Homo Homini Deus Est?

Beitrag von Lisa Hildebrand, 17 Jahre

Die Bedingungen, die an sein Überleben gebunden sind, machten aus dem Menschen ein robustes Wesen. In dieser Robustheit liegt auch die Verleugnung seiner Instinkte, sogar seines individuellen Überlebens. Der Mensch ersetzte historisch die Bedingungen des Überlebens nur, doch er bezog immer Sinn aus der Erfüllung dieser Bedingungen. Vielleicht ist es diese Robustheit, sich selbst und seine Bedürfnisse über so lange Zeit verleugnen zu können, wenn man einen Sinn dafür sieht, die nicht den Einzelnen, doch aber die Menschheit als König und Verwalter der Welt gekrönt hat. Das kollektive Überleben ist von der Robustheit ebenso abhängig wie das Individuelle. Ein unglaublicher gemeinsamer Funke scheint uns innezuwohnen. Jeder Funke selbst ist sich bewusst, dass er das Feuer am Leben halten kann, aber auch, dass sein Tod nicht den Tod des Feuers bedeutet. Der große Sinn der Reproduktion und des Forstbestehens wohnt uns inne, und heiligte unserem Feuer bisher fast jedes Mittel, wir bekämpften Feuer mit Feuer. Was also können wir gewinnen, wenn wir uns die Bedingungen des Lebens; die Arbeit, den Überlebenskampf im modernen Sinne, nehmen? Erlischt unser Feuer? Verlieren wir nicht unseren eigentlichen Sinn als Überlebenskämpfer?

Unsere Arbeit macht nicht nur die Lebenserhaltung des Einzelnen aus, sondern fungiert auch als Sinnstifter. Mehr noch ist unsere Arbeit das Herz unserer Gegenwart und der Puls unserer Zukunft. Sie bestimmt unsere Werte und mit ihnen unsere Gesellschaft. Arbeit ist die beinahe einzige Konstante, die durch Zeit und Raum Menschen verbindet. Doch es scheint, diese Verbindung ist nicht unendlich. Zum ersten Mal in unserer bewusst erlebten Existenz scheint uns jemand unsere Pflicht und unsere Bürden streitig zu machen. Der Mensch ersetzte historisch die Bedingungen des Überlebens nur, nun schafft er sie ab. Woran wir gewöhnt sind, ist, dass jemand uns Teile unserer Arbeit abnimmt. Während die vergangenen Revolutionen Wendepunkte und Meilensteine in gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Hinsicht waren, ist diese eine wahrhaftige Revolution. Simple, repetitive, monotone Aufgaben wurden von Maschinen übernommen. Aber z.B. Krebs zu diagnostizieren- ist das eine einfache Aufgabe? Der Rohstoff, der die Zukunft antreibt, ist unbegrenzt, ja er wächst schneller nach als man ihn ernten kann: Es sind Daten. Es gibt keine Grenzen im Informationszeitalter. Zu sehr treibt jeder Aspekt unseres Lebens sie voran. Wenn nun also, in nicht allzu ferner Zukunft, die Roboter, CPS etc. eine solche Welle an Arbeitslosigkeit hervorrufen, was dann? In keinem Szenario kann die ganze Gewalt dieser gesellschaftlichen Umformung abgefangen werden, es ist also vorstellbar, dass Rufe nach universellerer Veränderung laut werden. Bis zu 33% der Arbeitsplätze in Deutschland, zwischen 5 und 37 Millionen Menschen, das hat eine gewaltige politische Schallkraft.1 Was wird das also mit sich ziehen? Frührenten über Frührenten? Dagegen werden sich ebenso Stimmen erheben. Bedingungsloses Grundeinkommen? Es sei dahingestellt. 

Viel interessanter ist jedoch die Auswirkung auf den individuellen Selbstbegriff der Menschen, der zwar kurzfristig nicht so konkrete Auswirkungen wie die wirtschaftliche Lage der großen Masse haben wird, aber auf lange Sicht umso tiefwirkender und globaler ist. In der ersten Generation der ihres Berufs beraubten sind sicherlich andere Folgen festzustellen als in den nachfolgenden, sich mit den Gegebenheiten naturalisierten Generationen. Diese erste Generation wird unter dem Verlust und dem Abbau der traditionellen Struktur leiden. Auch wenn die errungene Freiheit den meisten zunächst verlockend erscheint, wird bald klar werden, dass es, metaphorisch gesehen, ohne die Woche auch kein Wochenende gibt. Ist das nun die Erfüllung? Die Wahrheit wird sich erst mit der zweiten Generation zeigen. Die Kinder des neuen Systems werden aufzeigen, ob der Mensch natürlich dazu geschaffen ist, um das Überleben zu kämpfen, oder ob er sich gottgleich setzten wird und sich entfaltet in seiner Sicherheit der Existenz, die bedingungslos existiert.

Homo Homini Deus est²: Der Mensch ist dem Menschen ein Gott. Würde man einen Gott um sein Überleben kämpfen lassen? Nein, ein Gott muss um nichts kämpfen, am wenigsten das Überleben. Und so wird sich offenbaren, dass der Mensch sich an eine göttliche Spitze setzt, um sich in sich selbst zu erkunden. Wenn kein Druck und kein Zwang mehr da sind, wird der Mensch, der den Verlust dieser antrainierten Zwänge nicht zu spüren bekam, die wahre Menschlichkeit entdecken. Und unweigerlich wird der Homo Sapiens sich aufmachen müssen, nicht um seine Macht auszudehnen, sondern um sich auszudehnen. Durch die neue Kreativität, die Visionen und Menschlichkeit wird der Mensch sich die Grenzen nehmen. Aber was ist nun, wenn wir konkurrieren müssen? Von schwacher zu starker KI mag es ein steiniger Weg sein, aber Superintelligenzen werden nicht ewig Gedankenspielerei bleiben. Was, wenn uns nicht nur die Arbeit abgenommen würde, sondern auch der Anspruch auf den Königstitel? Werden wir nicht verdrängt werden von etwas, dass fast noch göttlicher scheint, als der befreite Mensch?
Wir haben gesehen, dass das Selbstbild des Menschen sich über eine Generation enorm verändern könnte, aber wird es mit dem exponentiellen Wachstum der künstlichen Intelligenz mithalten können? Die Antwort ist: Unwahrscheinlich. Aber das, was in dieser ersten Generation keinen Platz mehr hatte, und so auch kein Ventil mehr erforderte, wird einmal mehr zum Lichte kommen. Die Evolution wird nicht in Sekundenschnelle unseren Überlebensinstinkt auslöschen, weil er scheinbar nicht mehr gebraucht wird. Der Überlebenshunger, der die Menschen seit Tag 1 treibt, wird sie große Risiken in Kauf nehmen lassen. Und im Kampf zweier Arten kann nur eine gewinnen. Oder? Der Mächtigere, der Höhere wird sich durchsetzen. Im karnivoren Überlebenskampf wird sich der Stärkere den Schwächeren einverleiben. Dies heißt nicht, dass die Roboter uns auslöschen werden, auch wenn das eine Option ist, die vorstellbar ist. Vielmehr heißt das, dass die Menschen sich die Technik einverleiben werden. Nicht zerstören, nein, eine dominante Symbiose; die Technik wird zu einem untrennbaren Teil des Menschen werden, nachdem sie schon lange ein untrennbarer Teil der Menschheit geworden ist. Der Drang, der uns antreibt, und der unsere Kinder und Kindeskinder antreiben wird, ist der nach Fortbestehen. Die Robustheit des Einzelnen hat unsere Rasse gegen jede Widrigkeit, jedes Zeitalter und jeden Gegner gefeit gemacht. Die Zukunft wird dies auf die Probe stellen, und Funken werden erlöschen. Das Feuer aber, das Feuer wird weiter brennen, weiter als je zuvor


(1) McKinsey Global Institute. 2017. Jobs Lost, Jobs Gained: Workforce Transitions In A Time Of Automation.
(2) Feuerbach, L.; Das Wesen des Christentums

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Autorin / Autor: Lisa Hildebrand, 17 Jahre