Ein Buch schreiben - (k)ein Hexenwerk

cheshirekitty hat die Entstehungsgeschichte zu ihrem Büchlein "Bruderherz" aufgeschrieben. Sie möchte damit anderen Mut machen, Geschichten (durch)zuschreiben, ganz gleich welchen Themas und welcher Länge. Sie möchte zeigen, dass man nicht Bestsellerautor sein muss, um Leute mit seinen Geschichten zu erreichen und zu berühren.

Es ist der 26. Dezember 2014, 16:43 Uhr
Ein Teil meiner Familie ist zu Bekannten gefahren, meine Schwester schaut in ihrem Zimmer DVDs. Ich fahre meinen Laptop hoch, surfe ein bisschen durchs Netz und plötzlich schießt mir ein Satz durch den Kopf. Ein vollkommen perfekter Satz, um eine Geschichte zu starten.
Eilig doppelklicke ich das Microsoft Word Symbol auf dem Desktop und warte ungeduldig, bis das Programm geladen ist. Ich muss diesen Satz aufschreiben, bevor er in den Tiefen meiner Gedanken verschwindet.
Kaum ist das Schreibprogramm bereit, hacke ich schon auf die Tasten ein. Und wie von selbst tauchen neue Sätze in meinem Kopf auf, Sätze die ich abtippen muss, die sich zu langen Wortschlangen bilden, die eine Geschichte ergeben werden.

Noch ehe ich mir wirklich Gedanken um Handlung und Charaktere gemacht habe, sind die ersten Szenen getippt. Ich bin bereits bei über tausend Wörtern, als ich zum ersten Mal Pause mache und mir noch einmal durchlese, was ich geschrieben habe. Ich bin überrascht, wie gut es klingt, obwohl oder vielleicht auch weil ich in meinem ganz eigenen Stil schreibe. Ein bisschen... abstrakt?

Jetzt weiß ich auch, in welche Richtung die Geschichte etwa laufen wird. Nicht, weil mir plötzlich eine Eingebung kaum, sondern schlicht und ergreifend wegen der Personenkonstellation. Wegen diesem einen Namen.

Gehen wir mal zwei Jahre zurück
Ich entdecke meine Liebe für Realitybücher, die mittlerweile meinen Hang zu Fantasy komplett überlagert, und beginne, mich mit Problemthemen zu beschäftigen. Besondere Vorliebe? Psychische Erkrankungen.
Etwa zur gleichen Zeit schreibe ich an einer etwas merkwürdigen, chaotischen Geschichte, mit zu vielen Charakteren und zu vielen Handlungssträngen. Meine ursprüngliche Ich-Erzählerin habe ich längst aus den Augen verloren. Aber da ist dieser eine Junge in der Geschichte… ein Außenseiter, perfekt für mein Vorhaben. Ich experimentiere ein bisschen an der Story herum und – bang.
Wie konnte das passieren?
Mein Versuchskaninchen-Charakter hat irgendwie ein Eigenleben entwickelt. Halbtot, nachdem er zu tief ritzte. (Er wird rechtzeitig gefunden und überlebt.)
Seitdem hat mich dieser Junge nie losgelassen. Immer wieder drehen sich die Geschichten, die ich mir ausdenke, um ihn, ich teste verschiedene Krankheitsbilder an ihm aus und komme doch immer wieder zu einem zurück, zu meinem kleinen Caelan.

26. Dezember, 21:00 Uhr
Ich habe ein grobes Personengerüst. Der Hauptfokus liegt auf den Zwillingen Caelan und Wilhelm, genannt Will. Will fungiert als Erzähler, wobei er sehr nachdenklich herüberkommt, „Wie ein Mädchen, irgendwie.“, kommentiert meine Schwester, als ich ihr den Anfang zu lesen gebe. „Passt aber.“
Caelan dagegen ist der, um den es eigentlich geht. Caelan, der oft passiv wirkt, traurig, und sich zurückzieht. Er ist krank. Diese Krankheit beeinflusst die ganze Familie.
Ich spiele mit dem Feuer. Ich weiß, dass meine schriftstellerischen Fähigkeiten nicht perfekt sind, und doch wage ich mich an eine Geschichte heran, in der ich sowohl die Seite eines Angehörigen als auch die eines Betroffenen zu beleuchten versuche.
Ob es gelungen ist, kann ich selbst nicht beurteilen.
Was ich beurteilen kann ist, dass meine Charaktere wieder ein Eigenleben entwickelt haben. Meine Finger, die auf die Tatstatur einhämmern, sind nur Mittel zum Zweck, auf die Handlung habe ich eigentlich keinen Einfluss. Es überrascht mich teilweise, was die Jungs in der Geschichte machen. Manches dagegen war mir von Beginn an klar.

1. Januar, 2015, 02:17
Mein Projekt wächst und wächst, ich schreibe jeden Tag. Jetzt gebe ich dem ganzen einen Namen. Die Titelwahl ist das schwierigste bisher. Ich kann mich einfach nicht entscheiden, kann nichts Passendes finden. Schließlich fällt mir ein Begriff praktisch in den Schoß, als ich nochmal durch das geschriebene scrolle.
Bruderherz.
Nicht perfekt, aber es passt. Von nun an hat die Geschichte den Namen „Bruderherz“.

4.-5. Januar, irgendwann nachts
Ich blinzle mir die Tränen aus den Augen, während ich die finalen Zeilen schreibe. Meine Geschichte, nein, Wills und Caelans Geschichte, verlangt nun als kleines Buch bezeichnet zu werden. Sie ist fertig.
Wirklich fertig?
Nein. Ich habe sie zwar zu Ende geschrieben, aber abgeschlossen ist sie nicht. Ich lasse Fragen offen, lasse Möglichkeiten offen, und vor allem weiß ich: die beiden sind mir ans Herz gewachsen, als wären sie real. Wie kann man da von „fertig“ oder „abgeschlossen“ reden?
Ich habe 10 Tage lang 17420 Wörter in 105280 Zeichen geschrieben.
Und mein abschließender Gedanke? Oh. Mein. Gott! Ich habe ein Buch geschrieben. Ein Buch. Ein kurzes zwar, aber was tut das schon zur Sache?

Anfang Februar
Eine Freundin macht mir das schönste Geschenk überhaupt.
Nachdem ich „Bruderherz“ einmal ausgedruckt habe, überwinde ich mich schließlich, es aus der Hand zu geben. Meiner Freundin schärfe ich ein, gut darauf aufzupassen, nehme ihr das Versprechen ab, meine Geschichte, mein „Baby“, nicht weiterzugeben und wünsche ihr viel Spaß beim Lesen. Eigentlich weiß sie schon längst, was alles passiert. Tagelang habe ich sie damit zugetextet. Trotzdem will sie es lesen. Meine Leute behaupten, ich könnte gut schreiben, ein Kumpel meinte sogar, ich sei „die beste Autorin, die er kennt.“ (Er übertreibt.)
Zwei Tage, nachdem ich meiner Freundin „Bruderherz“ ausgeliehen habe, bekomme ich eine SMS. „Ich kann nicht glauben, dass du das alles in ein paar Tagen geschrieben hast.“ Sie ist begeistert. Auf meine Nachfrage, welche Stelle ihr am besten gefalle, zitiert sie Szene, die relativ am Ende kommt und kommentiert das mit „Ich hab fast geheult.“
Kann man ein schöneres Kompliment kriegen, als wenn einen eine Geschichte derart berührt?

15. Februar
Ich habe lange mit dem Gedanken gespielt, meine Geschichte an einen Verlag zu senden, aus Unsicherheit – ist sie gut genug? Ist sie lang genug? – jedoch immer wieder gezögert. Schließlich siegten die Zweifel und ich beließ es dabei. Obwohl ich längst ein Exposé verfasst habe (was im Übrigen länger gedauert hat, als die Geschichte selbst zu schreiben!) kann ich mich nicht dazu durchringen, das Manuskript tatsächlich an Profis zu senden. An einen Verlag. Es wäre natürlich ein Riesending, aber unerfahrene Autorin, noch Schülerin und dann an einen Verlag? Das traue ich mich dann doch nicht.
Schließlich nehme ich am 15. Februar all meinen Mut zusammen, logge mich in meinen Amazon KDP Account ein und lade die Geschichte hoch. „Augen zu und durch.“, denke ich mir, als ich auf „Speichern und Veröffentlichen“ klicke. Jetzt ist die Geschichte irgendwie doch veröffentlicht…
Doch alles was ich fühle ist: Panik! Als absolute Niete beim Thema Vermarktung kommt es mir selten dämlich vor, „Bruderherz“ via Self-Publishing bekannt zu machen.
Ich habe keine Facebook-Seite, keinen Blog, keine Kontakte, die mir dabei behilflich wären. Wie zum Teufel soll ich meine Geschichte, mein Baby, mein Buch, an die Leute bringen?!
Nach all dem Herzblut, das darin steckt, kommt mir das wie ein mehr als ernüchternder Schlag vor. Trotzdem, die ersten Weichen sind gestellt…

Jetzt
Obwohl ich quasi im letzten Moment einen Rückzieher gemacht habe, mich von Selbstzweifeln habe abhalten lassen, mein Buch an einen Verlag zu schicken, bereue ich es keines Wegs, es geschrieben zu haben. In erster Linie, weil ich so viel positives Feedback von Freunden erhalten habe und weil es wirklich ein cooles Gefühl ist, von meinen Klassenkameraden dafür bestaunt zu werden, dass ich tatsächlich ein Buch geschrieben habe (auch wenn es nicht in einem Verlag erscheint). Zum andern ist da aber auch mein Ego. Denn es ist einfach unglaublich, wenn man sich wirklich an so ein Projekt macht und es auch fertig stellt. Es ist harte, sehr harte Arbeit, aber es lohnt sich, auch wenn man nur für sich schreibt.
Vor allem aber ist es für mich eine wichtige Erfahrung, die meinen Wunsch, eines Tages nur vom Schreiben zu leben, gefestigt hat. Schließlich habe ich daraus folgendes gelernt: 

  • Ein Buch schreiben ist kein Zuckerschlecken, aber
  • es ist auch keine Hexerei.
  • Schreibblockaden haben keine Chance, wenn man sich jeden Tag dahinter klemmt und
  • sich am besten ein Tagesziel sucht (bei mir waren es 5 Seiten in Word-Buchseiten-Format)
  • Es ist ein tolles Gefühl, Kritik zu kriegen; Positive, weil sie bestärkt, und Negative, weil man aus ihr lernt.
  • Man muss nur den Mut haben, loszulegen und weiterzuschreiben!
Autorin / Autor: cheshirekitty - Stand: 18. Februar 2015
 
 

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