Fliegen

Wettbewerbsbeitrag von R.B.-Taya, 15 Jahre

Zirp zirp. Die Grillen gehen mir mächtig auf den Wecker. Als wäre es nicht schon schlimm genug, die Tasche gefüllt mit Steinen, oder etwas ähnlich schweren, meiner kleinen Schwester durch die Gegend zu schleppen, fängt es an zu dämmern. Und hier im Wald scheint es sehr schnell tintenschwarze Nacht zu werden. Wenn jetzt ein Stein auf dem Weg zum Ferienhaus liegt, würde ich ihn erst bemerken, wenn ich mir entweder den Fuß daran breche oder ich hinfliege und ein wenig von dem charmanten Waldbodengeschmack probiere. Ich verziehe das Gesicht, so ein Erlebnis brauche ich echt nicht nochmal, einmal ist schlimm genug. Also fange ich an, mein Tempo zu drosseln und dabei akribisch den Waldboden auf Unebenheiten zu untersuchen. Dummerweise sehe ich so die tief hängenden Äste direkt vor mir nicht. Ende vom Lied ist eine kleine Schramme an der Wange, die sich gar nicht mal so klein anfühlt und höllisch brennt. Frustriert lasse ich mich auf die nächste Lichtung fallen, soll meine Familie mich doch suchen kommen, wenn ich hier schon als Packesel für das kleine Prinzesschen missbraucht werde. Ich kann die Stimme meiner Mutter förmlich hören:
Aber Mia du bist doch schon groß, du kannst das schon einmal machen.
Einen Dreck kann ich. Ich möchte eigentlich einfach nur meine Ruhe und vielleicht mal mit Sofie in den Urlaub fahren. Aber aus einem mir unerklärlichen Grund wird Sofie, ja von meinen Eltern geächtet, obwohl sie denken, dass Sofie nur EINE Freundin wäre. Wüssten sie die Wahrheit, könnte ich mir direkt ein Platz unter der Brücke bei den anderen Obdachlosen reservieren.

In einer katholischen Familie aufzuwachsen, wenn man selbst lesbisch ist, ist nicht unbedingt einfach. Doch in einer katholischen Familie aufzuwachsen die gleichzeitig Angst vor Echsenmenschen und Chemtrails hat ist der Horror. Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich das Haus verlassen darf, ohne einen Aluhut zu tragen. Bei uns zu Hause lief im Fernsehen also nur irgendwelche Sender, auf denen zahlreiche Dokus über Impfgegnerschaft, die Risiken von moderner Technik- Stichwort schützt euch alle bevor ihr alle impotent werdet oder gar von der Regierung abgehört, die nahende Weltübernahme durch Echsenmenschen, Coronaleugner und sonstiger wissenschaftsfeindlicher Unsinn. Wenn bei uns dann doch mal die Tagesschau geguckt wird, dann nur um sich aufbrausend darüber aufzuregen. Häufig fliegen dann solche Sätze wie:
Ihr Schlafschafe wacht auf! Oder: Die Regierung will uns doch nur verarschen, dieses Virus existiert gar nicht.

Zum Glück war ich mit 17 Jahren alt genug um selbst zu entscheiden und damit drei mal geimpft, das hatte zwar, als meine Eltern das beim nächsten Blick in den Impfausweis mitbekommen hatten, einen großen Streit ausgelöst, mit dem Ausgang einen Monat Hausarrest.
Für mich hieß das einen Monat Sofie nicht sehen. Wir gehen auf unterschiedliche Schulen und hatten uns vor einem Jahr in einem Cafe in der Innenstadt kennengelernt. Sofie hatte dort über die Ferien gejobt. Wenn ich das Haus also nicht verlassen durfte, außer um zur Schule zu gehen, gab es für uns keine Möglichkeit uns zu sehen.
Ich lege meinen Kopf in den Nacken und schaue in die Sterne, irgendwann werde ich auch die Welt beobachten können. Schon seit wir in der Grundschule einen Film über das All gesehen hatten, wollte ich Astronaut werden.
Sofie und ich beobachteten häufig den Nachthimmel. Manchmal schaffte ich es, mich abends hinauszuschleichen, um bei Sofie zu übernachten. Zwar klingelt dann der Wecker zu einer unmenschlichen Zeit, damit ich auch unbemerkt wieder in mein Zimmer klettern kann, allerdings lohnt es sich dafür aber auch. Sofie hatte zu ihrem Geburtstag ein Teleskop geschenkt bekommen. Als ich das letzte Mal bei ihr war, sind wir zusammen auf ein Parkhaus geklettert und haben von dort mit dem Teleskop in den Nachthimmel geschaut.

Sofie war intelligent und träumte davon, Astrophysikerin zu werden. In ihrem Zimmer gab es ein riesiges Regal voll mit Büchern über Physik, Astronomie und die Geschichte der Raumfahrt. Immer wenn ich zu ihr kam und wir in die Sterne schauten, fing sie an Theorien und Fakten mit mir zu teilen. Beim letzten Mal, auf dem Parkhaus, diskutierten wir über die unterschiedlichen Entstehungstheorien des Universums. Sofie fing dann an mit Begriffen wie stationär, also dass das Universum schon in der Größe, wie es jetzt ist, entstanden ist, oder inflationär, das sich das Universum stetig ausdehnt und neue Galaxien entstehen, und ich hörte ihr zu, ließ mir alles geduldig erklären. Mit ihren Erzählungen über das All weckte sie in mir noch stärker das Bedürfnis, selbst auf die Erde hinabzuschauen und selbst in Schwerelosigkeit zu schweben. Schon mit 13 hatte ich mich bei der Esa informiert was für Anforderungen ich erfüllen müsste, um Astronaut zu werden. Danach hatte ich angefangen zu büffeln, ich brauche unbedingt ein Stipendium, meine Eltern würden mir niemals ein Studium in Chemie finanzieren, und darauf würde es wohl hinauslaufen. Im Notfall würde ich auch noch Mathematik in Betracht ziehen, aber am liebsten ist mir nunmal Chemie. Meine Noten waren bis zu diesem Zeitpunkt zwar okay, allerdings nicht gut genug, um ein vollständiges Stipendium zu erhalten. Also war ich gewissermaßen gezwungen, mich auf den Hosenboden zu setzen und zu büffeln. Auch jetzt sollte ich eigentlich lieber meine Nase in einen Hefter stecken als hier rumzusitzen, denn für die erste Woche nach den Herbstferien ist direkt eine Klausur angekündigt, aber ich habe Angst, Sofie hat versucht zu fliegen und sie hat es nicht geschafft. Sie ist nicht zurück gekommen. Es ist anstrengend, sich der Angst zu stellen, aber ich würde weiter machen für Sofie und für mich. Sofie konnte ihren Traum nicht erfüllen und ich werde nicht zulassen, dass mein Traum stirbt, das hätte Sofie nicht gewollt.

Ich schrecke aus meinen Gedanken hoch, als ich ein Rufen höre: „Lola, wo bist du?" „Hier!“ Ein Lichtschein taucht zwischen den Bäumen auf.

Alle Infos

Die Über All Lesung

Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

Die Über All Jury

Teilnahmebedingungen

Preise - Das gibt es zu gewinnen!

Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

EINSENDUNGEN

Autorin / Autor: R.B.-Taya