschließen, und mein Blick ist teilnahmslos in die Ferne gerichtet.
Mein Platz neben Amy ist besetzt. Ich spüre ein dumpfes Ziehen im Magen, doch ich dränge die
Enttäuschung, die Verzweiflung fort und setze mich allein in die letzte Reihe.

Ich bleibe übrig, als wir Paare bilden sollen. Ich werde Ty zugeteilt und soll mich zu ihm setzen.

Während die Lehrerin Zettel verteilt, stößt Ty mich grinsend an: „Echt krass, wie du aussiehst! Irgendwie voll schräg, aber jetzt bist du endlich mal ´ne Frau!“
Ich habe das Gefühl, mein Magen drehe sich um, auch wenn mein Blick ausdruckslos bleibt.
Die Lehrerin kommt und legt zwei Zettel vor uns ab. Sie erklärt, dass wir die Blätter umdrehen und unserem Partner die Person, die wir darauf sehen, beschreiben sollen.
Ich höre nur halb zu. In meinen Gedanken klingen immer noch Tys Worte nach.
Endlich mal ´ne Frau.
Worte, die mich mehr getroffen haben, als ich zugeben will.

Lautes Geraschel ertönt, als alle ihre Zettel umdrehen. Ich mache es ihnen gleich, da ruft plötzlich jemand lachend: „Ach du Scheiße, ich habe eine Lesbe!“
Ich zucke zusammen. Das Mädchen neben Amy hat sich erhoben und hält ihr Bild hoch, damit es alle sehen können. Ein Bild von einer muskulösen Frau mit kurzem, pink gefärbtem Haar.
Eine Sekunde lang herrscht Stille.
Danach ist die Hölle los.
Die Jungs brechen in schallendes Gelächter aus, dann fallen auch die Mädchen mit ein. Neben mir schlägt Ty sich auf das Bein, als könne er das Lachen nicht mehr aushalten.
In mir verknotet sich alles. In meinen Ohren rauscht das Blut und das Gelächter verdichtet sich zu einer Flut, in der ich zu ertrinken drohe. Ich versuche, das Zittern zu unterdrücken, das sich in mir ausbreitet.
Mein Blick trifft den von Amy, sie sieht mich mit vor Schreck geweiteten Augen an.
Meine Unterlippe zittert, in meinen Augen sammeln sich Tränen.
„Mannsweib!“, ruft jemand und eine neue Welle Gelächter überrollt mich.
Ich kann nicht mehr atmen. Ich spüre, wie die Tränen meine Wangen hinablaufen, ich schluchze, ich lasse alles raus. Es ist zu viel, es ist so viel zu viel.

Ich finde mich in meinem Zimmer wieder, irgendwann, als die Tränen versiegt sind.
Ich stehe vor dem Spiegel.
Ich blicke in ein Gesicht mit verlaufenem Mascara, rosa Lidschatten über den Augen, farblich passendem Lipgloss und jeder Menge Puder.
Meine Finger berühren meine geschminkten Wangen und suchen unter all dem Make-Up eine Spur von mir.

Irgendwann lasse ich meine Hand sinken und flüstere: „Was habe ich geglaubt, damit zu erreichen?“
Mechanisch beginne ich, mein Gesicht zu reinigen.
Nach und nach verschwindet die Maske, mit der ich mich vor den Anderen verstecken wollte. Mit der ich mich vor mir selbst verstecken wollte.

Am nächsten Tag setze ich mich nicht neben Amy.
Aber ich verstecke mich auch nicht.
Ich stelle mich den Blicken der Anderen. Sie sehen mich an, reden über mich.
Manche machen Witze, aber es ist nicht wie sonst.
Es hat sich etwas geändert.
Zuerst ist es nur ein Gefühl, dann klopft mir ein Mädchen im Vorbeigehen auf die Schulter und sagt: „Respekt.“
Ich begegne ihrem Blick und sehe auf mein weißes T-Shirt hinunter. Das T-Shirt, auf das ich einen Regenbogen gemalt habe. Das T-Shirt, auf dem jetzt steht: „Yes, I’m gay.“
Ich spüre, wie etwas in mir aufgeht.
Ich lächle.

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