Schüchtern wie ein Menschenkind

Katzenstudie zeigt, dass Scheuheit nicht immer nur mit Angst vor Menschen zu erklären ist

Beim Menschen ist Schüchternheit ein komplexes Persönlichkeitsmerkmal, das dazu führt, dass sich Personen aus Angst zurückziehen und es vermeiden, andere Menschen zu treffen oder mit ihnen zu kommunizieren. Wenn menschliche Säuglinge schüchtern sind, zeigen sie oft widersprüchliche Wünsche: Begegnen sie beispielsweise einem unbekannten Erwachsenen, möchten sie sich ihm vielleicht nähern, haben aber gleichzeitig Angst davor. Studien zu Persönlichkeitsmerkmalen bei Tieren unterscheiden oft nicht zwischen Schüchternheit und Angst, sondern messen das Verhalten auf einer Skala von ängstlich bis mutig. Deshalb ist unbekannt, ob die menschliche Schüchternheit – die geprägt ist von Angst und gleichzeitig dem Wunsch, unbekannte Objekte oder Menschen kennenzulernen– auch bei Tieren auftritt.

Gesellig, ängstlich oder scheu?

Um diese Wissenslücke zu schließen, untersuchten Forscher:innen das Angst- und Annäherungsverhalten bei 310 Hauskatzen (Felis catus). Katzenbesitzer:innen wurden gebeten, an einer Online-Umfrage teilzunehmen, die an einen Fragebogen zur Persönlichkeitsbewertung bei menschlichen Säuglingen angelehnt war. Bei der Analyse der Antworten wurde bei jeder Katze die Schüchternheit, die Ängstlichkeit sowie die Neigung, sich neuen Menschen oder Spielzeugen zu nähern angeschaut.
Insgesamt stellten die Forscher:innen fest, dass scheue Katzen auch sehr ängstlich waren. Katzen, die als „sehr gesellig“ und „gesellig“ eingestuft wurden, waren weniger ängstlich und zeigten mehr Interesse an Annäherung. Es gab aber auch eine Kategorie, bei der die Katzen zwar hohe Angstwerte aufwiesen, gleichzeitig aber großes Interesse an Neuem zeigten, was der Art von Schüchternheit entspricht, die bei manchen menschlichen Säuglingen beobachtet wird. Diese menschenähnliche Scheuheit wurde öfter bei Katern und bei Katzen, die als Streuner geboren wurden, festgestellt.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Scheuheit bei den meisten Katzen eng mit Angst verbunden ist. Eine Untergruppe von Katzen zeigt jedoch eine Mischung aus großer Angst und der Tendenz, sich unbekannten Menschen und Gegenständen zu nähern, was auch charakteristisch für die Schüchternheit bei menschlichen Säuglingen ist. Dies legt nahe, dass komplexe Persönlichkeitsmerkmale auch bei Tieren vorkommen können. Ein tieferes Verständnis darüber könnte Tierhalter:innen und Tierheimen helfen, besser auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Katzen einzugehen und deren Wohlergehen zu verbessern, so die Autor:innen. "Anstatt Katzen einfach als ‚freundlich‘ oder ‚scheu‘ zu bezeichnen, hoffen wir, dass unsere Forschung Katzenhalter dazu anregt, das individuelle Verhalten jeder einzelnen Katze zu beobachten und besser zu verstehen.“

Die Studie wurde am 4. November 2026 in der Open-Access-Zeitschrift PLOS One veröffentlicht und von Madoka Hattori von der Universität Kyoto, Japan, und Kollegen durchgeführt.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 6. November 2026