Mein Stern

Wettbewerbsbeitrag von Tronja, 16 Jahre

Ich bin eine Träumerin. Mit diesen Worten hatte ich mich ihm vorgestellt. Er hat nicht geantwortet. Zumindest nicht so, dass ein menschliches Ohr es hören könnte.
Der Himmel war dunkel als wir einander fanden. Schwarz, mit hell leuchtenden Sprenkeln übersät.
Seit dem frühen Abend hockte ich auf dem Dielenboden meines Arbeitszimmers, das Auge ans Teleskop gepresst. Neben mir lagen Notizbuch und Stift, zum Einsatz bereit.
Eigentlich hatte ich Feierabend.
Eigentlich hatte ich einen Neun Stunden-Arbeitstag hinter mir.
Eigentlich musste ich früh morgen raus.
Aber eine Leidenschaft lässt sich nicht abstellen. Die Leidenschaft fürs All, für den Himmel und alles dahinter. Auch nicht, wenn man sich schon neun Stunden mit dem Thema beschäftigt hat.
Ich bin eine Astrophysikerin, mein Job ist es, die Welten jenseits unserer zu erforschen.

Nur ein einziges Mal war ich an diesem Abend gestört worden. Ein Klingeln an der Tür. Spät, fast zweiundzwanzig Uhr. Verwundert stand ich auf und tapste die Treppe hinunter. Vor der Tür blieb ich stehen, linste durch den Spion.
Ein ganz normaler Postbote. Gelbe Klamotten, Logo auf der Brust, Paket in der Hand.
Ich drückte die Klinke nach unten.
„Sonderzustellung“
Verlegen streckte er mir das Paket hin.
„Danke“
Verwirrt nahm ich es entgegen.

Dann deutete er zur Seite. Mein Blick folgte seiner Geste. Vier weitere Pakete, unterschiedlich groß, nachlässig aufeinander gestapelt.
Ich bedankte mich nochmal. Perplex. Ratlos. Der Postbote ging. Also blieb mir nichts anderes übrig, als die Packen reinzuholen.

Nach oben, ich schleppte sie gleich nach oben, da war es warm und gemütlich. Erst dann zerschnitt ich das Klebeband.
Es dauerte eine Stunde, bis ich die Maschine richtig zusammengesetzt hatte. Eine halbe weitere bis ich herausfand, wie man sie anschaltete. Die andere Hälfte um zu begreifen, wie sie funktionierte.
Eine seltsame Konstruktion. Ein grünlicher Bildschirm mit einer sich ständig verändernden Wellenlinie darauf, eine Knopfleiste und etwas, das auf den ersten Blick aussah wie eine kleine Campingherdplatte.
Seltsam und faszinierend.

Mitternacht, Beginn der Geisterstunde, da redete ich das erste Mal mit einem Stern. Mit meinem Stern.
Eine Hand flach auf der Herdplatte, die andere an der Knopfleiste, Augen auf dem Bildschirm. Die Platte schien sich auf meine Haut zu schmiegen. Ein schönes Gefühl, zurückhaltend und freundlich, wie ein Willkommensgruß.
Direkt unterhalb des Bildschirms war ein kleines Mikrophon eingebaut.
Ich beugte mich vor, begann zu sprechen.
Die Wellen wurden höher, spitzer. Ein Kribbeln kroch in meine Fingerspitzen. Der Stern lachte.
Ich fragte, was denn so lustig sei.
Warme Herzlichkeit, Zustimmung, die Empfindung übertrug sich von dem Stein der Platte auf meine Haut.
Erstaunlich.
Er war auch ein Träumer. Aber das gerade träumte er nicht. Ich auch nicht. Das war echt.

Wir redeten die ganze Nacht. Die Zeit war ausgesetzt, existierte nicht, Stunden verstrichen wie Sekunden.
Am nächsten Morgen war ich hundemüde. Trotzdem voller Energie. Bestimmt schüttete mein Körper gerade alle Glückshormone, die es gab, auf einmal aus. Schließlich hatte ich mit einem Himmelskörper kommuniziert.
Von da an taten wir das jede Nacht.
Natürlich nicht immer bis zum Morgengrauen.
Niemand kann ohne Schlaf auskommen.

Drei Jahre lang begleitete er mich, mein unsichtbarer Freund.
Er erzählte mir vom All, von dem was um ihn herum passierte; Sternschnuppen, Kometen, Asteroiden. Von Galaxien und Planeten, die ich nur aus meiner Forschung kannte. Er ließ mich seine Gefühle fühlen, zeigte mir seine Sicht auf sein Dasein.
Ich erzählte ihm von meinem Alltag, von Tagesabläufen und dem Leben in der Masse. Von Blumen, Zahnbürsten und allem, was er aus der Distanz nicht sehen konnte.
Ihm konnte ich alles anvertrauen. Er konnte mich immer beruhigen.
Immer war es ich, die das Gespräch beendete. Entweder musste ich schlafen gehen, oder ich schlief mit der Stirn auf dem Bildschirm ein. Oder ich war früher aufgestanden und musste los, zur Arbeit.
Nur ein einziges Mal war es anders.

Ich fragte, wie denn die Erde für ihn aussah. Ich war neugierig, durch die Lichtjahre müsste er doch unsere Vergangenheit sehen. Hat sie sich verändert? Ein Stern lebt im Vergleich zum Menschen so wahnsinnig lang.
Er wurde traurig. So etwas wie Scham und Resignation floß aus der Platte in meine Hand. Die Platte selbst wurde eiskalt.
Feuer, Überschwemmungen, bebende Erdteile. Die Schwingungen, die ihn erreichten, erzählten vom Krieg und vom Leid.
Er schaute nicht gerne in unsere Richtung.
Plötzlich war da kein Gefühl mehr in der Platte. Der Stein war nichts weiter als ein Stein.
Zuerst wurde ich unruhig, dann panisch.
Eine halbe Ewigkeit versuchte ich den Kontakt wieder herzustellen.
Irgendwann musste ich aufgeben.

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass meine Verzweiflung völlig unbegründet war. Er wartete auf mich, wie immer.
Ich hatte den Wink verstanden, es gab Themen über die wir schweigen sollten.
Das war kurz vor Ende unserer gemeinsamen Zeit.

Drei Jahre, mehr hatten wir nicht. Ein kleiner Bruchteil eines Menschenlebens, gar nichts für einen Stern. Eines Tages war es vorbei. Nicht plötzlich, nicht unerwartet, nur schmerzhaft. Aber wir konnten nichts tun. Denn auch Sterne müssen sterben.

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Die Über All Lesung

Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

Die Über All Jury

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Preise - Das gibt es zu gewinnen!

Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

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