Zu uns gehört er nicht

Studie: Warum wir verzerrte Urteile über Gewalttäter_innen fällen

Ob Messerattacke, terroristisches Attentat oder Massenschießerei, welches Motiv wirklich hinter einem Anschlag steht, ist meist auf den ersten Blick nicht offensichtlich. Manche Menschen leiden an schweren seelischen Erkrankungen, die sich in Gewalttaten Bahn brechen. Da sie aus einer unkontrollierten Emotion heraus handeln, zählen ihre Attacken nicht zu gezielten Terrorakten. Andere sind hingegen religiös oder politisch motiviert und töten planvoll.
Während Ermittler_innen meist erst Tage später die wahren Hintergründe eines Angriffs herausfinden, haben sich in der Öffentlichkeit jedoch längst verschiedene Urteile über das vermeintliche Täterprofil herausgebildet, die in der Regel durch die eigene subjektive Haltung verzerrt ist. Eine internationale psychologische Studie hat dieses Verhalten jetzt genauer unter die Upe genommen.

Verteidigung der „Eigengruppe“
Masi Noor (Keele University, England) führte den ersten Versuchslauf während des Brexit-Referendums 2016 durch, bei dem ein Attentäter im Juni 2016 die Labour-Abgeordnete und Brexit-Gegnerin Jo Cox getötet hatte. Neben dem Verdacht einer rein politischen Motivation gab es auch Indizien für psychische Probleme des Mörders. Nun sollten sich die befragten Personen direkt nach der Tat selbst einem politischen Spektrum zuordnen und die Situation beurteilen. Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Die Brexit-Befürworter_innen distanzierten sich vom Attentäter, indem sie auf seine seelische Instabilität verwiesen. Damit schützten sie auch ihre eigene Gruppe. „Je nachdem, welches Motiv ich als Erklärung für eine Tat heranziehe, bestrafe ich nicht nur den Täter, sondern auch seine Eigengruppe, die sogenannte ‚In-Group‘“, erklärt Agostino Mazziotta. „Die Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen, ist Teil unserer Identität. Deswegen tendieren wir dazu, sie zu schützen.“ „Diejenigen, die für den Brexit waren, hätten ja sonst zugegeben, dass jemand aus ihren Reihen radikal ist“, ergänzt Dr. Birte Siem von der FernUni Hagen.

Der Anschlag im bayrischen Ansbach
Im Juli 2016 übertrugen Forscher_innen der FernUniversität in Hagen die Fragestellung auf den Anschlag im bayrischen Ansbach, wo ein syrischer Asylbewerber 15 Menschen mit einer Bombe attackierte und dabei selbst ums Leben kam. Birte Siem und Agostino Mazziotta reagierten so schnell wie möglich, um ihre Befragung abzuschließen, noch bevor sich die Nachrichtenlage klären würde, denn objektive Informationen zum Täter-Motiv hätten das Ergebnis verfälscht. Auch in diesem Fall bestätigte sich die Argumentationslinie des Forschungsteams: Analog zur Rechtsprechung straft die Öffentlichkeit Gewaltakte weniger ab, wenn sie nicht aus Kalkül, sondern aufgrund einer Krankheit begangen werden. Die meisten Anhänger_innen einer offenen Asylpolitik führten den Anschlag des jungen Moslems daher auf seelische Probleme zurück, um ihre „In-Group“ zu verteidigen. Die gegnerische „Out-Group“ sah in dem Angreifer hingegen sofort den islamischen Terroristen, und somit ein Beispiel für die – ihrer Meinung nach – gescheiterte Asylpolitik der Bundesregierung. Siem: „Die Testpersonen versuchten eine Erklärung für die Gewalttat zu finden, die der eigenen Position dienlich ist.“

Ausgrenzung als Schutzreflex
Die dritte Erhebung von Nour Kteily von der Northwestern University in den USA, verlief andersherum. „Wir wollten wissen, was passiert, wenn die Motive klar sind“, sagt Siem. Der Attentäter „Mister A“ war deshalb eine erfundene Figur. Die verschiedenen Testgruppen bekamen bereits im Vorfeld Hintergrundinfos dazu, ob Mr. A aus psychischer Unzurechnungsfähigkeit oder politisch motiviert handelte. „Wenn die Möglichkeit wegfällt, die eigene Gruppe dadurch zu schützen, dass man sagt, jemand ist psychisch krank, werden eben andere Gründe gesucht, die Person auszuschließen“, erklärt Mazziotta. So distanzierten amerikanische Patriot_innen einen geistig gesunden Terroristen unter anderem von ihrer „In-Group“, indem sie urteilten, er sei wahrscheinlich Moslem.

Verzerrte Urteilsbildung in Zeiten von "Fake-News"
Aus der Studie ergeben sich Anknüpfpunkte für weitere psychologische Überlegungen. Laut Siem und Mazziotta stehe nun zum Beispiel die Frage im Raum, was die verzerrte Urteilsbildung der Öffentlichkeit für die Medienbranche bedeute - besonders in Zeiten von „Fake-News-Debatten“ und Populismus. Neben dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn war den Forschenden auch die Signalwirkung der Studie wichtig. „Wir wollten anhand politischer Ereignisse zeigen, wie relevant psychologische Forschung für das Verständnis von gesellschaftlichen Zusammenhängen ist“, sagt Dr. Mazziotta.

Quelle:

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Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 12. September 2018
 
 

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