Mädchen bestimmen das Klassenklima

Studie: Die Einstellung gegenüber Aggression ist entscheidend

Schubsen, treten, beißen ist hoffentlich nicht der Alltag an deutschen Schulen! Manchmal jedoch fallen Mitschüler_innen durch besonders aggressives Verhalten auf. Da ist der Zusammenhalt der Klasse besonders wichtig! Denn eine neue Studie zeigt: Die Einstellung einer Klasse gegenüber Aggression beeinflusst, wie aggressiv sich die einzelnen Schüler_innen verhalten. Besonders die Mädchen in einer Klassengemeinschaft seien es, die den Rahmen für aggressives Verhalten vorgeben. Über drei Jahre hinweg untersuchten die Psycholog_innen Robert Busching und Barbara Krahé von der Universität Potsdam die Entwicklung aggressiven Verhaltens bei 1.321 Jugendlichen aus verschiedenen weiterführenden Schulen Berlins. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung veröffentlichten sie jetzt in der Fachzeitschrift „Personality and Social Psychology Bulletin“.

Wovon aggressives Verhalten beeinflusst wird
„Um gegen aggressives Verhalten vorgehen zu können, muss man verstehen, wie es sich entwickelt und wovon es beeinflusst wird“, sagt der Sozialpsychologe Robert Busching. „Wir haben uns gefragt, wie sich die Klassennorm, also die Einstellungen, die in einer Klassengemeinschaft vorherrschen, auf die individuelle Entwicklung aggressiven Verhaltens bei Jugendlichen auswirkt.“

Das Verhalten anderer wird übernommen
Die Ergebnisse zum Einfluss der Klassennorm auf das Verhalten der Mitschüler_innen zeigen: Wird in einer Klasse Aggression eher toleriert, zeigen die Schüler_innen auch mehr aggressives Verhalten. In Klassengemeinschaften hingegen, die aggressive Handlungen nur gering tolerieren, verhalten sich die einzelnen Schüler_innen dagegen weniger aggressiv, und zwar unabhängig von ihren eigenen Einstellungen. Die Forscher_innen untersuchten auch die Entwicklung aggressiven Verhaltens im Verlauf der drei Jahre. Ihre Analysen zeigen, dass Schüler_innen, die Aggression zunächst ablehnten, sich aber in einer Klasse befanden, die Aggression toleriert, mit der Zeit die Einstellung ihrer Klasse übernahmen und sich vermehrt aggressiv verhielten.

Insbesondere dann, wenn die Mädchen einer Klasse aggressives Verhalten stark akzeptierten, verhielt sich die Klasse insgesamt aggressiver. Die Autoren sehen einen möglichen Grund für dieses geschlechtsspezifische Ergebnis darin, dass die Mädchen untereinander in ihrer Einstellung gegenüber Aggression mehr übereinstimmten als die Jungen. Als einheitlichere Gruppe übten sie dementsprechend mehr Einfluss auf die gesamte Klasse aus.

Die Sozialpsychologin Barbara Krahé betont, dass die Studie wichtige Erkenntnisse für die Entwicklung von präventiven Maßnahmen bietet: „Wenn es gelingt, in einer Klasse insgesamt, und vor allem bei den Mädchen, die Einstellung zu verankern, dass aggressives Verhalten nicht akzeptabel ist, dann werden sich mit der Zeit auch die aggressiveren Einzelnen dieser Klassennorm anpassen.“

Die Umfrage
Die Autor_innen verwendeten einen Fragebogen, mit dem sie die Einstellungen von SchülerInnen gegenüber Aggression sowie ihr aggressives Verhalten untersuchten. Im ersten Teil des Fragebogens wurden die Einstellungen gegenüber Aggression erfasst. Die SchülerInnen lasen zunächst eine fiktive Geschichte, in der ein Jugendlicher einen anderen provoziert. Sie sollten sich in den provozierten Jugendlichen hineinversetzen und angeben, wie angemessen sie verschiedene vorgegebene aggressive Reaktionen in dieser Situation finden würden (zum Beispiel: die andere Person zu schubsen). Je angemessener sie die aggressiven Reaktionen beurteilten, desto positiver ihre Einstellung gegenüber Aggression. Der Durchschnitt dieser persönlichen Einstelllungen wurde dann als "Klassennorm" ermittelt.

Im zweiten Teil des Fragebogens wurde das aggressive Verhalten erfragt. Die Schüler_innen sollten angeben, wie oft sie in den letzten sechs Monaten entweder körperlich aggressiv waren (durch Schubsen, Treten oder Beißen) oder andere Personen in ihren sozialen Beziehungen geschädigt hatten (z.B. hinter dem Rücken Gerüchte über jemanden verbreitet hatten). Schüler_innen der siebten und achten Jahrgangsstufe füllten den Fragebogen insgesamt viermal über einen Zeitraum von drei Jahren aus. Die jeweiligen Klassenverbände blieben in diesem Zeitraum bestehen.

Quelle:

Autorin / Autor: Redaktion / PM - Stand: 16. April 2015