Ihre Welt

Einsendung zum Wettbewerb #netzheldin von Laura, 17 Jahre

Sonntag, 30.7., 14 Uhr
Vier Wände, gestrichen in einem ekelhaften Grün. Ein Tisch, ein Stuhl und ein Spiegel, in dem zu betrachten sie sich nicht traute. Ein Verhörraum.
„Warum hast du das getan, Nea“, fragte der Polizist, ein glatzköpfiger Mann Ende fünfzig. Nea hatte Schwierigkeiten, sich auf die Frage zu konzentrieren. Zu viele Gedanken tanzten in ihrem Kopf herum und ließen ihr keine Ruhe. „Warum, Nea?“, sie zuckte zusammen. Wollte er eine Erklärung? Ihre Finger begannen, nervös auf dem Tisch zu tippen, als wäre es eine Tastatur. Das geht dich nichts an, schrieben sie, Das ist meine Welt.
„Was glauben Sie denn?“, fragte sie nach langem Schweigen gereizt. „Ich glaube“, sagte der Mann, „dass du dich missverstanden fühlst. Ich glaube, dass du ein Zeichen setzen wolltest, Nea“. Er hob die Hand und machte Anstalten, sie auf die ihre zu legen. Doch Nea zog sie zurück, nur um auf ihren Oberschenkeln weiter zu tippen. Mistkerl. Vollidiot. Was glaubt er, was er da…

„Nea?“ Sie schreckte hoch. Ein jüngerer Mann hatte das Zimmer betreten, in der Hand ein Klemmbrett und eine Brille auf der Nase. Er stellte sich als Sozialpsychologe vor, bevor er sich setzte. „Also“, sagte er, „lass uns über dein Abenteuer mit der Bank reden“

Samstag, 29.7., 18:30
Datenströme warfen sie hin und her, schleiften sie mit durch tausende Meter Kabel und viele Computer. Schneller als irgendwer sich vorstellen konnte, raste sie durch das Netz und sah dabei die ganze Welt. In ihrem Kopf beherrschte sie die ganze unendliche Weite des Internets, während ihre Finger in einem tranceartigen Takt über die Tastatur glitten. Noch ein bisschen weitersuchen, dann…
Ich habe dich, dachte sie und ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen.

Samstag, 29.7., 17:00
„Der Mann hat sicher mehr pornografische Bilder auf seinem Computer als er Euros auf dem Konto hat. Und im Ernst, er ist Millionär“, alterierte sich Neas große Schwester. Sie war gerade Staatsanwältin geworden und regte sich wahnsinnig über einen Fall auf, den sie vor Gericht bearbeiten musste. „Das Problem ist nur, wir haben keine Beweise. Der Anwalt hat jeden meiner Zeugen bisher auseinandergenommen, bis nichts mehr übrig war.
Aber da sind Bilder, ein Zeuge hat sie gesehen, seine Aussage wurde nur nicht zugelassen. Bilder von Kindern und jungen Mädchen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was er damit…“ Ihre Mutter warf ihr einen missbilligenden Blick zu und legte die Gabel mit dem aufgespießten Salatblatt zurück auf ihren Teller. Nea saß schweigend da.

Samstag, 29.7., 18:45
Nea suchte in einer irren Geschwindigkeit die Firewall des Mannes nach einem Fehler ab, um ihn hacken zu können. Sie hatte vor, diesem Mistkerl einen Strich durch die Rechnung zu machen. Niemand durfte mit so etwas durchkommen. Sie hatte recherchiert. Er hieß Günther König und war Besitzer einer großen Firma. Außerdem hatte er eine Exfrau und eine 23-jährige Tochter, ein dickes Konto und einen eigenen Chauffeur.
Geschafft Die Benutzeroberfläche seines Computers tauchte vor Nea auf. Sie durchsuchte die Bibliotheken und fand schon sehr bald die Fotos. Er hatte sie hinter ein paar Abrechnungen versteckt, vermutlich um die Polizisten in die Irre zu führen. Nea öffnete den Ordner, sah sich ein paar an und schloss das Fenster angeekelt wieder. Einen Moment schwebte ihre Maustaste über dem Löschen-Button, dann machte sie von den Fotos ein Backup und schickte es in einer Email an das nächste Polizeipräsidium.

Ich dachte, ich müsste ihn decken, aber ich kann nicht mehr ignorieren, was mein Vater getan hat. Entschuldigt,
Lina König


Zufrieden sah Nea ihren Desktop an. Den Rest würde ihre Schwester erledigen. Andererseits…
In Windeseile begann Nea, ein Programm zu entwerfen, das ihr helfen sollte, eine Bank zu hacken.

Sonntag, 30.7., 6:50
Als sie sich ausloggte, war die Sonne schon aufgegangen. Vollkommen übermüdet schleppte sich Nea zu ihrem Bett und ließ sich vollständig angezogen hineinfallen.

Sonntag, 30.7., 11:20
Polizeisirenen rissen Nea aus dem Tiefschlaf und ließen sie halbwach zurück. Ich habe meine Spuren wohl nicht gründlich genug verwischt, dachte sie, bevor sie weiterschlief.

Sonntag, 30.7., 15:00
Neas Mutter holte sie vom Polizeipräsidium ab. Seit einer Stunde hatte der Sozialpsychologe nun einen Monolog geführt und Nea hatte Schwierigkeiten, ihre Augen offen zu halten. Wortlos stand ihre Mutter auf, als sie ins Zimmer kam und führte sie zur Eingangstür. Es machte Nea nervös, dass sie nichts sagte, aber vermutlich wusste sie genauso wie ihre Tochter, dass die Strafpredigt ihres Vaters keine weiteren Wünsche ihrerseits offen lassen würde. Beinahe hatten sie die Tür erreicht, als ein Polizist mit einem charmanten Lächeln auf sie zutrat. „Frau Klank“, wandte er sich freundlich an Neas Mutter, „darf ich ihre Tochter nochmal kurz entführen?“ Ihre Mutter sah ihn skeptisch an. „Noch ein Verhör?“, fragte sie genervt. „Nein“, antwortete der Mann, „nur…“ er zögerte „ein kurzes Gespräch.“ Neas Mutter seufzte, gab ihm aber ein zustimmendes Nicken. Schweigend folgte Nea dem Mann ins Büro.
„Du hast das geschrieben, nicht wahr?“, fragte er und hielt ihr ein Blatt Papier unter die Nase. Nea erkannte ihre E-Mail „Das ist der Beweis, den wir brauchen, um Günther König zu verurteilen“, setzte er hinzu. „Nein“, sagte sie nur, „da steht Lina darunter. Ist das nicht die Tochter des Mannes?“ Der Polizist lächelte. „Ja“, sagte er, „das stimmt. Dumm nur, dass Lina vor einem Jahr geheiratet hat und jetzt mit Nachnamen Zentner heißt.“ Nea sah ihn böse an. „Ich glaube also“, fuhr er fort, „dass du mit deinen sechzehn Jahren nicht nur die Bank gehackt hast, um zwei Millionen Euro von seinem Konto auf das Konto eines Tierschutzvereins zu überweisen…“ „die Tiger sterben aus“, murmelte Nea. „…sondern ihn auch noch an die Polizei verraten hast.“ „Das können sie mir nicht nachweisen “, sagte sie eine Spur zu laut. „Nein, kann ich nicht“, stimmte er zu, „im Gegensatz zur Bank hast du in seinem Computer keine Spuren hinterlassen. Aber deswegen wollte ich dich auch nicht sprechen.“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Nea, ich möchte, dass du für mich arbeitest. Ich möchte, dass du übernimmst, was die Leute von der Cyberabteilung nicht schaffen und dass du dein Wissen für etwas Gutes benutzt. Also, was sagst du?“ Nea lächelte.

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