Wo "gesund" draufsteht, ist nicht nur Gesundes drin
Lebensmittelkennzeichnungen schummeln häufig - besser schaut man auf's Kleingedruckte, so eine US-Studie
"Fettarm", "zuckerfrei", "natürlich" - wer greift nicht zu Lebensmitteln, die vermeintlich gesünder sind als andere? Eine neue Analyse von fast 150.000 Lebensmittel- und Getränkeprodukten, die in den letzten zehn Jahren in den Vereinigten Staaten auf den Markt gebracht wurden, ergab aber, dass Produkte mit gesundheitsbezogenen Angaben nicht gesünder, sondern oft ungesünder sind und manchmal sogar weniger nährstoffreich. Die Reduzierung einer ungesunden Zutat kann nämlich bedeuten, dass stattdessen mehr von einer anderen hinzugefügt wurde.
Die Analyse wurde von Miguel Gomez, Professor für Lebensmittelmarketing an der Cornell University, und Pei Zhou, einer Postdoktorandin in seinem Labor, geleitet. Die Studie stützte sich auf Daten zu neuen Produkten aus einem Zeitraum von zehn Jahren.
„Als ich eines Tages in einen Supermarkt ging, fiel mir auf, dass es dort Frischkäse in der Originalgeschmacksrichtung und in einer fettarmen Variante gab“, so Zhou. „Man hatte zwar den Fettgehalt reduziert, aber der Gesamtzuckergehalt und der Natriumgehalt waren höher. Auf den Verpackungen finden sich so viele Angaben. Unsere Hauptfrage war, ob Produkte mit solchen Angaben gesünder sind als solche ohne gesundheitsbezogene Angaben.“
Das Cornell-Team wandte das „Nutrient Profiling Model“ an, ein von der britischen Food Standards Agency entwickeltes Bewertungssystem, das – im Gegensatz zu Angaben zu einzelnen Nährstoffen – die gesamte Nährstoffzusammensetzung eines Produkts auf einmal berücksichtigt und dabei einen zu hohen Gehalt an Zucker, Natrium, gesättigten Fettsäuren und Kalorien negativ bewertet, während Ballaststoffe, Eiweiß sowie der Obst- und Gemüseanteil positiv gewertet werden.
Als die Forschenden diesen Ansatz auf den amerikanischen Markt anwendeten, stellten sie fest, dass von den von ihnen analysierten, neu auf den Markt gebrachten Produkten zwei Drittel insgesamt als weniger gesund einzustufen waren, obwohl die Hälfte der Produkte gesundheitsbezogene Angaben auf der Verpackung aufwies.
Das Problem, so stellten sie fest, liegt oft im Kleingedruckten, das in der Rezeptur verborgen ist. Ein „natriumreduziertes“ Erfrischungsgetränk gleicht das Weniger an Natrium beispielsweise überproportional oft durch zusätzlichen Zucker aus. Eine „transfettfreie“ Fertiggerichtspackung enthält stattdessen oft mehr gesättigte Fettsäuren und Natrium. Die Angabe ist technisch gesehen wahr. Das Gesamtbild der Nährwerte verbessert sich laut der Studie jedoch nicht unbedingt und kann sich manchmal in anderer Hinsicht sogar verschlechtern.
Bei Getränken zeigten sich die größten Diskrepanzen: Angaben wie „natriumarm“, „zuckerfrei“ und „arm an gesättigten Fettsäuren“ wichen am ehesten von der tatsächlichen Nährwertqualität ab.
Die vielleicht auffälligste Erkenntnis betraf eine Kategorie von Kennzeichnungen, die überhaupt nicht als nährwertbezogene Angabe reguliert ist: „natürlich“. Begriffe wie „Bio“, „gentechnikfrei“ und „Vollkorn“ sagen formal nichts über den Zucker-, Natrium- oder Fettgehalt eines Produkts aus. Doch frühere, von den Autor:innen zitierte Verbraucherforschungen haben wiederholt gezeigt, dass Käufer:innen „natürlich“ ohnehin als Kurzform für „gesund“ interpretieren – eine psychologische Verknüpfung, die in der Forschung als „Halo-Effekt“ bezeichnet wird.
„In unserer Studie geben wir den politischen Entscheidungsträgern einige Orientierungshilfen“, sagte Gomez. „Der allgemeine Gedanke ist, von einzelnen Angaben zu einem umfassenderen Nährwertprofil überzugehen. In Ländern wie Chile oder Mexiko werden Warnsymbole verwendet, um Verbraucher vor hohem Salz-, Zucker- und Fettgehalt zu warnen, und dies schränkt die Platzierung der Produkte im Supermarkt ein.“
Vorerst, so Gomez und Zhou, lautet der praktische Rat: Eine Angabe auf der Vorderseite einer Verpackung ist ein Hinweis, kein endgültiges Urteil. Die Nährwertangaben auf der Rückseite – zugesetzte Zucker, Natrium, gesättigte Fettsäuren, alles zusammen – vermitteln nach wie vor ein insgesamt vollständigeres Bild. Und das gilt auch für Lebensmittel, die wir hierzulande kaufen ;-)
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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 29. September 2026