In rosa zu MINT
Eine Studie über Wissenschaftskommunikation in Social Media
"Warum darf eine Fliegerjacke nicht rosa oder lila sein?" Mit dieser Frage konfrontierte ein 6-jähriges Mädchen ihre Mutter Kellie Gerardi, eine Astronautin, Forscherin und Wissenschaftskommunikatorin. Daraufhin trug Gerardi später in einem Fernsehinterview tatsächlich eine leuchtend rosa Fliegerjacke und machte damit ihre Tochter überglücklich. Diese Szene – die in einem Beitrag auf Gerardis Instagram-Account zu sehen war – war ein persönlicher Moment, der geschickt durch die Sprache und die Bildsprache der sozialen Medien präsentiert wurde. Die Botschaft: Weiblichkeit und wissenschaftliche Glaubwürdigkeit sind keine´Gegensätze.
Das Video ist einer von 194 Beiträgen, die in einer neuen, im „Journal of Science Communication“ (JCOM) veröffentlichten Studie analysiert wurden. Dabei wurden die Instagram-Aktivitäten von drei Astronautinnen und Wissenschafts-Influencerinnen: Kellie Gerardi, Shawna Pandya und Norah Patten untersucht.
Die Studie zeigt: Wissenschaftskommunikation in sozialen Medien umfasst mehr als nur Fakten und Erklärungen. Persönliche Erfahrungen, die Identität der Kommunizierenden und plattformspezifische Mittel – von Musik und Hashtags bis hin zu Humor und Anspielungen auf die Popkultur – prägen die Botschaften.
„Unsere wichtigste Erkenntnis war, dass diese drei Wissenschafts-Influencerinnen ihre Beiträge auf Instagram strategisch gestalteten – nicht nur, um wissenschaftliche Informationen zu vermitteln und hoffentlich das öffentliche Interesse und Engagement für MINT-Fächer zu fördern, sondern auch, um ihre eigenen persönlichen Marken aufzubauen und ihre Reichweite auf Instagram zu vergrößern“, erklärt Jocelyn Steinke, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der University of Connecticut.
Die Studie untersuchte Beiträge, die zwischen Juni und November 2024 auf den drei Instagram-Konten der Frauen veröffentlicht wurden, nachdem eine bevorstehende Forschungsmission von Virgin Galactic angekündigt worden war, bei der Gerardi, Pandya und Patten als rein weibliche, internationale Besatzung zum Einsatz kommen sollten. Die Forscherinnen analysierten alle Bestandteile der Beiträge: Fotos, Videos, Text, Audio, Hashtags und Emojis.
Dabei wollten sie wissen, welche Themen die Influencerinnen auswählten, wie sie diese darstellten und welche Kommunikationstaktiken sie einsetzten, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Einige der von den Frauen ausgewählten Themen konzentrierten sich auf ihre Forschung und Ausbildung, erläuterten wissenschaftliche Phänomene und zeigten Experimente, die unter Mikrogravitation durchgeführt wurden. Gleichzeitig berichteten sie von ihren persönlichen Lebenswegen, die sie zu den MINT-Fächern geführt hatten, und sprachen über die Menschen, die sie ermutigt hatten, die Herausforderungen, denen sie sich stellen mussten, sowie über ihren Alltag.
Gerardi sprach beispielsweise öffentlich über Mutterschaft, Unfruchtbarkeit und ihre Erfahrungen mit der In-vitro-Fertilisation. Patten teilte Fotos von ihrem ersten Besuch im Kennedy Space Center mit ihrem Vater und ihrem Bruder, als sie 15 war, während Pandya sich an Erlebnisse und Mentoren erinnerte, die zu ihrem Weg zur Astronautin beigetragen hatten. Vorgestellt werden nicht nur die wissenschaftliche Arbeit, sondern auch die Menschen, die diese Arbeit leisten, und auch die Umwege, die sie dorthin geführt haben.
„Wir können erkennen, dass hier definitiv ein strategischer Ansatz verfolgt wird, nicht nur Wissen über MINT und MINT-Berufe zu vermitteln, sondern auch diese Insider-Perspektive zu bieten und eine persönlichere Verbindung zum Publikum herzustellen, um Authentizität, Verbundenheit und Engagement bei einem sehr breiten und vielfältigen Publikum zu fördern“, sagt Steinke. „Indem sie ihre Erfahrungen mit ihrem Publikum teilen, können sie in der Tat als einflussreiche Vorbilder für künftige Generationen dienen und Mädchen dazu inspirieren, eine Karriere als Astronautin in Betracht zu ziehen.“
Wissenschaft in der Sprache von Instagram
Die in der Studie analysierten Beiträge greifen die typischen Formen der sozialen Medien auf: kurze Videos, Foto-Reihen, auf Bildern eingeblendete Texte, Hashtags, Emojis, angesagte Musik und Bezüge zur Popkultur wie Taylor Swift, David Bowie und Charli XCX. Die Frauen setzen zudem Humor, Wortspiele und sofort wiedererkennbare visuelle Elemente ein, darunter Fluganzüge, Models, mit Sternen und Planeten verzierte Kleidung sowie Aufnahmen, die während des Trainings entstanden sind. Den Autorinnen zufolge sind diese Elemente mehr als nur dekorative Ergänzungen. Sie helfen, die Inhalte an die Plattform anzupassen, Aufmerksamkeit zu erregen und Wissenschaft mit Ausdrucksformen zu verbinden, die den Instagram-Nutzer:innen vertraut sind.
Die persönliche Dimension kann zudem dazu beitragen, traditionelle Vorstellungen von Menschen, die in der Wissenschaft arbeiten, in Frage zu stellen. In ihren Beiträgen präsentieren sich die drei Frauen gleichzeitig als Astronautinnen, Forscherinnen, Ärztinnen, Mütter, Töchter und Frauen, die sich für Mode oder Musik interessieren. Indem sie diese unterschiedlichen Identitäten sichtbar machen, zeigen sie, dass es nicht nur einen einzigen Weg gibt, auszusehen oder sich zu verhalten, um in der Wissenschaft glaubwürdig zu sein, so die Forschungsergebnisse.
Nützliche Erkenntnisse
Die qualitative Analyse umfasst Beiträge, die lediglich von drei sehr bekannten Persönlichkeiten aus dem MINT-Bereich auf einer einzigen Plattform und über einen begrenzten Zeitraum geteilt wurden. Dabei blieb unklar, ob jeder Inhalt von den Frauen bewusst geplant wurde, noch ob sie ihre Konten mit professioneller Unterstützung verwalten. Außerdem wurde nicht untersucht, wie das Publikum die Beiträge interpretierte oder welche Inhalte die größte Aufmerksamkeit und das größte Engagement hervorriefen.
Auch wenn zukünftige Forschungsarbeiten sich mit diesen wichtigen Fragen befassen sollten, unterstreicht die Gesamtzahl der Follower der Influencerinnen – mehr als 1,5 Millionen Instagram-Nutzer:innen zum Zeitpunkt der Studie – die potenzielle Reichweite ihrer Inhalte. Die Studienergebnisse zu den Kommunikationspraktiken von drei populärwissenschaftlichen Influencerinnen auf Instagram bieten zudem nützliche Erkenntnisse für die Ausbildung von Wissenschaftler:innen und Wissenschaftskommunikator:innen. Strategisch zu kommunizieren bedeutet, nicht nur zu überlegen, welche Informationen vermittelt werden sollen, sondern auch, wie man sie präsentiert, welche Teile der eigenen Erfahrungen man teilt und wie man eine Botschaft an den Kontext anpasst, in dem das Publikum sie wahrnimmt.
„Frauen in den MINT-Fächern nutzen soziale Medien, um Sichtbarkeit und Gehör zu erlangen, ihre Ziele als Wissenschaftskommunikatorinnen voranzutreiben, Perspektiven auf die Rolle und die Beiträge von Frauen in den MINT-Fächern zu verändern und jüngere Generationen dazu zu inspirieren, MINT-Berufe als Zukunftsoption in Betracht zu ziehen“, fasst Steinke zusammen.
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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet