Mehr Freude, mehr Empathie

Studie: Wie bestimmte literarische Techniken uns dazu bringen, mehr verzeihen zu können

Eine Geschichte, die uns in die Gedankenwelt einer Figur versetzt, die eine schlechte Tat bereut, kann laut einer neuen Studie dazu führen, dass wir selbst auch diesen Fehler vergeben.
Und nicht nur das: Wenn wir uns ärgern über jemanden, der uns Unrecht getan hat, kann eine bestimmte literarische Technik dazu beitragen, auch in unserem eigenen Leben mehr zu verzeihen.
Die Schreibtechnik der sogenannten „internen Fokussierung” eröffnet den Leser:innen Zugang zu den innersten Gedanken einer Figur, indem das Geschehen aus ihrem unmittelbaren Erleben geschildert wird. Dies weckt Empathie für sie und man ist eher gewillt, ihr Fehlverhalten zu entschuldigen. Studienteilnehmer:innen, die dazu angeregt wurden, über ein vergangenes Vergehen nachzudenken, neigten nach dem Lesen dazu, ihre Vergebung gegenüber der fiktiven Person auf ein reales Ereignis aus ihrem Leben auszuweiten.

„Wenn man den Menschen einfach nur eine Geschichte ohne diese Empathietechnik präsentiert, werden sie einer Figur wahrscheinlich nicht vergeben. Nutzt man die Technik jedoch, vergeben sie nicht nur der Figur, sondern sind anschließend auch eher bereit, anderen Menschen in ihrem tatsächlichen Leben zu vergeben“, sagte der leitende Autor Angus Fletcher, Professor für Anglistik an der Ohio State University, der die Studie gemeinsam mit Mark Matthews, einem promovierten Sozialpsychologen durchführte.

Angesichts einer früheren Erhebung, wonach weltweit mehr als jeder Fünfte regelmäßig Wut empfindet, deute diese Studie darauf hin, dass Geschichten ein Rezept für eine bessere emotionale Gesundheit sein könnten, so Fletcher. „Das Tolle an Literatur ist, dass man sich nicht erst in einer Krise befinden muss, um sie zu nutzen“, sagte er. „Man kann sie einfach einsetzen, um den Alltag mit Wut, Depressionen, Pessimismus und Ängsten zu bewältigen. Die richtige Literatur kann einem – sobald man gelernt hat, wie man sie nutzt – dabei helfen, aus diesen Zuständen herauszukommen und einem mehr Freude, mehr Optimismus, mehr Liebe und mehr Empathie schenken – all diese positiven Effekte.“

Wissenschaftler:innen berichteten, dass sie in einer Studie aus dem Jahr 2013 nachgewiesen hätten, dass das Lesen von Passagen aus literarischer Belletristik die Fähigkeit verbesserte, die Überzeugungen und Wünsche anderer zu verstehen – ein Konzept, das als „Theorie des Geistes“ bekannt ist. Bei Sachbüchern oder Unterhaltungsliteratur war das übrigens weniger der Fall.

Doch Versuche, diese Studie zu reproduzieren blieben erfolglos. Deshalb  konzentrierten sich Fletcher und Matthews nur auf eine bestimmte Schreibtechnik, von der sie glaubten, dass sie Vergebung fördern könnte.
„Wir fragten uns: ‚Was wissen wir über die Geschichte der Entwicklung dieser Techniken, mit denen Künstler Empathie wecken?‘ Wir haben die wirkungsvollste dieser Techniken in eine Geschichte eingebaut und dann getestet, ob diese Geschichte ohne die Technik Empathie weckt und ob die Geschichte mit der Technik Empathie weckt“, sagte Fletcher.

Mary, ihr Welpe und der Handwerker

Die Geschichte handelt von einer Frau namens Mary, die als Kind miterleben musste, wie ihr Welpe starb, nachdem er von einem Auto angefahren worden war, und sich schwor, nie wieder einen Hund zu halten – bis sie im Alter von 85 Jahren einen Welpen adoptierte, um ihre lebenslange Trauer zu überwinden. Sie beauftragt einen Handwerker und warnt ihn, die Tür geschlossen zu halten, damit der Hund nicht entkommen kann. Er lässt die Tür offen, und der Welpe entwischt, sehr zu Marys Entsetzen.

Die Studienteilnehmer:innen erhalten daraufhin unterschiedliche Informationen über das Verhalten des Handwerkers: Entweder hat er Marys Warnung missachtet, was bedeutet, dass es ganz allein seine Schuld war, oder er hat die Tür versehentlich offen gelassen, weil er abgelenkt war. Im nächsten Abschnitt werden die inneren Abläufe des Handwerkers  offengelegt: „Der Handwerker dachte bei sich: Ich wünschte, ich hätte die Tür nicht offen gelassen“ - im Gegensatz zur nichtliterarischen Form: „Der Handwerker sagte zu Mary: ‚Ich wünschte, ich hätte die Tür nicht offen gelassen.‘“

Was die Studienteilnehmer:innen nie erfuhren, war, ob Mary dem Handwerker verzieh – Matthews und Fletcher ließen dieses Detail bewusst weg, um das Verhalten nicht vorzugeben.

Um Empathie zu fördern, mussten in der Geschichte Bedingungen geschaffen werden, mit denen man den Weg zur Vergebung ebnen konnte. "Bevor wir vergeben können, müssen wir Empörung über die Gefühllosigkeit des Handwerkers empfinden, dass er die Sicherheit des Hundes gefährdet hat. Wenn wir eine Situation schaffen, in der man die innere Reue, die innere Welt der Person erkennen kann, spüren die Menschen die Aufrichtigkeit dahinter. Sie können sich öffnen und sich mit den Emotionen dieser Person verbinden“, sagte er. „Dadurch haben wir nun die Möglichkeit, ihr mehr zu vergeben.“ Und das sei eine bewusste Entscheidung.

Die Kernidee sei, dass der Kontakt mit Literatur unsere Wahrnehmung der uns umgebenden Welt verändere, so Matthews. „Das ist die Hoffnung. Das ist das Ziel“, sagte er.
Laut Fletcher beschränkt sich der Effekt nicht nur auf das geschriebene Wort.
„Menschen berichten oft, dass sie beim Anschauen eines Films oder beim Lesen eines Romans viel stärker mit ihren Emotionen im Einklang sind als im Alltag, und das sagt schon einiges aus“, sagte er. „Ich denke also, dass diese Arbeit eigentlich nur einen einzelnen Aspekt eines viel größeren Phänomens aufzeigt, nämlich eine Krise der emotionalen Gesundheit, die wir erleben, weil wir zu viel Zeit mit Technologie und zu wenig Zeit mit diesen uralten Quellen menschlicher Weisheit verbringen.“

Die Forschungsergebnisse wurden am 1. Oktober in der Fachzeitschrift „Frontiers in Psychology“ veröffentlicht.

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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 19. Oktober 2026