Unwort des Jahres: Volksverräter

Die Begründung der Jury: "Ein typisches Erbe von Diktaturen"

Wie jedes Jahr wählte die „Sprachkritische Aktion“ auch für 2016 wieder ein Un-Wort aus, um den Blick auf sachlich unangemessene oder inhumane Formulierungen im öffentlichen Sprachgebrauch zu lenken. In diesem Jahr fiel die Wahl auf den Begriff "Volksverräter", ein Wort, das immer wieder von Pegida-AnhängerInnen, AfD oder ähnlichen Initiativen verwendet wurde, um die Kanzlerin, den Bundespräsidenten und andere Menschen zu diffamieren, die sich zum Beispiel für die Aufnahme und menschliche Behandung von Flüchtlingen einsetzen. Der Begriff "Volksverräter" sei ein typisches Erbe von Diktaturen, unter anderem der Nationalsozialisten, so die Jury. Die Nazis hatten damit demokratische Kräfte in der Weimarer Republik beschimpft und nach ihrer Machtergreifung etliche Menschen als "Volksverräter" sogar zum Tode verurteilt.

Kritischer Blick auf den Begriff Volk
Die Jury verurteilt die Bezeichnung für Politiker_innen als undifferenziert und diffamierend. Die Verwendung solcher Begrifflichkeiten würge das ernsthafte Gespräch und damit die für Demokratie notwendigen Diskussionen in der Gesellschaft ab. Außerdem richteten die Sprachwissenschaftler_innen ihren Blick auch auf den Wortbestandteil "Volk", der im letzten Jahr besonders häufig in öffentlichen Diskussionen auftauchte - Begriffe wie "völkisch" oder "Umvolkung" wurden versucht, wieder salonfähig zu machen. Diese Verwendung des Begriffs Volk stehe dabei ähnlich wie im Nationalsozialismus nicht für das Staatsvolk als Ganzes, sondern für eine ethnische Kategorie, die Teile der Bevölkerung ausschließt. Damit sei der Ausdruck zudem antidemokratisch, weil er – um eine Einsendung zu zitieren – `die Gültigkeit der Grundrechte für alle Menschen im Hoheitsgebiet der Bundesrepublik verneint, heißt es in der Begründung weiter.

Wieder mal ein Un-Wort aus der rechtsextremen Ecke
Offenbar fiel es der Jury, die sich aus Sprachwissenschaftler_innen zusammensetzt, schwer, wieder einmal ein Unwort zu wählen, das "aus dem plakativen und polemischen Sprachgebrauch von Rechten stammen sollte", wie sie in der Pressemitteilung bekannt geben. Denn schon 2014 wurde mit "Lügenpresse" ein Wort gewählt, das aus dem antidemokratischen Spektrum rund um Pegida & Co stammt. Doch die Einsendungen hätten gezeigt, dass sich der Großteil öffentlicher Sprachkritik gegen einen diffamierenden Sprachgebrauch im Themenfeld Migration richtet. Als sprachkritische Initiative will die Jury aber gerade in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Konsens über die Grundprinzipien der Demokratie in Gefahr zu sein scheint, die Grenzen des öffentlich Sagbaren in unserer Gesellschaft anmahnen. Und um den Kritiker_innen, die vermutlich gleich wieder "Zensur" rufen, den Wind aus den Segeln zu nehmen, fügen die Wissenschaftler_innen hinzu: "Es geht dabei nicht um einen Versuch der Zensur oder Sprachlenkung, sondern darum, für mehr Achtsamkeit im öffentlichen Umgang miteinander zu plädieren."

In diesem Jahr wurde übrigens kein weiteres Unwort nominiert, um dem derzeit in sozialen Netzwerken, aber auch in der Politik zunehmenden Sprachgebrauch mit faschistischem und rassistischem Hintergrund mehr Aufmerksamkeit zu verleihen. Dieses Ziel verfolgt die Sprachkritische Aktion bereits seit einigen Jahren:  2015 wählte sie den - ebenfalls aus dem rechtspopulistischen Lager stammenden - Kampfbegriff „Gutmensch“, 2014 rügte sie das ebenfalls von Nationalsozialisten  geprägte Wort „Lügenpresse“, das zunehmend im heutigen Sprachgebrauch Verwendung findet.

Sprache ist ein starker Indikator eines gesellschaftlichen Klimas; man kann deshalb der Jury der „Sprachkritischen Aktion“ und den Menschen, die Begriffe vorschlagen nicht hoch genug anrechnen, dass sie immer wieder mit dem Finger auf Begriffe zeigen, die in der deutschen Sprache eigentlich längst ausgestorben sein sollten...

Quelle:

Autorin / Autor: Redaktion/ Pressemitteilung - Stand: 11. Januar 2017
 
 
 

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