Geht das schon wieder los!

Was ist überhaupt so toll am Lesen?

Jedes Jahr diese Buchmesse, und alle machen so einen Aufstand darum… was wird da schon verkauft? Ein Haufen Papier, oder? Und dafür Geld ausgeben? Könnte man sagen… Also warum in aller Welt lesen wir eigentlich? (Dass ich mit "wir" nur diejenigen unter uns meine, die "es" auch wirklich tun, dürfte sich von selbst verstehen...)

Abtauchen und Wohlfühlen
Am häufigsten wird da wohl das Argument gebracht, beim Lesen könne man "in eine andere Welt abtauchen". Aber stimmt das überhaupt? Schließlich bleibe ich immer auf meinem Bett liegen oder in meinem Sessel sitzen oder wo immer ich es mir gerade mehr oder weniger bequem gemacht habe. Klar, es ist schon ab und zu spannend zu sehen, wie so eine Geschichte ausgeht… oder zumindest, wie es dazu kommt, denn irgendwie sind manche Happy Ends ja schon recht vorhersehbar, da kann das Buch noch so gut sein. Aber spannende Geschichten gibt es doch auch im Fernsehn zu Hauf, oder wenn nicht, wirft frau sich eben mal schnell eine DVD rein.

Okay, Leute, mal ehrlich: das ist auch nicht immer das Wahre, oder? Klar, nichts gegen Filme, das kann sehr erholsam, witzig, spannend – alles mögliche sein. Aber ganz davon abgesehen, dass einem nach spätestens der dritten DVD irgendwann die Augen tränen, was nun beim Lesen doch eher selten vorkommt (es sei denn, man liest bei zu schummrigem Licht, oder die Geschichte ist so ergreifend), es stellt auch nicht unbedingt eine geistige Herausforderung dar, sich zudröhnen zu lassen. Und weil der Mensch nunmal so geschaffen ist, dass ihm das Überwinden von Herausforderungen Spaß macht, hat es noch einen zusätzlichen "Kick", die Geschehnisse, von denen wir lesen, im Kopf in Bilder umzusetzen. Sport für die "Denkmuskeln" sozusagen, und wie bei den meisten Sportarten ist die Befriedigung hinterher umso größer, je regelmäßiger und ernsthafter man sich darin übt.
Natürlich kann man es auch übertreiben, aber das geht ja so ziemlich bei allem.

Input fürs Hirn
Ein weiterer interessanter Nebeneffekt beim Lesen ist, dass frau beim Lesen automatisch Informationen aufnimmt. Das funktioniert natürlich nicht immer gleich gut, lese ich z.B. Harry Potter, wird das Ergebnis für meine Allgemeinbildung dürftiger ausfallen als bei einem super recherchierten und realistisch geschriebenen historischen Roman oder sogar einer Biographie, sagen wir, aus der Zeit des Dritten Reiches. Aber die Lektüre von HP könnte Lust machen, sich noch ein paar zusätzliche Informationen beispielsweise über die verschiedenen vorkommenden Fabel- und Mythenwesen zu beschaffen, und sei es nur, um sich das Ganze leichter bildlich vorstellen zu können. Und schwupp, bleibt vielleicht was hängen, das in der nächsten Geschichts- oder Lateinarbeit mit einfließen kann…

Mir ist natuerlich bewusst, dass diese Theorie mehrere Haken hat. Einer davon ist definitiv, dass ich nicht nach jedem Buch Lust haben werde, mir noch mal Stichwörter rauszupicken, nur um dann in die Bibliothek zu tingeln oder das Internet zu durchforsten. MUSS ja auch nicht sein. Aber ab und zu kommt es doch vor. Ein anderes Problem wäre, dass es auch Bücher gibt, die mit scheinbar seriösen Informationen daher kommen, diese aber schlicht und einfach zurecht gebogen haben. Oder die aus zwei für sich genommenen Fakten völlig abstruse Schlüsse ziehen. Denken wir beispielsweise an Dan Browns "Da Vinci Code", in den zwar tonnenweise religions- und kunstgeschichtliche Elemente eingeflossen sind, aber zum Teil so wirr und nicht immer völlig korrekt, dass es die unbedarfte Leserin schon mal überfordern kann. Für diesen Fall bleibt dann natürlich nur a) ignorieren oder b) sorgfältig filtern, was zwar mühsam ist, aber auch wieder ein großes Erfolgserlebnis sein kann – siehe oben.

Lesen bildet
Einfacher siehts mit einer anderen Art der Bildung aus, die Bücher bereithalten können, der Sprachbildung nämlich. Wer viel liest, gewöhnt sich (jedenfalls meistens) ganz automatisch eine korrekte Rechtschreibung und Zeichensetzung an, lernt unter Umständen, sich geschmeidiger auszudrücken oder erweitert seinen Wortschatz – vor allem, wenn die Lektüre Englisch, Französisch oder sonstwie fremdsprachig ist. Ganz wichtig beim Lesen kann auch der Kommunikationsfaktor sein – zwei Leute, die das selbe Buch gelesen haben, haben automatisch Gesprächsstoff, sei es nun, um verschiedene Meinungen gegeneinander auszudiskutieren, oder weil sie feststellen, dass sie genau der selben Meinung sind – auf jeden Fall hat man sich was zu sagen. Das kann in der Schule oder im Freundeskreis stattfinden, aber auch im Internet – denken wir nur an die zahllosen Fan-Communitys. Sogar zu TV-Serien oder Filmen wird da nicht selten Fan-Fiction ausgetauscht, was dann ja auch wieder etwas mit Lesen zu tun hat – auch wenn man fairerweise sagen muss, dass es zwar eine Menge Leute gibt, die sich damit Mühe geben, aber leider noch mehr, die meinen, das Netz mit jedem Schwachsinn fluten zu müssen, der in ihrem Hirn mal kurz an die Oberfläche treibt.

Prädikat: Pädagogisch wertvoll
Ein weiterer ungemeiner Vorteil (und der letzte, auf den ich näher eingehen will) ist meiner Meinung nach die Möglichkeit, aus Büchern Erfahrung zu ziehen, sei es nun die Erfahrung des Autors oder die des/der Protagonisten/in. Sicherlich lässt sich nicht alles eins zu eins umsetzen, aber manche Erzählung hält zumindest indirekt den einen oder anderen Tipp bereit – wenn nicht sogar so offensichtlich, wie viele der "pädagogisch wertvollen" Werke, von denen es grade für Teenager so eine unglaubliche Menge gibt. Ich kann beispielsweise aus Erfahrung sagen, dass im Umgang mit Mobbing oder mehr oder weniger deutlicher "sexueller" Belästigung die Erinnerung an eine starke "Heldin" in einer ähnlichen Zwickmühle das Problem zwar nicht löst, aber doch den Ausschlag zur möglicherweise entscheidenden selbstbewussten Antwort geben kann.

Und wem das jetzt zu kompliziert oder schlicht zu übertrieben ist: Man muss ja nicht aus jeder Erfahrung, über die man liest, gleich was lernen. Es ist ja durchaus auch erlaubt und erwünscht, sich einfach mal zurückzulehnen und mit den Helden mit zu leiden und sich zu freuen – ganz ohne Hintergedanken. Oder, um es mit den Worten eines meiner Lieblingsbücher, "Der Club der toten Dichter", zu sagen: "Most people, if they're lucky, live about half an exciting life. If I could get the parts, I could live dozens of GREAT lives!" In diesem Fall ist zwar vom Schauspielern die Rede, aber meine Ansicht nach funktioniert das auch, indem man einfach liest.

Der Blick über den Tellerrand
Was genau das ist, ob Fantasy oder Thriller, Klassiker (ja, so angestaubt sind die gar nicht alle! Es lohnt sich auf jeden Fall, beispielsweise mal in Jane Austens "Northanger Abbey" reinzuschnuppern, wer mal wieder richtig lachen will. Ein bisschen muss man allerdings als Mädchen schon auch einstecken können, sonst könnte die Parodie ein bisschen zu heftig ausfallen.) Natürlich kommt es immer drauf an, ob ihr mit der Lektüre auch ein Ziel verfolgt: Der Informatiosgehalt von "Sofies Welt" ist sicherlich sehr viel höher als der im "Herrn der Ringe", und in einem Referat finden manche Lehrer (aus teilweise nicht vollständig nachvollziehbaren Gründen, aber gut) Dickens vielleicht beeindruckender als, sagen wir, die "Plötzlich Prinzessin"-Bücher von Meg Cabot... ;-). Aber Hauptsache, die Lesegewohnheiten rosten nicht völlig ein und frau traut sich auch literarisch mal, einen Blick über den Tellerrand zu tun und "ganz was Anderes" auszuprobieren.


Autorin / Autor: Pfefferminztea - Stand: 15. Oktober 2007