Angst vor dem Islam

Eine Mini-Umfrage unter Menschen verschiedener Herkunft deckt auf: Alle Religionen werden als potenziell bedrohlich empfunden

Anfang 2015 hat die Bertelsmann-Stiftung mit ihrem Projekt Religionsmonitor interessante Studienergebnisse veröffentlicht: Für ihre Untersuchung wurden etliche deutsche, nicht-muslimische Staatsbürger nach ihrem Bild vom Islam befragt. Im Anschluss daran wurden deutsche muslimische Staatsbürger nach ihren Wertvorstellungen und Ansichten zu spezifischen Themen interviewt. Es sollte verglichen werden, ob es Überschneidungen gibt - in der Art und Weise, wie Muslime von der deutschen Gesellschaft gesehen werden und wie sie tatsächlich sind.

Der Islam gehört zu Deutschland?
Die Studienergebnisse waren erschütternd:57% der Nichtmuslime gaben an, den Islam als eine Bedrohung wahr zu nehmen. Im Jahre 2012 waren es noch 53%. Die Anzahl der Deutschen, die den Islam als Bedrohung wahrnehmen, nimmt offensichtlich stetig zu.
61% gaben außerdem an, dass der Islam nicht in die westliche Welt passt (9% mehr als im Jahre 2012) und 40% der Befragten bestätigten die Aussage, dass sie sich durch den Islam wie ein Fremder im eigenen Land fühlen.
Fast jeder vierte Befragte (24%) gab sogar an, dass man Muslimen die Einwanderung nach Deutschland untersagen sollte.
Erschütternde Ergebnisse, die verdeutlichen, dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland immer weiter zunimmt und muslimische Mitbürger nicht so akzeptiert werden, wie es von Seiten der deutschen Regierung angepriesen wird ("Der Islam gehört zu Deutschland.")

Interessant an den Forschungsergebnissen ist jedoch außerdem, dass die muslimischen Bürger, die nach ihren Wertvorstellungen befragt wurden, ein oftmals viel liberaleres und offeneres Bild verkörperten, als die meisten Befragten der ersten Umfrage wohl annehmen würden.
So gaben beispielsweise  90% der muslimischen Befragten an, das sie das Grundprinzip der Demokratie sehr schätzen und 40%, dass sie eine gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland unterstützen würden. Religiöse Muslime in der Türkei gaben hingegen nur zu 12% an, eine solche Ehe zu unterstützen, was beweist, dass die in Deutschland lebenden Muslime deutlich liberaler sind als in anderen Ländern.

Einen Grund für diese häufige Fehleinschätzung und Verallgemeinerung der Muslime in Deutschland sieht die Bertelsmann-Stiftung aufgrund von weiteren Forschungsergebnissen darin, dass  die meisten Befragten gar keinen persönlichen Kontakt zu muslimischen Mitbürgern pflegen und ihre Informationen über den Islam und seine Anhänger lediglich aus den Medien beziehen, die in den vergangenen Monaten wegen der Attentate des IS und anderen islamischen Terrororganisationen durchweg Negatives zu berichten hatten. Die Studie ergab allerdings auch, dass zufriedene sowie jüngere Bürger Muslimen liberaler begegnen.

Religionen im Allgemeinen als Bedrohung
Es entsteht der starke Eindruck, dass sich unsere Gesellschaft, eine Gesellschaft, die eigentlich für ihre Multi-Kulti-Kultur bekannt ist, immer mehr spaltet - in Muslime und Nicht-Muslime.
Um dieser Empfindung meinerseits nachzugehen, habe ich mir überlegt, die Studie in kleinerer Form und ein wenig abgeändert noch einmal in meiner Heimatstadt Köln durchzuführen - einer Stadt, in der ich aufgewachsen bin und von der ich behaupten würde, dass sie sich zu den liberalsten von Deutschland und ganz Europa zählt.

Ich habe dafür mit Familienmitgliedern, Bekannten und Fremden, Älteren und Jüngeren, Männern und Frauen gesprochen und bin zu interessanten Ergebnissen gekommen. Meine Fragen richteten sich an muslimische, sowie nicht-muslimische Menschen, die sich in ihren Antworten jedoch nicht nennenswert unterschieden.
Befragt nach ihrer Angst vor dem Islam, gaben alle Befragten überraschend an, dass sie Religionen im Allgemeinen als Bedrohung empfinden. Dies begründeten viele der Personen damit, dass Religionen oftmals als Instrument dafür benutzt werden, Menschen zu beeinflussen und Macht zu erlangen. Außerdem erklärten einige, dass sie die Wertvorstellungen und Normen, welche von Religionen vermittelt werden, oftmals nicht gutheißen. So z.B., dass homosexuelle Partnerschaften nicht toleriert werden und als Sünde gelten oder Sex vor der Ehe verpönt  ist.
Gefragt, welche der Religionen die Befragten am bedrohlichsten empfinden, nannte jedoch nur gerade einmal jeder Neunte den Islam. Die meisten waren der Ansicht, dass man dort keine Unterschiede  machen könnte und wollten keine Einstufung durchführen.
Auch interessant war, dass die meisten Befragten angaben, dass der IS und seine Gewaltverbrechen keinen Einfluss auf ihr Bild vom Islam oder von anderen Religionen haben. Sie sind der Auffassung, dass es eine ganz klare Trennlinie gibt zwischen Terrorismus und Religion.

Multi-Kulti-Staat kann gerettet werden
Als Fazit ziehe ich aus diesem kleinen Selbstexperiment, dass Menschen im Allgemeinen Religionen immer kritischer gegenüber stehen - unabhängig davon, ob es sich dabei um das Christentum, den Islam oder den Buddhismus handelt. Sie fürchten sich davor, dass Religionen instrumentalisiert werden, um Menschen zu beeinflussen  und kritisieren viele der von Religionen vorgegeben Wertvorstellungen und Ideale.

Ich für meinen Teil bin erleichtert darüber, dass ich an größtenteils liberale Menschen geraten bin – muslimischer und nicht-muslimischer Abstammung, die versucht haben, Verständnis für ein demokratisches Miteinander aufzubringen.
Ich ärgere mich maßlos darüber, dass Menschen einander in Gruppen unterteilen - egal ob muslimisch und nicht-muslimisch, schwarz und weiß oder Männer und Frauen. Ich bin überzeugt davon, dass mit ein wenig Interesse an dem "Fremden" und "Anderen" und einer geglückten Kommunikation, das Schubladen-Denken irgendwann überflüssig sein wird.
Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich nicht davor scheuen darf, Neues kennen zu lernen und man offen sein sollte. Denn Offenheit bedeutet nicht zwingend, dass man zu einer anderen Religion konvertieren muss oder anfängt, fünf Mal am Tag zu beten. Mit Offenheit ist man trotzdem in der Lage, seine eigenen Standpunkte und Vorstellungen bei zu behalten und wird lediglich durch neue Einflüsse und neues Wissen bereichert und das kann nur von Vorteil sein.
Außerdem muss sich dann niemand mehr davor fürchten, dass der „Islam die westliche Welt übernimmt“. Man sollte die neuen Einflüsse und die Vielfalt unserer Gesellschaft vielmehr als Geschenk betrachten, dass einem die Möglichkeit bietet, mehr über sich selbst und die Welt zu erfahren. Wenn man dann noch bedenkt, dass das Zusammenwachsen der verschiedenen Kulturen im Zuge der Globalisierung ohnehin unvermeidbar ist, hat man eigentlich auch gar keine Wahl mehr, als sich mit diesem Gedanken anzufreunden - oder man kämpft sein Leben lang dagegen an und verschwendet seine Zeit damit, an veralteten Normen und Lebensweisen festzuhalten, die in unserem Zeitalter nichts mehr zu suchen haben.

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Quelle:

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Autorin / Autor: Deniz Klarhorst
 
 
 

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