Milky Way

Wettbewerbsbeitrag von Florentine Nies, 17 Jahre

Aufmerksam sehen die Augen mich an. Gehoben ist die Nasenspitze auf mich gerichtet. Leicht geöffnet sind die Lippen und gesprenkelt die Sommersprossen auf dem Gesicht der Frau vor mir.
„Wie soll er denn aussehen?“, fragt sie. Sie lächelt. Es ist ein geduldiges Lächeln, das genau das vermittelt, was sie hier tut. Geduldig sein. Freundlich reden. Aufmerksam zuhören. Sich langweilen.
„Aussehen?“ Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich falte das Papier in meiner Hand.
„Blau vielleicht?“ Ich fahre mir durchs Gesicht.
Die Frau tippt „blau“ in ihren Computer.
„Und an welche Größe dachten Sie?“ Größe? Hm.
„Naja“, erwidere ich, „groß genug für mich.“ Sie setzt die Finger wieder auf die Tastatur. „Äh, aber vielleicht auch noch genug Platz für ein paar andere?“, füge ich hastig hinzu. „Es soll jetzt nicht total einsam sein, aber auch nicht – also genau richtig eben.“
In Lichtgeschwindigkeit fliegen die Finger über die Tasten.
Meine ungenauen, verwirrenden, chaotischen Antworten sind mir unangenehm. Ich fühle mich unsicher. Die ganze Zeit schon. Seit ich aus dem Bus gestiegen, ins kühle Innere des Gebäudes getreten, am Empfangstresen angestanden, und von meinem Plastiksitz in der Wartehalle aufgestanden bin. Immer weiter zerknickt wird der Papierzettel mit der Nummer 365 in meiner Hand.
„Namenspräferenzen?“
Wieso stellt sie mir solche Fragen? Tagelang habe ich mich vorbereitet, seit ich den Entschluss gefasst habe, hier her zu kommen. Haarklein habe ich mir alles ausgemalt. Aus dem Bus auszusteigen, ins kühle Innere des Gebäudes zu treten, am Empfangstresen anzustehen und von meinem unbequemen Plastiksitz aufzustehen. Gut. Der Sitz fehlte in meiner Vorstellung. Mein Hintern tut weh.
„Vokale sind beliebt“, sagen die Sommersprossen hinter dem Schalter, um mir meine Entscheidung zu erleichtern.
„Achso, hm, keine Ahnung. Dann mit ... E?“ Das ist der erste Vokal, der mir einfällt.
„Farbe, Größe, Name“, murmeln die Lippen. „Gut. Dann kommen wir jetzt zu den wichtigen Eckdaten.“
Ich nicke und schlucke. Eckdaten klingt wie etwas, das man eigentlich nicht haben sollte. Etwas, das nicht in das Sonnensystem passt. Etwas, das definiert, ob man dazugehört, oder nicht.
Trotzdem habe ich mir Worte zurechtgelegt, für den Fall, dass ich nach meinen Eckdaten gefragt werde. Wenn ich nach meinen Gründen gefragt werde. Den Gründen, warum ich nicht in das Sonnensystem passe.
„Seit wann denken Sie darüber nach den Planeten zu wechseln?“
„Seit einem Monat und vier Tagen.“ Schnell kommt die Antwort. Ich atme aus. Endlich etwas, dass ich mir vorher überlegt habe.
In Raketentempo tippen die Finger meine Antwort in das Sonnensystem des Computers.
„Gab es einen konkreten Auslöser, der Sie zu Ihrer Entscheidung bewegt hat?“
Drei Sekunden braucht es, bis ich etwas erwidere. „Der Moment, als Pluto mich besucht hat.“
Die Sommersprossen hüpfen auf und ab.
„Erläutern Sie bitte genauer.“ Klick. Klick. Klack. Es riecht nach Zeitlosigkeit. Zweieinhalb Sekunden verstreichen.
Schwerelose Luft fließt durch meine Lungen. Ein. Aus.
„Ich war zu Hause. Saß an meinem Esstisch.“ Ein. Aus. „Vor mir lag eine Tüte MilkyWay. Da scharrte es an der Tür. Ich bin aufgestanden. Vor der Tür stand Pluto, der Collie meiner Nachbarin.“ Ich schlucke. „Und sie hat gejault, als ob sie den Mond anheulen würde. Dann ist sie zwischen meinen Beinen durch in die Wohnung und ich stand unschlüssig im Türrahmen.“
Schweigen von meiner Seite. Ich rieche den Hund. Das Klicken verebbt. „Und wie hängt das mit ihrer Entscheidung zusammen?“
Leicht rötlich wird mein Gesicht. Vielleicht auch käsig weiß. „Als ich in die Küche bin, hatte Pluto ihre Vorderpfoten auf den Esstisch gestellt und an der Tüte geschnüffelt. Ich hatte keine Angst sie zu vergiften. Hunde dürfen keine Schokolade essen, aber die Tüte war zu. Und da ist mir erst aufgefallen, dass es gar kein MilkyWay war.“
„War es nicht?“
„Nein. Bounty“, kurz halte ich inne. „Ich hasse Bounty.“
Verständnislose Blicke. Wie schwarze Löcher bewegen sich die Pupillen auf mich zu.
„Und dann ist mir klar geworden, dass ich weg muss.“ Langsames Nicken. Sie scheint nun eher genervt als freundlich.
„Ich glaube es war Schicksal, dass Pluto an meiner Tür gekratzt hat. Vielleicht hätte ich sonst nie bemerkt, dass es kein MilkyWay war.“ Ich höre, wie im Hintergrund weitere Nummern aufgerufen werden.
„Nochmal zusammengefasst: Sie wollen auf einen neuen Planeten auswandern, weil Sie einen Hund–“
„Einen Collie.“
„Weil sie einen Collie bei sich zu Besuch hatten, wodurch Sie bemerkt haben, dass Sie nicht den einen, sondern den anderen Schokoriegel gekauft–“
„Die Tüte habe ich geschenkt bekommen. Die lag vor der Tür. Genau wie der Hund. Obwohl, eigentlich lag der ja nicht.“
„ – geschenkt bekommen hatten, weshalb Sie sich diesem Planeten entsagt fühlen. Wissen Sie übrigens, dass beide Riegel in Kinderarbeit produziert werden?“
Sie klingt gereizt und ein bisschen, als ob sie mich nicht ernst nimmt. Trotzdem lächelt sie dabei. Menschen sind merkwürdig. Ein weiterer Grund, weshalb ich mich diesem Planeten entsagt fühle, denke ich.
„Was für ein weiterer Grund?“ Marsrot verfärbt sich mein Gesicht. Offensichtlich habe ich das gerade laut gesagt.
„Äh, die, die Kinderarbeit, die ist, äh ein weiterer Grund“, sage ich hastig.
„Die Kinderarbeit?“, irritiert sehen mich die schwarzen Löcher an.
„Ich, also, naja, in dieser Welt läuft viel schief, deshalb dachte ich, keine Ahnung, ist es woanders vielleicht erträglicher.“
„Sie wollen vor den Problemen dieses Planeten fliehen?“ Die leicht geöffneten Lippen beben, die Finger nehmen Abstand von der Tastatur und falten sich auf der Tischplatte.
„Sie beabsichtigen allen Konflikten aus dem Weg zu gehen und sich Lichtjahre entfernt Ihren Sorgen um Schokoriegel zu widmen?“ Ihre Gereiztheit wird durch Zorn ersetzt.
„Das würde ich jetzt nicht so sagen, es ist nur so, dass ich das Gefühl habe, ich kann nichts Gutes beitragen–“
„Unsinn! Sie wollen die Welt im Stich lassen, den Raketenabflug machen! Ich sag Ihnen was: Alle Menschen, die ich schon zu Außerirdischen gemacht habe, waren genau wie Sie. Heulen hier was vor und wollen Sie sich aus dem Sternenstaub machen, weil sie glauben in einer entfernten Galaxie wird alles besser!“
Ich will irgendwie reagieren, aber der galaktische Nebel ihrer Worte umschlingt mich.
„Klar, die Welt ist grausam, aber alle, die nicht mal den kleinsten Scheiß daran ändern, sind mindestens genauso grässlich! Sie gehören auf diese Erde und deshalb sag ich Ihnen das jetzt nur einmal: Schmeißen Sie Ihr Elend in die nächste Mülltonne und machen Sie was!“
Schweigen. Die stechenden Augen lassen von mir ab und spießen den Bildschirm auf.
E wie Erde, denke ich, und werfe den Zettel mit der Nummer 365 in den Papierkorb neben dem Ausgang.

Alle Infos

Die Über All Lesung

Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

Die Über All Jury

Teilnahmebedingungen

Preise - Das gibt es zu gewinnen!

Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

EINSENDUNGEN

Autorin / Autor: Florentine Nies