Rache kann süß sein

Studie: Warum auch die Rache gegen Unbeteiligte zufrieden macht

Rache ist süß - das Sprichwort, das die Freude beschreibt, sich an jemandem für vermeintlich erlittenes Unrecht zu rächen, könnte auch dann zutreffen, wenn man seine Rache nicht direkt an der Person auslässt, die einem geschadet hat, sondern an einer unbeteiligten Person. Diese Form nennen Psycholog_innen „verschobene Rache“. Ein besonders erschütternder Fall dieses Phänomens war die Ermordung des britischen Soldaten Lee Rigby in London im Mai 2013 durch zwei islamistische Fundamentalisten. Die Täter verkündeten damals, dass dieser Mord die Rache für die „tägliche Tötung von Muslime durch britische Soldaten“ sei. Psycholog_innen der Universität Marburg haben jetzt die Ergebnisse von drei Untersuchungen mit mehr als 300 Teilnehmer_innen veröffentlicht, in denen sie Rachehandlungen an Tätern und Stellvertretern untersucht haben.

Bisherige Studien hatten ergeben, dass eine „verschobene Rache“ wahrscheinlicher wird, wenn Täter und unbeteiligte Personen aus einer gemeinsamen Gruppe stammen und die Gruppenmitglieder als einander ähnlich wahrgenommen werden. Allerdings wussten die Forscher_innen nicht, "ob die Rächer ihre Tat hinterher bereuen oder ob verschobene Rache nicht sogar befriedigend sein kann“, sagt der Marburger Sozialpsychologe Mario Gollwitzer, der gemeinsam mit Arne Sjöström das Phänomen unter die Lupe nahm.

In der ersten Online-Studie sollten 169 Proband_innen im Alter von 18 bis 56 Jahren eine Geschichte lesen und sich in den Protagonisten hineinversetzen: Der Protagonist wird von einer anderen Person ungerecht behandelt und rächt sich danach – entweder am Übeltäter selbst oder an einem unbeteiligten Stellvertreter. Zusätzlich erfahren die Probanden, dass die Gruppe, der beide (Übeltäter und Stellvertreter) angehören, entweder sehr eng zusammengehört oder nur lose verbunden ist.

In der zweiten Online-Studie sollten sich die 89 Probanden im Alter von 19 bis 36 Jahren an eine Situation erinnern, in der sie selbst Opfer eines Unrechts waren, sich aber nicht gerächt hatten. Anschließend sollten sie sich vorstellen, sie würden sich nun doch rächen, und zwar wiederum entweder am Übeltäter selbst oder an einem Stellvertreter. Wieder gehörten beide, Übeltäter und Stellvertreter, der gleichen Gruppe an, die entweder eng oder nur locker verbunden war.

Befriedigung durch „verschobene Rache“
Die Ergebnisse beider Studien zeigen, dass die Versuchspersonen zufriedener waren und weniger Schuldgefühle hatten, wenn sie ihre Rache direkt am Übeltäter ausließen. Gehörten der Stellvertreter und der Täter einer engen gemeinsamen Gruppe an, erzeugte auch die „verschobene Rache“ ein zufriedenes Gefühl. War das nicht der Fall, blieb die Befriedigung aus. Eine weitere Studie mit 72 Teilnehmern im Alter von 18 bis 30 Jahren zeigte: Personen fühlen sich nach „verschobener Rache“ besonders befriedigt, wenn der ursprüngliche Übeltäter und die Person, die ihre Rache abbekommen hat, sich sowohl äußerlich als auch in ihrem Verhalten sehr ähnlich sind.

Die Forscher schließen daraus: „verschobene Rache“ ist nicht einfach ein irrationaler Impuls oder ein willkürliches Ausleben der eigenen Frustration an irgendeiner anderen Person. „Sie stellt vielmehr eine zielorientierte Handlung dar, die unter der Bedingung, dass der Täter und die Zielperson der Rache aus einer eng zusammengehörigen Gruppe stammen, dem Rächer Genugtuung verschaffen kann. Auch ‚verschobene Rache‘ kann also in der Tat ‚süß‘ sein“, sagt Arne Sjöström. „Möglicherweise hält man aufgrund einer hohen Ähnlichkeit mit dem Täter auch die Zielperson für schuldig an dem Ereignis, das den Rachewunsch ausgelöst hat“ erläutert Mario Gollwitzer. Ein Fall von „Sippenhaft“?

Die Ergebnisse der Studien wurden im „Journal of Experimental Social Psychology“ veröffentlicht.

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