Neujahrsvorsatz

Einsendung zum Wettbewerb #netzheldin von Michelle, 20 Jahre

29. Dezember (21:32 Uhr)
Die Hausarbeit ist fertig, zu lernen gibt es durch die Ferien nichts. Um mich noch etwas abzulenken, logge ich mich auf Tumblr ein. Nichtsahnend scrolle ich mein Dashboard entlang, hin und wieder ein paar Bilder rebloggend. Anfangs ist noch nicht viel los, doch nach dem ersten Tab-Refresh mischen sich auch anonyme Nachrichten wie „Stirb endlich!“ oder „Hier will dich keiner!“ oder „Du spielst das doch nur, du bist nicht wirklich krank!“ dazwischen. Immer an dieselbe Userin, jen-the-doll.

Ein kurzer Blick auf ihren Blog sagt mir, dass das schon eine ganze Weile so geht und jede Minute neue Nachrichten dazu kommen. Und dass das Mädchen gerade dabei war, aufzugeben. Kurzerhand schreibe ich sie auch an.

„Hallo Jen,
ich weiß, es ist schwer, aber bitte hör nicht auf das, was die grauen Gesichter sagen. Du bist viel mehr wert als das. Wenn du reden willst, kannst du mich gerne anschreiben.
LG Emma“

Wenige Augenblicke später kommt auch schon die Antwort:

„Hallo Emma,
danke für deine Nachricht. Es ist wirklich nett von dir, das zu sagen, aber ich kann einfach nicht mehr. Sie haben Recht und ich will nicht mehr leben. Es gibt keinen Grund zu leben.
Jen“

Auf diese Nachricht hin schicke ich ihr eine lange, sehr lange Liste an Dingen, für die es sich lohnt zu leben. Nicht nur Familie und Freunde. Auch Sonnenaufgänge. Konzerte der Lieblingsband. Ein perfekt gekochter Morgentee. Hunde streicheln. Und noch vieles mehr.

Aus einer Nachricht werden zwei, die Zeichen reichen für die Liste leider nicht. Ihre nächste Antwort ist etwas weniger verzweifelt. Ich schreibe weiter mit ihr, um sie von den anonymen Hassmeldungen und ihren eigenen negativen Gedanken abzulenken.

30. Dezember (00:53 Uhr)
Jen hat sich wieder beruhigt und ist schlafen gegangen. Genau das werde ich jetzt auch machen.

30. Dezember (8:00 Uhr)
Viel geschlafen habe ich ja nicht, aber so wie meine Gedanken rasen, kann man mir das auch kaum verübeln. Ich mache mich frisch und setze mich dann wieder mit dem Laptop aufs Bett. Heute haben wir nicht viel vor, also kann ich getrost mit Jen schreiben. Sie ist bereits online als ich mich einlogge. Da keiner von uns ein ordentliches Gesprächsthema einfällt, einigen wir uns darauf, uns gegenseitig Fragen zu stellen. Die Themen dafür reichen von „Was ist deine Lieblingsfarbe?“ bis zu „Was hältst du für den Sinn des Lebens?“ So vertreiben wir uns den ganzen Tag, abgesehen von Essenszeiten.

31. Dezember (1:25 Uhr)
Wir sind beide müde und wollen schlafen gehen. Jen verspricht mir, sich heute Nacht nichts anzutun.

31. Dezember (09:13 Uhr)
Ich habe wieder nicht viel geschlafen, aber immerhin besser als gestern. Jen ist noch nicht online und meldet sich auch den Rest des Tages nicht. Ich schreibe ihr, dass ich hoffe, dass es ihr gut geht und helfe dann meiner Mutter bei den Silvestervorbereitungen.

31. Dezember (21:12 Uhr)
Ich habe mich kurz losgerissen, um nach Jen zu sehen, aber sie ist nicht online. Und ich Dummkopf habe sie nicht nach ihrer Handynummer gefragt.

1. Jänner (00:21 Uhr)
Die Silvesterfeier ist endlich vorbei. Wurde auch Zeit. So schnell ich kann putze ich mir die Zähne, schlüpfe in meine Schlafsachen und packe mich mit dem Laptop ins Bett. Aufdrehen und einloggen. Noch keine neue Nachricht. Um wach zu bleiben sehe ich mir lustige Videos auf Youtube an, sehe aber auch immer wieder auf die Uhr.

1. Jänner (1:02 Uhr)
Noch immer keine neue Nachricht.

1. Jänner (2:43 Uhr)
Noch immer keine neue Nachricht. Mir gehen langsam die Ideen aus, was ich mir online ansehen könnte, ohne vor Langeweile dabei einzuschlafen. Ich habe bereits vier neue Nachrichten an Jen geschickt, doch auf keine reagiert sie.

1. Jänner (10:22 Uhr)
Eigentlich wollte ich ja nicht schlafen, aber die Müdigkeit ist dann doch stärker gewesen. Mit einem flauen Gefühl im Magen logge ich mich wieder auf meinem Laptop ein. Tumblr ist noch immer offen. Ich aktualisiere die Seite. Eine neue Nachricht wird angezeigt. Mir wird ganz schlecht. Ist es ein Abschied? Eine gute Nachricht? Oder doch nur virenverseuchter Spam? Ich atme tief durch und öffne den Posteingang.

jen-the-doll hat gesagt:
„Vielen Dank für deine unzähligen Nachrichten. Ich habe Silvester mit einer Freundin verbracht und ihr erzählt, wie es mir geht. Sie möchte mir beistehen, wenn ich es meinen Eltern sage. Auch habe ich über einiges nachgedacht. Für das neue Jahr habe ich mir vorgenommen, in Therapie zu gehen und nicht mehr auf das zu hören, was die grauen Gesichter auf Tumblr sagen. Es wird eine Zeit lang dauern und auch einiges an Kraft und kosten, aber ich weiß, dass ich es schaffen kann. Nochmals vielen Dank, und ich hoffe, wir können Freunde bleiben.
LG, Jen“

Das neue Jahr fängt schon mal gut an. Von mir aus kann es gerne so bleiben.

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Autorin / Autor: Michelle