UrbanGreen - Indoor-Farm im Bunker

Die Brüder Stefan und Philipp Lindner haben in Bonn eine Indoor-Farm gegründet und bauen Pilze und Microgreens an. Stefan erzählt im Interview, wie es dazu kam und was das Besondere an ihrem Unternehmen ist

Foto: Stefan Lindner

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, UrbanGreen zu zu gründen?

Grundsätzlich trieb uns die Idee von der Selbstständigkeit schon länger um. Mit den geschlossenen Unis und der vielen Zeit im Hintergrund haben wir uns dann Tag für Tag zusammengesetzt und gebrainstormt, was wir Sinnvolles machen können. Nicht irgendein nutzloses Produkt auf den Markt bringen, sondern etwas wovon alle was haben. Dann hatte mein Bruder Philipp die Idee zum Indoor-Farming. Schnell war klar, welche Skills wir von ihm als Physiker und Hobby-Botaniker und mir als Geograph darin vereinen können. Zudem sind wir beide in einem semi-subsistenten Haushalt mit einem großen Nutzgarten aufgewachsen und hatten somit von klein auf Berührungspunkte mit der Erzeugung von Nahrungsmitteln. Dazu die Bastellust, die uns beide vereint und wir waren uns einig, dass wir eine Indoor-Farm in Bonn gründen, aufbauen und damit Gastronomien, den Einzehandel und Einwohner:innen mit Lebensmitteln aus einer urbanen Land-/Stadtwirtschaft versorgen wollen.

Was baut ihr alles an?

Im Kern bauen wir Microgreens und Speisepilze an. Das sind beispielsweise Erbsen, Sonnenblumen, Roter Amaranth, Brokkoli, Senf und viele weitere. Alles ganz junge Pflanzen, die bereits im Alter von 1-2 Wochen verzehrt werden. Bei den Pilzen sind der Austern- und der Kräuterseitling die bekanntesten und darüber hinaus bieten wir Exoten wie den PomPom, Rosenseitling oder Maitake und weitere an. Falls du zu den Sorten mehr wissen möchtest, haben wir eine Auflistung mit Beschreibungen auf unserer Internetseite. Damit haben wir unseren Start gestaltet, arbeiten aber ständig an der Erweiterung des Sortiments, um den Mehrwert unserer Erzeugung erhöhen zu können. Auch auf die Wünsche von Kund:innen versuchen wir so gut es geht einzugehen und das Sortiment entsprechend der Nachfrage zu gestalten.

Was sind eigentlich Microgreens?

Microgreens sind Keimlinge. Also junge Pflanzen, die wir in großen Mengen auf Hanfpads ziehen und die bereits nach 1-2 Wochen zur "Ernte" bereit sind. Wie man es von der bekannten Gartenkresse kennt. Wirklich geerntet werden sie nicht, da wir sie lebend verkaufen, während sie noch auf dem Hanfpad stehen. Das führt dazu, dass sie länger frisch bleiben und die Kundschaft, gerade im Restaurant oder dem Einzelhandel länger was davon hat. Man sollte Microgreens essen, wenn man Wert auf eine gesunde Ernährung legt, denn der Vorteil ist eine enorm hohe Konzentration an Nährstoffen und Vitaminen in den kleinen Pflanzen. Dazu kommt, dass man direkt eine Vielzahl davon verspeist und mit einem Pad Brokkoli die Nährstoffe von dutzenden Brokkolis zu sich nimmt. Dazu kommt, dass auch Aromastoffe noch sehr konzentriert sind und das sogenannte Superfood ebenfalls mit einem intensiven Geschmack überzeugen kann. Essen kann man sie zu jeder Zeit, ob pur oder auf dem Brot, in der Suppe oder einem beliebigen Gericht. In der Gastronmie finden sie zudem auf Grund ihres hübschen Aussehens Anklang und werden zur Garnitur und für den geschmacklichen Feinschliff genutzt.

Warum ist es besser, bei euch zu kaufen als im Supermarkt?

Einzelne unserer Erzeugnisse kann man auch im Supermarkt kaufen, die Vielfalt unseres Sortiments bildet ein Supermarkt allerdings nicht ab, alles bekommt man da also nicht. Zudem sind wir nach EG-Öko Basisverordung zertifiziert, sodass all unsere Produkte Bio-Qualität aufweisen. Und die angesprochene Bio-Qualität können wir noch übertreffen, da wir unter anderem mit kürzesten Lieferwegen arbeiten. Das kommt der Frische der Erzeugnisse und deren Qualität in Aussehen und Geschmack zu Gute und wir sind mit möglichst geringen Emissionen unterwegs. Nicht nur durch die kurzen Wege, sondern ebenfalls dadurch, dass wir die auch noch mit dem Lastenrad zurücklegen. Darüberhinaus arbeiten wir mit weniger Verpackungen, was nicht nur der Umwelt, sondern auch den Pilzen gefällt. Die mögen es nämlich gar nicht, in Folie verpackt zu werden.

Bild: Stefan Lindner

Wo baut ihr eure Leckereien an?

Zur Gründung unserer Indoor-Farm haben wir einen alten Bunker aus dem zweiten Weltkrieg renoviert, bzw. eine von drei Etagen zu einer Farm umgebaut. In der Vergangenheit haben die Bewohner:innen aus der Umgebung hier Schutz vor fallenden Bomben gefunden, dann stand er ohne einen richtigen Nutzen lange leer (viel zu verschwenderisch, wenn man bedenkt, welche Mengen an Ressourcen in den Bau eines solchen Bunkers fließen) und nun bauen wir hinter 2 bis 3 Meter dicken Betonmauern unsere Erzeugnisse an. Der Bunker stammt aus dem Jahr 1940/41, wurde in den 80er Jahren zumindest in Bezug auf die Belüftungsanlage noch gewartet, und was dann alles so passiert ist, ist nicht genau überliefert, man hört viele Geschichten aus der Nachbarschaft dazu. Einen festen, konstanten Nutzen hatte er jedenfalls viel zu lange nicht. Für den so gut wie vollständig in Eigenleistung erbrachten Umbau ist eine Menge Zeit von Nöten gewesen und nach circa 12 Monaten stand das Grundgerüst der Farm, die sich weiterhin in ständiger Weiterentwicklung und Anpassung befindet. Ein Bunker bietet sich für uns gut an, da wir auf gleichbleibende Anbaubedingungen achten müssen, wobei Temperatur und Luftwerte insbesondere für die Pilze eine wichtige Rolle spielen. Durch die dicken Wände sind wir ordentlich von den Bedingungen draußen abgetrennt und können ein hergestelltes Mikroklima unter geringem technischem Aufwand konservieren und über unsere Belüftung steuern.

Bild: Stefan Lindner

Wie geht ihr vor beim Anbau?

Einer der größten Unterschiede zur normalen Landwirtschaft mag sein, dass wir von keiner Saisonalität abhängig sind. Die Pilze haben quasi immer Herbst, während sich die Keimlinge ständig in einem frühlingsähnlichen Klima befinden. Diese das Klima herstellenden Faktoren sind von uns steuerbar, was ebenfalls einen großen Unterschied darstellt. Innerhalb dieser Bedingungen bauen wir in vielen Zyklen gleichzeitig an, sowohl bei den Pilzen als auch den Kressen. Die Ernte der Kressen lässt sich auf den Tag genau festlegen, während das bei den Pilzen auf +/- einen Tag funktioniert. Durch die getakteten Anbaupläne können wir gewährleisten, dass wir unsere Kund:innen immer mit möglichst frischer Ware versorgen können und Bedarfe zeitlich genau bedienen. Ansonsten wird im Falle der Pilze verschiedenes Substrat vorbereitet, beimpft, der Pilz durchwächst das Substrat bis er reif für die Fruchtungsräume ist (da herrscht das herbstliche Klima insbesondere mit hoher Luftfeuchtigkeit), wird dahin umgezogen und bildet die Fruchtkörper aus, die umgangssprachlich als Pilze bezeichnet werden. Im Falle der Kressen/Microgreens säen wir auf Hanfmatten aus, die Pads kommen nach kürzerer oder längerer Keimphase unter die Pflanzlampen und werden mitsamt der Matten, auf denen sie wachsen an die Kund:innen ausgeliefert. Während der gesamte Prozess bei den Pilzen ca. 2-3 Monate dauert, brauchen die Greens dazu 1-2 Wochen.

Bild: Stefan Lindner

Wo liegen die Grenzen von Indoorfarming?

Der größte Nachteil des Indoorfarmings wird vermutlich der Energieverbrauch sein, da insbesondere angebaute Pflanzen mit viel Licht versorgt werden wollen. In unserem Fall haben wir eine 54 kWp starke PV-Anlage auf unserem Dach, die voraussichtlich rund 50 Prozent unseres Energiebedarfs über das Jahr deckt. So brauchen wir zwar viel Energie für Licht, können aber auf große Maschinen und deren Emissionen verzichten und schonen die sehr wertvolle und viel zu häufig nicht mitgedachte Ressource Boden. Denn auch der ist endlich, braucht in seiner Genese viele Tausend Jahre und ist somit für uns auf das aktuelle Kontingent, dass unser Planet uns bietet beschränkt. Und davon verbraten wir jährlich eine unvorstellbar große Menge, indem wir ihn auslaugen und in die Meere spülen lassen.

Wie reagieren die Kund:innen auf euer Angebot?

Sehr zu unserer Freude reagieren unsere Kund:innen sehr positiv auf unser Angebot. Da gibt es keinen Unterschied zwischen der B2B und B2C Kundschaft. Geschätzt wird die Lokalität, das dahinter stehende Konzept und natürlich die Frische und der intensiv aromatische Geschmack unserer Erzeugnisse. Uns wird oft gesagt, dass wir das Angebot auf den Märkten, die wir beschicken toll ergänzen. Zudem vertreiben wir Erzeugnisse, die sonst nicht oder nur umständlich oder zu viel höheren Preisen zu bekommen sind, was ebenfalls geschätzt wird.

Und was sagen andere Landwirt:innen dazu?

Mit LandwirtInnen sind wir bisher wenig ins Gespräch gekommen, das würde mich aber auch mal interessieren wie die Landwirtschafts-Bubble diese Entwicklungen im Bereich des Indoor-Farmings, der ja weit über uns hinaus geht, bewertet. Bisher bestehen meiner Meinung nach wenige Konkurrenzen, da es bei einigen Erzeugnissen unsinnig wäre, die Indoor anzubauen (zum Beispiel Erdbeeren haben einen viel zu hohen Energiebedarf), Weizen funktioniert auch noch nicht, aber es wird viel geforscht. Was auch notwendig ist. Denn es ist absehbar, dass wir viele Flächen nicht mehr zum Anbau zur Verfügung haben werden und das schon in wenigen Jahrzehnten, sodass Millionen von Menschen zusätzlich vom Hunger betroffen sein werden. Um alternative Anbaumöglichkeiten und Ernährungsformen kommen wir also nicht drumherum. Interessant wäre hier auch, wie viele unserer Indoor-Farming Kolleg:innen das mitdenken und ihre Unternehmen versuchen darauf auszurichten.

Bild: Stefan Lindner

Was macht euch an der Arbeit am meisten Spaß?

Wir machen im Grunde alles selbst. Das hat mit dem Umbau begonnen und wird im Alltagsgeschäft auf der Farm weitergeführt. Also von der Aussaat, über das Putzen, die Buchhaltung bis zur Ernte und der Auslieferung. Kunden-Akquise, Marktbeschickung, Marketing, Vertrieb, alles was eben so anfällt. Mir persönlich gefällt daran am meisten die Abwechslung zwischen den verschiedenen Aufgaben, die Lösungsfindung zu Problemen (die immer wieder auftreten) und den gesamten Prozess im Blick zu haben. Wenn zum x-ten Male Shiitake und Co. in einer der vielen Küchen an den Koch oder die Köchin übergeben werden, weißt du genau, was alles dahintersteht und hast an allem daran einen Anteil. Zu sehen, was das Ergebnis ist und die getane Arbeit damit immer wieder abschließen zu können ist ein befriedigendes Gefühl. Und im Großen und Ganzen ist es das Arbeiten für einen selbst, keinen Chef zu haben oder noch besser für eine x-beliebige Konzernleitung zu ackern, die man selbst nichtmal kennt.

Wo seht ihr euch und Urbangreen in 10 Jahren?

In 10 Jahren haben wir den Bunker entweder bereits gekauft, den Mietvertrag mit der Stadt seit circa 2 Jahren verlängert oder die Firma verkauft, wer weiß. Das ist eine schwer zu beantwortende Frage zu diesen Zeiten. Es gibt eine Menge Ideen, was aus dem Bunker noch gemacht werden kann. Ein Szenario für die Farm selbst, das ich mir gerne ausmale, ist deren Fortbestehen, evtl. die Eröffnung einer weiteren Farm in einer anderen Stadt und die Freiheit, mit Mitarbeitenden ein kleineres Arbeitspensum als aktuell zu haben. Mit steigenden Temperaturen und dem Klimawandel werden Konzepte wie unseres allerdings immer wichtiger werden, und es wird tendenziell eher mehr als weniger zu tun geben. Die Zeit wird es zeigen.

Lieber Stefan, herzlichen Dank für deine Zeit und das Interview!

Autorin / Autor: Redaktion und Stefan Lindner; Fotos: Stefan Lindner - Stand: 16. Oktober 2026