Der Sechsbeiner

Wettbewerbsbeitrag von Meret L., 25 Jahre

„Pass auf, Dextri. Wenn du weiter so träumst, landest du noch im Grünen Loch.“ Nyal knuffte mich in die Seite. Er hatte Recht. Ich sollte mich wirklich besser auf die Wendeltreppe konzentrieren, die sich in einer immer enger werdenden Helix gen Himmel schraubte. Einen Schritt vor den anderen, nicht an diese hinreißenden Augen, diese langen Wimpern denken. Unter uns schlug das Grüne Loch Blasen und rülpste. Da war wohl wieder jemand reingefallen.
„Siehst du! Ich will nicht, dass du so endest!“ Nyal krallte sich in meinen Mantel und zog mich näher zu den anderen Schülern, die sich ihren Weg nach oben zum Pausenhof bahnten.
„Ach Nyal, wenn du so einen hübschen Patenmenschen hättest wie ich, wärst du mit den Gedanken auch ganz woanders.“ Ich riss mich los und hüpfte über die letzte Stufe auf die Plattform.
„Du weißt schon, dass die Homo sapiens unsere Versuchsobjekte sind und nicht unsere Freunde?“ In Nyals Auge schlich sich ein missmutiger Ausdruck.
„Meinst du etwa, ich vermenschliche sie zu sehr?“ Ich streckte ihm die Zunge raus und schritt unbeirrt auf das Hauptgebäude zu. Endlich wieder Anthropologie.

Frau Qui klatschte in die Hände und richtete ihr Monokel. „Heute nehmen wir mit den Homo sapiens erstmals Kontakt auf.“ Ein aufgeregtes Raunen ging durch die Reihen. „Dextri! Welche Praktik eignet sich dazu am besten?“ Anscheinend konnte auch Frau Qui es kaum erwarten, denn sie musste wissen, dass ich die richtige Antwort kannte.
„Die Transgredior-Methode“, hauchte ich. Frau Qui deutete ein Nicken an, und mit einem Schnipsen ihrerseits flogen milchige Kugeln von den hinteren Regalreihen auf unsere Plätze. Na endlich. Die Anweisungen meiner Lehrerin nahm ich kaum noch wahr, die Vorgehensweise kannte ich ohnehin bis ins letzte Detail. Je länger ich auf den Nebel in der Kugel starrte, desto mehr lichtete er sich. Zum Vorschein kam eine beleuchtete Stadt, riesig, am Fuß eines Gebirges umgeben von staubiger Wüste. All diese Fremdwörter hatte ich schon in der ersten Stufe gelernt, als die anderen Schüler noch nicht einmal den Unterschied zwischen Tag und Nacht kannten. Ich konzentrierte mich auf das Ziehen in meinem Inneren, das immer stärker wurde, je näher ich dem Randbezirk kam. Die Verbindung zu meinem Patenmenschen war mittlerweile so stark, dass ich die Stadt nicht mehr nach ihm absuchen musste, sondern auf direktem Weg zu ihm gesogen wurde. Da. Der sechste Stock, die zugezogenen Vorhänge. Mein Blick glitt durch sie hindurch in ein dämmriges Zimmer, in dem eine Nachttischlampe vor sich hin knisterte. Mein Mensch schlief.

Lange genug hatte ich das Leben des Mädchens ausgekundschaftet, die Kommunikation mit ihren Mitmenschen protokolliert und ihre Laute dekodiert. Die Transgredior-Methode, rief ich mir in Erinnerung, genau. Jetzt konnte ich sie endlich in die Tat umsetzen. Eine gängige Praxis war, das Licht flackern zu lassen und ihr über einen Code mitzuteilen, dass ich von einem anderen Planeten kam. Aber wie langweilig war das denn bitte? Das hatten wir Aluzia-Schüler so oft getan, dass die Menschen schon Filme darüber drehten.
Unter dem Bett huschte etwas über die Fliesen. Ein Sechsbeiner. Ich konnte mein Glück kaum fassen – einen besseren Transgredior gab es gar nicht. Ich füllte meinen Geist mit all den Eindrücken des Zimmers, nahm wahr, wie die Augen des Mädchens unter den geschlossenen Lidern zuckten, wie die Fühler des Sechsbeiners zitterten und die Luft um mich herum schimmerte. Moment. Moment! Das war ein Schritt zu weit, die Materialisierungs-Methode war etwas für fortgeschrittene Studenten der Anthropologie. Meine Haut kribbelte. Jetzt stand ich hier verloren, mitten im Raum.

Ich war auf der Erde. Nicht mein Geist in dem Körper eines Sechsbeiners, ich. Es roch fremd und muffig und es herrschte eine brütende Hitze. Mein Patenmensch rührte sich unter dem dünnen Laken.
Heilige Galaxis, wenn sie mich jetzt entdeckte, würde sie den Schock ihres Lebens erleiden. Wie kam ich hier wieder raus? Was, wenn ich von hier aus die Transgredior-Methode anwandte? In Gedanken hörte ich Nyal über meinen Übermut schimpfen. Plötzlich ging ein Ruck durch den Körper des Mädchens und sie richtete sich auf. Sie starrte mich an. Ihre Augen brannten sich wie zwei braune Zwerge in meine Netzhaut.
„Du – du hast nur ein Auge.“ Sie deutete auf den Punkt zwischen ihren Brauen.
Sie sprach! Mit mir! Erstaunlicherweise wirkte sie dabei ziemlich gefasst.
„Kannst du-“ Sie zögerte. „sprechen?“
„Natürlich." Jetzt klang ich fast schon schnippisch. Dabei konnte mein Patenmensch doch gar nichts über mich wissen. „Es tut mir leid. Alles. Das Ganze ist ein riesiges Versehen“, plapperte ich los. "Eigentlich wollte ich diesen Sechsbeiner -" ich drehte mich um mich selbst. Wo war er hin?

„Diesen was?" Das Mädchen schien mit einem Mal hellwach. Sie sprang vom Bett auf, sodass ich instinktiv zurückwich.
„Na, den kleinen – Da!" Ich deutete auf das flinke Wesen, das im Begriff war, unter dem Nachttisch zu verschwinden. "Ich wollte ihn als Transgredior nutzen, aber es hat nicht funktioniert." Ich ließ die Schultern hängen. In meinem Inneren zog etwas, das ich nicht ganz zuordnen konnte.
Das Mädchen schien etwas enttäuscht von dem Exemplar unter ihrem Nachttisch und fixierte wieder mein Auge. „Wie heißt du?" Sie sprach mit mir wie mit einem ängstlichen Tier.

„Dextri.“ Ich holte tief Luft. „Die Gemeinschaft hat mich nach dem fünften Mond meiner Heimat benannt. Im Vergleich zu den anderen ist er etwas verrutscht. Das passt irgendwie zu mir, ich-“
Das Ziehen in meinem Inneren wurde so stark, dass ich es nicht mehr unterdrücken konnte. Ich löste mich auf, vor den erschrockenen Augen meines Patenmenschen, und wurde durch einen reißenden Strudel geschubst. Bis ich in einem Sumpf landete. Es stank und schmatzte.
Das Grüne Loch spuckte mich aus und ich landete auf allen Vieren auf der Wendeltreppe. Frau Qui stand mit verschränkten Armen oben auf der Plattform und schüttelte den Kopf. Ich hörte schon von weitem ihre Tirade, was beim großen Aluzia ich mir dabei gedacht hatte. Aber egal: Ich war fest entschlossen, es wieder zu tun.

Alle Infos

Die Über All Lesung

Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

Die Über All Jury

Teilnahmebedingungen

Preise - Das gibt es zu gewinnen!

Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

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